Entlassene Intendanten - Wo die Kultur stirbt, wächst die Barbarei

Kisslers Konter: Der Rostocker Intendant Sewan Latchinian verglich Kürzungen im Kulturetat mit den Verwüstungen durch den „Islamischen Staat“. Sein Kollege in Novosibirsk stolperte über eine als blasphemisch kritisierte „Tannhäuser“-Inszenierung. Beide traf die Rache der Kulturverächter – mit verheerenden Folgen

Rostocker demonstrieren gegen die Entlassung des Theater-Intendanten Sewan Latchinian im örtlichen Rathaus
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Autoreninfo

Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Was ist und zu welchem Zweck gibt es Kultur? So sehr momentan aus naheliegenden Gründen über die Freiheitsrechte des Individuums in westlichen und in nichtwestlichen Gesellschaften diskutiert wird: Diese zentrale Frage wird selten gestellt. Unter der Hand hat sich eine Große Koalition der Kulturverächter etabliert. Der einen Fraktion ist Kultur ein schöner, aber lässlicher Luxus, zuständig für das besondere Erlebnis an heiteren Tagen, der Digestiv nach der gelungenen Transaktion, das Amuse-Gueule zur Kontaktanbahnung im Kreis der Gleichen, ein Kitt, der abdichtet vor den Zumutungen der Wirklichkeit. Der anderen Fraktion ist Kultur ein sinnloses Privatvergnügen, für das im grell-grauen Alltag kein Platz sei zwischen Playstation und Glotze, Maloche und Stütze, Fitness und Flachmann.

Weil diese Geistfeinde weite Teile der Welt, wie wir sie kennen, im Griff halten, dringen Nachrichten wie jene von letzter Woche aus Novosibirsk und Rostock selten über die allgemeine Wahrnehmungsschwelle. Ein Intendant wird entlassen, ein Direktor abgesetzt, eine Oper aus dem Spielplan genommen – na und? Das sind, sagen sich die Großkoalitionäre des Dünkels, die üblichen News aus dem Showbusiness, eitle Pfauen allesamt und Mimosen, für deren Probleme es schon Gründe geben wird. Ja, Gründe gibt es für den Raubbau am Gemeingut, doch sie liegen weit weniger bei den geschassten Kulturmenschen Boris Mesdritsch und Sewan Latchinian als bei der Fronde der Verächter und ihrer Sachwalter in der Politik.

Pikanter IS-Vergleich


Vordergründig ist der Intendant des Rostockers Volkstheaters, Sewan Latchinian, über ein forsches Zitat gestolpert. Bereits am 9. März hatte Latchinian den Bogen geschlagen von den Zerstörungen von Nimrud und Kirkuk durch den „Islamischen Staat“ zur „Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen“ in Mecklenburg-Vorpommern und ergänzt, er setze das nicht gleich, „aber vergleichen muss man das schon“. Und ob!

Bekanntlich kann man nur das Ungleiche vergleichen, nicht das Identische. Für diesen fundamentalen Unterschied ist eine reflexgetriebene Erregungsgesellschaft ebenso taub wie eine Politikerkaste, die die Welt einteilt in das, was „ökonomisch Sinn macht“ und „sozial relevant“ ist, und das, was weder das Eine noch das Andere sei. Da muss das Theater durch den Rost fallen, da muss ein Latchinian als Bauernopfer herhalten, wenn der parteilose Oberbürgermeister und der Kultusminister von der SPD sich einig sind in ihrer Aversion wider die Kunst. Die Amputation des Rostocker Vier-Sparten-Hauses und der Rückbau der Bühnen des Landes zu Gastspielstätten wäre vermutlich in deren, keineswegs aber in Latchinians Sinn.

In Novosibirsk hingegen büßte der Direktor der Staatsoper und des Balletts, Boris Mesdritsch, für eine als blasphemisch kritisierte „Tannhäuser“-Inszenierung. Ob dieser Vorwurf zutrifft, kann aus der Ferne nicht beurteilt werden. Auf Szenenfotos ist ein stabiler Titelheld mit wallender Jesus-Mähne im Kreise barbusiger Frauen zu sehen. Bekanntlich erzählt Wagners Drama den Läuterungsweg des Sängerkünstlers Tannhäuser aus dem erotisch maximal aufgeladenen Venusberg retour zu Buße, Umkehr und Vergebung. Inwieweit die fundamentale Lockung damit stillgestellt oder aufgeschoben ist, bedarf des deutenden Zugriffs.

Provinzpolitiker verzwergen das Land


Natürlich hat die orthodoxe Kirche ebenso das Recht, gegen eine in ihren Augen falsche Lesart zu demonstrieren, wie es in anders gelagerten Fällen andere Interessenvertreter haben, aus dem linken oder rechten Spektrum, der Familien- oder der Homosexuellen-Lobby. Hierzulande laborieren die Kirchen am Gegenteil, am Laissez-faire noch im Angesicht himmelschreienden Widersinns und machen nur fallweise eine bessere Figur. Den Protesten aber nachzugeben statt zur Debatte zu laden und schließlich mittels Moskauer Direktintervention den Intendanten abzusetzen, ist grundfalsch, verheerend, armselig und zeigt einmal mehr, dass die westliche Welt ihre Grenze zwischen Polen und Russland hat – mal zu beiderlei Glück, mal zum Unglück.

Freie Gesellschaften brauchen freie Künste. Natürlich darf Kunst nicht alles, natürlich ist Provokation nicht abendfüllend, doch wer die Freiheit einschränkt, trägt die Beweislast. An ebendieser haben sich die linken Rostocker Provinzpolitiker, die ihr Bundesland der Lächerlichkeit preisgeben, ebenso verhoben wie Moskaus neurechte Herren. Den Menschen an der Küste wird durch den Fall Latchinian gesagt: Lebendige Kultur sparen wir uns gerne, die braucht ihr gar nicht unbedingt, ihr Mecklenburgerinnen und Pommern, haltet euch an Smartphone und Tablet, Spielhalle und Sonnenstudio – und wählt brav eure Kulturverweser im Ministerrang.

Warum stirbt die Freiheit, wenn Kunst und Kultur geschreddert oder ideologisch auf Kurs gebracht werden? Weil Kunst und Kultur den einzigen und genau darum brutal umkämpften Raum bilden, in dem Menschen frei und schöpferisch zusammenkommen, in dem sie für die Dauer einer Aufführung, eines Ausstellungsbesuchs, einer aktiven Teilnahme frei sind von den aberhundert Zwecken und Zwängen, aus denen unser Leben besteht. Und, liebe Provinzpolitiker, das noch am Rande: Wenn ihr euer Land weiterhin so energisch verzwergt, dürft ihr euch nicht wundern, wenn ihr eines Tages von Riesen der Ignoranz umgeben seid. Man nennt sie Barbaren oder Bestien. Dünn ist die Haut der Zivilisation, und wer will, dass sie reiße, der spare und schreddere und zensuriere nur weiter drauf los.

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