Die Berliner Ausstellung „Five Minutes of Sculpture“ zeigt exemplarisch, wie ein legendärer Künstler nach einer 25-jährigen Pause wieder zu seiner Arbeit fand
Im Dezember 1915 stellte Kasimir Malewitsch in St. Petersburg zum ersten Mal sein „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ aus. Er befestigte es an der Stelle des Museumsraums, wo in russischen Haushalten die Heiligenikone hing, und stellte damit unmissverständlich klar, wie man sein Werk und die abstrakte Malerei, die es begründete, zu sehen hatte: Nicht mehr um die Welt der Gegenstände sollte es gehen, sondern um das Reich des Geistes. Kunst sollte von nun an eine Sache des Glaubens sein.
Anthony McCall kann
man sich ruhig als den Gegensatz zum sendungsbewussten Malewitsch
vorstellen. Der 66-jährige Brite mit dem gut geschnittenen Anzug
wirkt bescheiden. Wir fahren zusammen durch Berlin, um uns seine
frühen Performancefilme in der Galerie Sprüth Magers anzuschauen
und seine Ausstellung „Five Minutes of Sculpture“ („Fünf Minuten
reiner Skulptur“) im Hamburger Bahnhof, seine erste Einzelschau in
einem Museum überhaupt. Viele Menschen haben eine spirituelle
Erfahrung, wenn sie seine Arbeiten sehen. McCall schüttelt
freundlich, aber bestimmt den Kopf. „Das freut mich natürlich“,
sagt er. „Aber ich selbst habe kein Konzept, von dem ich erwarte,
dass es vom Publikum wiedererkannt wird.“
„Five Minutes of Sculpture“ ist eine Offenbarung. In das neoklassizistisch verstrebte Hallengewölbe des Museums ergießt sich ein Meer feinnebliger Dunkelheit. Haushohe Kegelfiguren aus Licht thronen in diesem Meer und verändern wie in Zeitlupe ihre Form. Steht man inmitten einer dieser Lichtschleier und schaut nach oben, glaubt man, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Unendlichkeit aussieht. Stärker kann man die Kunst nicht vom Gewicht der Dinge befreien. Hier scheint sie nur aus Empfindung und Leere zu bestehen.
Die Verehrung, die McCall entgegengebracht wird, ist enorm, und sie hat viel mit Arbeiten zu tun, die vor beinahe vier Jahrzehnten entstanden sind. Allen voran mit „Line describing a cone“ („Linie, die einen Kegel darstellt“), einem 16-Millimeter- Film, den er zum ersten Mal im August 1973 in New York zeigte. Ein Projektor wirft darin das Bild eines in herkömmlicher Stop-Motion-Technik animierten weißen Punktes auf eine schwarze Leinwand. Im Laufe von 30 Minuten verlängert sich dieser Punkt zu einer Linie und wird schließlich zu einem vollständigen Kreis. Das eigentliche Ereignis des Filmes aber ist der fragile Lichtkegel, der vom Projektor aus in den Raum strahlt. In gewisser Hinsicht war „Line describing a cone“ ein Produkt seiner Zeit. In den New Yorker Galerien hatte sich der Minimalismus als prägende Stilrichtung durchgesetzt, und an den Kunsthochschulen wurde Strukturalismus unterrichtet. Doch zugleich weist die Arbeit weit über die Epoche hinaus, in der sie entstand. Sie reduziert Film auf die Elemente von Licht, Präsenz und Raum. Sie ist reine kinematografische Essenz.
McCall muss lachen, wenn er sich an jene Zeit erinnert. „Man kannte seine Zuschauer. Es gab gerade mal 15 von ihnen.“ Sechs ähnlich gestaltete Werke schuf er damals und nannte sie „Solid Light Films“. Das Publikum bestand fast immer aus anderen experimentellen Künstlern und Filmemachern. „Wir teilten einen Diskurs“, sagt McCall. „Unsere Kunst machten wir in gewissem Sinn für uns selbst.“
Nach New York gezogen war McCall nur wenige Monate, bevor „Line describing a cone“ entstand. Aufgewachsen war er in den südlichen Vororten von London, als zweites von vier Kindern, seine Mutter war Hausfrau, sein Vater ein Versicherungsstatistiker. Am Ravensbourne College of Art hatte er Grafikdesign, Kunstgeschichte, Fotografie und Philosophie studiert. „Kunststudent in London der sechziger Jahre zu sein, war fantastisch“, sagt er. Mode, Rock ’n’ Roll und Pop-Art brachten die ganze Stadt zum Vibrieren.
Seite 2: Mit dem Krebs änderte sich McCalls Gefühl für die Zeit











