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 > Phönix aus der Flasche

Salon
Feridun Zaimoglus „Ruß“

Phönix aus der Flasche

von 
Oliver Jungen
8. November 2011

Feridun Zaimoglu hat einen sprachmächtigen Ruhrpott-Roman geschrieben

Es mag sein, dass manch einer diesen Roman über einen Duisburger Kioskbesitzer Renz, der einst Arzt war, aber nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau abschmierte, soff, im Kiosk landete, nach wenigen Seiten wieder weglegt. Groteske Ruhris wie Kallu, Norbert und Hansgerd bringen bei dem privat Ikonen malenden Büdchenmann die Zeit herum: „Der Nachbar, der ist doof wie ne Karre Asche. Ich hab gedacht, wenn der Tortenarsch im Keller schießen tut, sind meine Flaschen in Gefahr.“ Klingt nach Dittsche. Wie immer an Rhein und Ruhr aber gilt: Da muss man durch.

Was nämlich derart prekär daherkommt – ein Ruhrpott-Roman! –, und dann auch noch die Chuzpe besitzt, die über diesem Landstrich schwebende Rußwolke aus Bergmanns-Nostalgie als Litanei in den Text einzuweben, das erweist sich bald als präzise beobachtete und bombastisch kreative Zeichnung eines perspektivlosen Lebens in perspektivloser Zeit: ein Held, der im Sturz vergeblich Halt und Haltung sucht bei den Heiligen. Aber Phönix, den gibt es nur im Mythos.

In der Heimat lauert die Erinnerung, in der Fremde die Leere, „als würde man ihn zwingen, Watte anzufassen“. Renz hat Freunde, doch ein Menschenfreund ist er nicht mehr, sieht verschweinte Kerle und Rattengesichter in den Straßen: „… in früheren Zeiten hätte man ihnen mit dem Duellsäbel in den Kopf gehackt.“ Es bleibt nur das Verschmelzen mit dem Ruß. So tunkt er regelmäßig die Finger in die Urne und reibt sich die Asche seiner Frau auf die Zunge. Renz kennt keine Illusionen mehr, er sieht sie alle, „die kranke Lust Heraussprotzenden. Spuckende mit Flammenrot an den Wangen“. Über vier Seiten erstreckt sich diese hasserfüllte Gesellschafts-Taxonomie. Der kalte, genaue Blick des Psychopathen, das ist Neueste Sachlichkeit. Auch vermag kaum jemand heute so treffend Soziolekte in Kunstsprachen umzuformen wie Feridun Zaimoglu. Sein Ruhrgebietsdeutsch, eine Mischung aus Überkorrektheit und Deftigkeit, ist ein komplett veredeltes Idiom: „Dich reib ich zu Rattenkacke.“

Die Windungen im Erzählgang – es gilt, auf einen Verrückten aufzupassen, immer mehr Orte werden scheinbar ziellos durchquert – lassen an Flaneurs-Poetik denken. Doch sollte man Renz nicht mit dem „schlendernden nostalgischen Bürger“ verwechseln, denn es gibt eine unerbittliche Teleologie: Der Mörder seiner Frau wird entlassen. Das Kampf zwischen Hass und Vergebung ist der Kern dieses Buches. Beide sind hier personifiziert: die Liebe in Form von Marja, während Renz zur Blutrache ein dubioser Bekannter treibt: „Das Alte lebt, das Alte schlingt sich wie eine Natter um deinen Hals und beißt dich tot.“ Irgendwann scheint Renz geradezu zum Töten gezwungen – ein Sieg des Versuchers.

Vögel, wenn sie Menschen sehen, sehen keine Einheit, sondern fünfzig Vögel, wie wir erfahren: Der Vogel warte, dass der Schwarm auseinanderfliege, doch das geschehe nicht. Es scheint dann doch zu geschehen, Renz vervielfacht sich. Ist er so schuldlos, dass er einen Stein werfen dürfte? Doch dann geschieht etwas Unerwartetes, ein Eingriff von oben gewissermaßen …

Ein fulminantes Buch über Verlust, Heil und Haltung ist Feridun Zaimoglu da geglückt – ob man die letzte Identifikation des Helden mit einer ganzen Region nun mitmachen will oder nicht.

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