Der Spiegel - Putsch aus dem Politbüro

Die Entlassung der beiden Spiegel-Chefredakteure Mascolo und Blumencron ist Folge gezielter Intrigen aus der Redakteursvertretung, ist sich Michael Naumann sicher. Er beklagt Reformschwäche, Mittelmaß und Qualitätsverfall bei jenem Nachrichtenmagazin, dem er selbst drei Jahre als Auslandschef diente

Mitbestimmung beim Spiegel: eine Konstruktion mit schwerem Fehler
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Autoreninfo

Prof Dr. Michael Naumann ist Geschäftsführer der Barenboim-Said-Akademie gGmbH. Von Februar 2010 bis April 2012 war er Chefredakteur von Cicero.

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Die Kündigung von Journalisten ist inzwischen die Regel in deutschen Verlagshäusern, ohne dass darüber landesweit berichtet würde. Umsätze sinken, vielen Zeitungen droht aufgrund der personellen Sparmaßnahmen nicht nur der Qualitäts-, sondern auch der Autoritätsverlust. Wer im Lokalteil Seiten spart, wer auf eine „Kulturseite“ verzichtet, wer statt selbst verfasster Berichte schlecht getarnte Marketing-Texte druckt, verliert Glaubwürdigkeit und Abonnenten. Smartphones und Tablets verändern das Informationsverhalten ganzer Generationen. Gesellschaftliches Wissen über politische und ökonomische Zusammenhänge verdunstet in atemberaubender Geschwindigkeit.

[[{"fid":"52709","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":220,"width":113,"style":"width: 113px; height: 220px; margin: 5px 10px; float: left;","title":"Georg Mascolo (oben) und Mathias Müller von Blumencron (Foto: picture alliance)","class":"media-element file-teaser"}}]]Dass aber die Kündigung der Spiegel-Chefredakteure Georg Mascolo und seines Online-Partners Matthias Müller von Blumencron die überregionale Aufmerksamkeit ihrer Kollegen geweckt hat, ist der historisch gut begründeten Sorge geschuldet, dieses immer noch anspruchsvolle Nachrichtenmagazin, das seinesgleichen in Europa und den USA sucht, zu verlieren. Es stimmt schon, die Auflage ist unter die regelmäßig erzielte Millionengrenze gesunken. In den kaufmännischen Verlagsabteilungen und im Vertriebsmanagement wird in derlei Fällen der Chefredakteur für seine Titelauswahl haftbar gemacht – nie aber das eigene Versagen, durch angemessene und teure Marketingmaßnahmen gegenzusteuern. Die beiden letzten von Mascolo verantworteten Ausgaben sollen allerdings jene Millionenmarke überschritten haben. Also wird es andere Gründe geben.

Vorgeschoben erscheint die Mitteilung aus dem prachtvollen Spiegel-Neubau am Hamburger Hafen, Blumencron und Mascolo hätten sich über eine gemeinsame Strategie nicht einigen können. Der eine hat mit Spiegel Online eine Nachrichtenplattform entwickelt, deren publizistisches Niveau weit unter dem des gedruckten Heftes liegt, als gelte es, dem Kulturpessimismus der Medientheoretiker den täglichen Nachweis zu liefern, dass die Leser überhaupt nicht überschätzt werden dürfen – im Gegenteil.

Der andere wiederum hielt so gut es ging am traditionellen Stil des Magazins fest. Eine elektronische Kannibalisierung des eigenen Blattes lehnte er ab. Sein bisweilen heftiger Führungsstil wurde – zu Recht oder Unrecht – beklagt. Keiner erinnert sich dort noch an die redaktionsinternen Boshaftigkeiten des Spiegel-Gründers Rudolf Augsteins.

Der Verlagsleiter wiederum hätte, wie in jedem anderen Haus, durch eine klare Entscheidung Stellung beziehen müssen. Stattdessen ließ er den Konflikt schwelen und verließ sich in letzter Instanz auf den Mehrheitsteilhaber des Spiegels, die Mitarbeiter KG. Sie hält knapp über 50 Prozent des Eigentums und repräsentiert alle Spiegel-Angestellten. Entstanden war sie 1974, als ein Redaktionsaufstand Rudolf Augstein zur Teilung seines Eigentums zwang. Sein späterer Versuch, die Anteile zurückzukaufen, misslang.

Die alteingesessenen Redakteurinnen und Redakteure, aber auch die Sekretärinnen, Pförtner und Hausmeister konnten in den fetten Jahren des anzeigensatten Magazins mit jährlichen Boni bis zu 60.000 D-Mark und mehr rechnen. Der Spiegel war ein goldener Käfig, die Personalfluktuation niedrig.

Die Konstruktion hatte einen schweren Fehler: Investitionen in andere Medien wie zum Beispiel das Manager-Magazin und Spiegel-TV wurden verspätet, zögerlich und sparsam angegangen. Größere Anstrengungen hätten eine Minderung der Ausschüttungen zur Folge gehabt. Eine Fusion mit dem Zeit-Verlag scheiterte am Machtbewusstsein von Rudolf Augstein und Gerd Bucerius.

Seite 2: Flur-Intrigen und persönlichen Aspirationen in der Mitarbeiter KG

Der Tod Augsteins, der seinen Erben lediglich Pflichtanteile ohne Veto-Rechte hinterließ, vergrößerte den Einfluss des Minderheiten-Teilhabers Gruner & Jahr, vor allem aber die Macht der Mitarbeiter KG: Ohne sie konnte kein neuer Chefredakteur bestellt werden. Doch hinter dem scheinbar demokratischen Prinzip lauerten die betriebspsychologisch absehbaren Folgen. Wer als Vorsitzender jener Mitarbeiter KG fungierte, konnte jedem Chefredakteur die Instrumente seiner absehbaren Demission zeigen. Und das geschah. Kein anderes deutsches Qualitätsblatt dürfte in gleicher Weise mit sich selbst so beschäftigt sein wie der Spiegel.

So kam es, dass nach Erich Böhme – der auf Veranlassung von Rudolf Augstein Ende 1989 nach siebzehnjähriger Amtszeit gestürzt wurde – ein Chefredakteur nach dem anderen bei der Mitarbeiter KG in Ungnade fiel: Werner Funk, Hans Werner Kilz, Wolfgang Kaden, Stefan Aust und jetzt die beiden jüngsten Opfer dieses heimlichen Politbüros. Dessen redaktionelle Mitglieder zählen heute zum journalistischen Mittelbau des Hauses. Von den publizistischen Fähigkeiten ihrer nicht selten ungeliebten Chefredakteure sind die Redakteursvertreter weit entfernt.

Die Spiegel-Redaktion ist ein seltsames Gebilde: Jahrzehntelang blieben ihre Texte anonym. Glänzend schreibende Reporter durften hin und wieder Namensartikel schreiben, die hervorragend informierten Bonner Redakteure konnten sich hinter deren Anonymität verbergen – was auch dem Quellenschutz diente. Ansonsten beherrschte die Redaktionskonferenzen eine stille Furcht vor den bissigen Kritiken Rudolf Augsteins, der sich – alt und müde geworden – eine kleine Clique Ersatz-Kritiker hielt, die er mit persönlicher Zuneigung und mehr begünstigte.

Tatsache ist, dass sich die Kollektivarbeiten der gegenwärtigen Redakteure mit bisweilen vier oder gar fünf Autoren nicht mehr messen können mit denen ihrer offenkundig bescheideneren Vorgänger in der rheinischen Ersatz-Hauptstadt. Nicht wenige der gegenwärtigen Texte scheinen technischen Geräten zu entstammen.

Was sich durchgesetzt hat, ist ganz offenkundig ein personalpolitisches Mittelmaß in der Redaktionsvertretung, in der Flur-Intrigen und persönliche Aspirationen das Handeln bestimmen. Nur so ist es zu erklären, dass die Kündigung der beiden Chefredakteure Mascolo und Blumencron an die Öffentlichkeit geriet, ehe die Betroffenen es selbst aus dem Mund des Verlagsleiters erfuhren. Nicht anders war es Stefan Aust ergangen.

Ein Magazin, das seinen Ruf mit der Offenlegung großer politischer und ökonomischer Machenschaften errungen hat (lang ist es her), könnte sich nun selbst aus seiner offenkundigen Krise ziehen, indem es die Geschichte seiner Redaktions-Emeute en detail nacherzählt: sich selbst zur Lehre und den Kollegen zur Warnung und zur Erbauung.

Michael Naumann war zwischen 1983 und 1985 Auslandsressortchef beim Spiegel

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