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Kapital

Sinnlose Wettbewerbe behindern Wissenschaft und Forschung

Von Mathias Binswanger27. Januar 2011
Die Politik fordert mehr Effizienz: Die zuständigen Minister Rösler und Schavan in einem Labor
Die Politik fordert mehr Effizienz: Die zuständigen Minister Rösler und Schavan in einem Labor
Schrift:
Mit missionarischem Eifer soll noch in den hintersten Winkel jeder öffentlichen Institution heute marktwirtschaftliche Effizienz eindringen. Ein Marktwettbewerb lässt sich aber nicht künstlich inszenieren, sondern sorgt für falsche Anreize. Die Folge: Wir produzieren immer mehr Unsinn.
Effizienz, Exzellenz, Leistung, Wettbewerbsfähigkeit, Innovation oder Wachstum – es gibt heute kaum einen Lebensbereich, in dem diese abstrakten Begriffe nicht zu gesellschaftlichen Idealen auserkoren werden. Warum und wozu alles in unzähligen Wettbewerben immer noch effizienter, noch exzellenter, noch wettbewerbsfähiger und noch innovativer werden muss, weiß in Wirklichkeit niemand so genau. In unserer gründlich durchsäkularisierten Gesellschaft sind diese Begriffe zu den letzten, nicht mehr zu hinterfragenden Werten geworden, denen zu dienen unser höchstes Ziel ist. Es liegt nahe, sich diese Fragen gar nicht zu stellen, denn schließlich leben wir in einer Marktwirtschaft. Und ein Marktwettbewerb sollte automatisch dafür sorgen, dass nur solche Dinge produziert werden, die am meisten Nutzen stiften. Mit der Produktion sinnloser Dinge käme man da, so scheint es, nicht weit. Dort, wo sich mehr oder weniger vollständige Märkte entwickelt und etabliert haben, stimmt das auch. Wer ungenießbare Lebensmittel herstellt, wird bald vom Markt verschwinden. Doch in vielen Bereichen gibt es keine oder nur unvollständig funktionierende Märkte. Und da ist man im Zuge einer zunehmenden Markt- und Wettbewerbsgläubigkeit über die vergangenen Jahrzehnte auf die fatale Idee gekommen, künstliche Wettbewerbe zu inszenieren, um so die angebliche überlegene Effizienz der Marktwirtschaft bis in den hintersten Winkel jeder öffentlichen und privaten Institution voranzutreiben. Mit missionarischem Eifer werden überall Leistungsanreize gesetzt, doch was dabei als Leistung herauskommt, ist in Wirklichkeit gigantischer Unsinn. Ein Markt lässt sich nämlich nicht künstlich inszenieren. Überall und schnell lassen sich aber Wettbewerbe ins Leben rufen. Diese sorgen im Gegensatz zu einem funktionierenden Marktwettbewerb jedoch nicht dafür, Angebot und Nachfrage optimal aufeinander abzustimmen. Statt an den Bedürfnissen der Nachfrager orientieren sich die Hersteller eines Produkts oder die Erbringer einer Leistung an irgendwelchen Kennzahlen oder Indikatoren, die für den Erfolg im Wettbewerb maßgebend sind. Das führt jedoch nicht zu höherer Effizienz, sondern sorgt für perverse Anreize, die dann folgerichtig auch perverse Resultate ergeben. Da werden von Wissenschaftlern mit Fleiß und Akribie jedes Jahr in Tausenden von Fachzeitschriften über Hunderttausende von Seiten Fragen beantwortet, deren Antwort niemand wissen will. Grund dafür ist der gnadenlose Publikationswettbewerb, weil Wissenschaftler heute danach beurteilt werden, wie viele Artikel sie in Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Ihre Ideen und Ergebnisse schneiden sie dünn wie Salamischeiben auf, um die Anzahl der Publikationen zu maximieren. Der Inhalt verkommt dabei vielfach zur Nebensache und ist für den Leser kaum noch konsumierbar. Immer mehr junge Menschen werden als Studenten in Hochschulen ausgebildet, um irgendwelche Bachelor und Master zu erwerben, die nichts zu ihrem Können in ihrem Berufsleben beitragen. Und es werden immer mehr medizinische Untersuchungen und Tests für die Prävention von Krankheiten durchgeführt, die nie eintreten. Diese Entwicklungen sind aber, so wird uns gesagt, zentral für unseren Wohlstand und unser persönliches Wohlbefinden. Je mehr Fachartikel publiziert werden, je mehr Menschen studieren, je mehr medizinische Untersuchungen wir haben, umso besser gehe es uns. Nur leider ist das nicht der Fall. Die Produktion von Unsinn schafft zwar Arbeitsplätze, doch verhindert sie gleichzeitig die Produktion der qualitativ wertvollen Erzeugnisse, die tatsächlich benötigt werden. Sinn wird durch Unsinn verdrängt, Qualität durch Quantität und die Freude an einer Tätigkeit durch Zuckerbrot und Peitsche. Auf diese Weise ist eine neue Wettbewerbsbürokratie entstanden, welche die alte Beamtenbürokratie abgelöst hat. Doch die neue Bürokratie ist viel raffinierter, da sie unter dem Deckmantel von Markt, Wettbewerb und Effizienz daherkommt. Besonders gravierend sind die sinnlosen Wettbewerbe in den Bereichen Wissenschaft und Bildung sowie im Gesundheitswesen. Schauen wir uns deshalb diese Bereiche etwas genauer an. Seit der Aufklärung fand Forschung überwiegend an Universitäten und deren Instituten statt, und der Staat beschränkte sich darauf, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu erlassen. Was die wissenschaftliche Arbeit betraf, so übten sich die zuständigen staatlichen Gremien in vornehmer Zurückhaltung. Man hatte das aus heutiger Sicht geradezu ungeheuer anmutende Vertrauen, dass die Forscher selbst am besten wissen, womit sie sich konkret beschäftigen sollen. Generell war man sich fast überall der Tatsache bewusst, dass man den besten wissenschaftlichen Köpfen eines Landes nicht von außen aufoktroyieren kann, wofür sie sich interessieren sollen, und wie und wo sie Forschung betreiben müssen. Aus diesem Grund wurde die Tätigkeit von Professoren und anderen Forschenden kaum systematisch erfasst und bewertet, denn man ging davon aus, dass diese aus eigenem Antrieb heraus gute Arbeit leisten. In vielen Fällen stimmte das, manchmal aber auch nicht. Das Resultat waren gewaltige Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Forschenden, die jedoch den Wissenschaftsbetrieb insgesamt nicht weiter störten. Wissenschaftliche Genies und wissenschaftliche Nieten bevölkerten gemeinsam die Forschungslandschaft, wobei längst nicht immer schon zu Lebzeiten der Forscher erkennbar war, wer die Niete und wer das Genie darstellte. „Das Außerordentliche ist das seltene Resultat durchschnittlicher Forschung, und erst die breite Qualität, die aus dem Mittelmaße wächst, beschert uns am Schluss die große Leistung“, meint dazu der Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstraß. Inzwischen hat der Staat seine Zurückhaltung gegenüber den Universitäten aufgegeben, und aus einst stolzen Bastionen unabhängigen Denkens sind Umsetzungs- und Ausführungsorgane staatlicher Programme und Initiativen geworden. Damit die knappen Mittel „effizient“ eingesetzt werden, zwingt der Staat die Universitäten und die zur „Wissensproduktion“ und „Bildungsproduktion“ angestellten Professoren mit ihrem wissenschaftlichen Anhang auch zur ständigen Teilnahme an künstlich inszenierten Wettbewerben. Und das gleich von zwei Seiten her. Universitäten müssen sich nämlich sowohl in Forschungswettbewerben als auch in Bildungswettbewerben bewähren, um so bei den um sich greifenden Rankings vorne dabei zu sein. Universitäten, die sich nach außen als großartige Tempel der wissenschaftlichen Exzellenz darstellen, sind intern zu Kindergärten verkommen, wo Professoren sich gegenseitig mit Publikationslisten und der Menge eingeworbener Forschungsgelder zu übertrumpfen versuchen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden Projekt- und Publikationsolympiaden veranstaltet, wobei die Gewinner dann statt mit Medaillen mit Elite- und Exzellenzstatus, Befreiung von Lehrverpflichtungen und im „besten Fall“ auch noch mit höheren Salären belohnt werden. Und das, obwohl viele Projekte und Publikationen für den Rest der Menschheit nicht die geringste Bedeutung besitzen und diese „Wissenschaftsolympiaden“ auch nicht annähernd den Unterhaltungswert von Olympischen Spielen besitzen. Lesen Sie im zweiten Teil, was marktwirtschaftliche Effizienz für das Gesundheitswesen bedeutet.
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Sehr treffender, wichtiger Beitrag! Es ist schon beinahe Planwirtschaft.

  • Antworten
Ralf Bönt15.02.2011 | 00:00 Uhr

Endlich!
wird dieses Thema einmal angesprochen, und das nicht aus der sektiererischen Ecke heraus, sondern von einem gestandenen Volkswirtschaftler wie Binswanger.
Wir „wettbewerben“ uns, wenn es so weitergeht, noch zu Tode.
Warum und wie?
Wettbewerb an sich ist nützlich, ja notwendig. Wettbewerb ist ein natürliches Prinzip, und wir verhalten uns dementsprechend, gleich ob wir Wettbewerb begrifflich dingfest gemacht haben oder nicht.
Nun haben wir uns aber in eine nicht mehr nur naturbestimmte Welt hineinentwickelt. Wir haben, zumindest im westlichen und im fernöstlichen Wirtschaftsraum, einerseits eine fast vollständige Deckung unserer materiellen und immateriellen Bedürfnisse erreicht, andererseits aber auch Produktionsmittel aufgebaut (auch für immaterielle Güter), die in ihrer Leistungsfähigkeit weit über das hinausgehen, was für die Bedarfsdeckung erforderlich wäre. Ob das Karl Marx schon richtig oder fälschlich so behauptet hat, spielt hier keine Rolle.
Fakt ist: Die teuren Produktionsmittel müssen ausgelastet werden, also kostendeckend arbeiten. Wie das? Wenn doch schon echter Bedarf gedeckt ist, die Märkte gesättigt sind.
Ergo: Wettbewerb muss her!
Bei der Deckung echten Bedarfs funktioniert das auch, nämlich über Qualität. Der beste Anbieter gewinnt (wenn man mal von Betrug absieht). Das hat Darwin schon in der Natur beobachtet.
Sind aber die Märkte mit qualitativ hochwertigen Gütern (nochmal: auch immateriellen) gesättigt, dann muss Bedarf künstlich erzeugt werden. Schließlich sollen die Investitionen in Produktionsmittel Ertrag abwerfen. Wir fangen an zu tricksen und zu täuschen. Unsinn zu produzieren, wie es Ihr Autor endlich auf den Punkt bringt. Innovation wird zu Perversion.
Seit Wettbewerb um jeden Preis – von Brüssel gefordert, von der Globalisierung erzwungen – stattfindet, divergieren die (schwer quantifizierbaren) Wettbewerbsaufwendungen und die (quantifizierbaren) Wettbewerbserfolge immer mehr. Würde man den wettbewerbsbedingten Anteil aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung herausnehmen, dann bliebe nur ein sehr mäßiges Plus übrig. Wenn nicht gar ein Minus.
Das alles ist keineswegs neu. Es wäre aber zu wünschen, wenn die Nationalökonomen selbst, wie von ihnen anhaltend gefordert, mehr innovative Ideen hervorbrächten, statt dem derzeitigen Wettbewerbs-Mainstream hinterherzuhecheln, weil es nach den Angebotstheoretikern wie Milton Friedman immer noch opportun ist.
Gut, dass Mathias Binswanger hier mal einen Anstoß gegeben hat!
Jürgen T. Honig

  • Antworten
Jürgen T. Honig15.02.2011 | 00:00 Uhr

Ja, genauso isses!
Endlich tutet mal jemand nicht in das Horn von (kuenstlich aufgesetztem) Wettbewerb und (Pseudo)effizienz. Es gibt eben Lebensbereiche, die nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktionieren. Dazu gehøren Wissenschaft, Gesundheitswesen, Bildungswesen, Kultur.

Man sollte hier keine kuenstlichen "Maerkte" zu schaffen versuchen, und auch das kritiklose Uebernehmen von "betriebswirtschaftlichen" Strukturen zur Verbesserung der Leistung und Effizienz ist fehl am Platze. Vieles erinnert da mehr an Kindergarten als an moderne Forschungspolitik.

Lasst die Leute in Ruhe ihre Arbeit tun, sie wissen schon am besten, wie sie sie machen. Und es gibt uebrigens in der Wissenschaft seit altersher einen Wettbewerb, dazu braucht man keine Erbsenzaehler und Buerokraten - die stellen eher ein Hindernis im wirklichen, internationalen Wettbewerb dar.

  • Antworten
Hartmut Kutzke16.02.2011 | 00:00 Uhr

Ganz meine Meinung

  • Antworten
Dr. Fassl25.02.2011 | 00:00 Uhr

Sinnlose Wettbewerbe

Ich selbst unterlag zeitweise auch der Iedologie des Wettbewerbs um jeden Preis. Dass diese eben auch eine Ideologie ist wird mir zunehmend deutlich. Ich bin dem Autor sehr dankbar. Seine Beispiele lassen sich spielend auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. Neben der Produktion von Unsinn müssen darüber hinaus die psychosozialen Kosten dieser Ideologie beachtet wrden.

  • Antworten
Heinz Peter Lemm19.07.2011 | 08:36 Uhr

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