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Bundesbank-Vize - Sabine Lautenschläger soll in die EZB wechseln

Sabine Lautenschläger soll die Nachfolgerin von Jörg Asmussen im Direktorium der EZB werden. Als Deutschlands mächtigste Bankenaufseherin ging sie bislang keinem Streit aus dem Weg. Ein aktualisiertes Porträt

Alexander Kissler

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Vertrauen ist die kostbarste Ressource dieses Jahrhunderts. Wo kommt sie vor, wer tritt sie zuschanden? Ist der Mensch dafür geschaffen, Vertrauen zu schenken und zu empfangen? Oder ist er ein störrisches Tier, das der Kontrolle bedarf? Wo zwischen Gliederpuppe und Freiheitsfunke verläuft der menschliche Weg?

Solche Fragen bilden das Wurzelgeflecht von Sabine Lautenschlägers täglicher Arbeit. Die Vizepräsidentin der Bundesbank ist Deutschlands mächtigste Bankenaufseherin. Gemeinsam mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), für die sie zuvor arbeitete, wacht sie über die Stabilität der deutschen Geldhäuser. Sie kann Aufsichtsräte und Vorstände ans Telefon zitieren. Sie hat das Recht, in alle Unterlagen Einsicht zu nehmen, Sitzungen zu besuchen, Prüfungen anzuordnen und auf die Absetzung überforderter Aufsichtsräte zu drängen. Inmitten von Staatsschuldenkrise und privatwirtschaftlichem Missmanagement zeigt sie sich gegenüber den Banken bisweilen bissig, aber nie unfreundlich.

Auseinandersetzungen geht sie nicht aus dem Weg. Derzeit setzt sie sich vehement dafür ein, dass der Ankauf von Staatsanleihen durch Banken in Zukunft gedeckelt wird, damit die Geldhäuser nicht noch abhängiger von der Zahlungsfähigkeit der Länder werden.

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Als Sabine Lautenschläger, keine Riesin von Gestalt, 2011 Geschichte schrieb als erste Frau im Bundesbank-Vorstand, erklangen Lobeshymnen: eine Idealbesetzung, umgänglich im Ton, hart in der Sache. Die unprätentiöse Krisenmanagerin habe ihre Eignung beim Schnüren der Rettungspakete für die Hypo Real Estate, die West LB, Sal. Oppenheim bewiesen.

Trifft man die quirlige Frau in ihrem Büro im zwölften Stock der Bundesbank, sagt sie schnell: „Ich bin grundsätzlich Optimist.“ An diesem „grundsätzlich“ hängen Welten. Die Juristin weiß, dass sich Optimismus aus einem Mangel an Information speisen kann. Zwar 1964 in Stuttgart geboren, doch aufgewachsen nahe Bonn, ist die den Rheinländern nachgesagte Lebensfreude mit Händen zu greifen. Sie lacht gerne, glucksend und ohne Kalkül. Neben ihrem „grundsätzlichen“ Optimismus bezeichnet die Mutter einer erwachsenen Tochter sich als Kommunikationsmensch: „Das wichtigste Instrument eines Bankenaufsehers ist die Kommunikation.“ Sie müsse ihr Gegenüber sehen, die Augen, den Körper. Der menschliche Faktor entscheidet. Menschen bräuchten die richtigen „Anreize“, Regeln, die kontrolliert werden, ob im Straßenverkehr, der Schule oder im Bankenwesen. Sagt Sabine Lautenschläger. Genau an dieser Stelle wird aus dem grundsätzlichen Optimismus ein erkämpfter, ein Optimismus des „trotz alledem“.

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Wie anders als mit trotzigem Optimismus hätten Sabine Lautenschlägers Eltern den Mut finden sollen, die DDR zu verlassen und später ihrer einzigen Tochter im Westen jene Bildung zu ermöglichen, die sie selbst nicht genossen hatten? In ihrem Elternhaus, ließe sich mit Gottfried Benn sagen, „hingen keine Gainsboroughs“. Vater wie Mutter besuchten lediglich die Volksschule. Der Vater, aus Thüringen stammend, verließ die DDR 1956 über ein Berliner Notaufnahmelager. Die Mutter ist Sächsin. „Prägend“, erklärt die Tochter heute, „ist für mich nicht die Scholle, prägend sind die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin.“

Die Erinnerungen an die DDR sind ihr bis heute präsent. Jedes Jahr, bis 1990, fuhr die Familie nach Thüringen zum Verwandtenbesuch. Beklemmende Tage waren es. Demütigend gestaltete sich der Grenzübertritt. Der Wagen wurde auseinandergenommen, die Wachposten ließen ihre Missgunst spüren. Der Vater sprang einmal zu einem Nebengebäude, um einen Kugelschreiber zu holen. Zwei Soldaten bedrohten ihn sofort mit dem Maschinengewehr. Die Tochter hatte Angst.

Aufseherin aus Leidenschaft


Durch diese Erfahrungen wurde Sabine Lautenschläger zur leidenschaftlichen Anhängerin der parlamentarischen Demokratie. Sie erlebte die DDR als einen Staat, der sich mangels parlamentarischer Kontrolle mehr herausnahm, als ihm zustand. Sie erlebte ein Wirtschaftssystem, das „falsche Anreize“ setzte und zu absurden Resultaten führte – verkörpert durch die Karnickel der Lautenschlägers. Die Tierchen hat die väterliche Familie regelmäßig zu staatlich festgesetzten Preisen an den „Konsum“ verkauft, um sie wenig später zu ebenso festgesetzten, aber niedrigeren Preisen an der Kasse zurückzukaufen: gut für die Lautenschlägers, schlecht für einen sehenden Auges in den Bankrott steuernden Staat.

Vielleicht sind auch Sabine Lautenschlägers Plädoyer für ein Schulfach Wirtschaft sowie ihre Skepsis gegenüber einer EU-weiten Bankenunion Teile des elterlichen Erbes. Auf keinen Fall dürfe man „zu einer gemeinsamen Haftung gelangen, die die jeweiligen nationalen Steuerzahler in die Pflicht nehmen könnte, ohne dass ein Parlament darüber entschieden hat“. Wenn sie andererseits neben einem Kulturwandel bei den Banken und der Abkehr vom „exzessiven Gewinnstreben“ bessere „Kontrollstrukturen“ fordert und richtige Anreize statt überdimensionierter Boni, erscheint der Mensch wieder als gemischtes Wesen. Er hält es im Vertrauen nur aus, wenn er mit Kontrolle rechnen muss: Das ist die Lebensmaxime der Sabine Lautenschläger, Aufseherin aus Leidenschaft.

Jetzt ist sie wieder in den Schlagzeilen: Die Bundesregierung hat Lautenschläger am Dienstag für einen Posten bei der Europäischen Zentralbank nominiert. Zuvor hatte der Finanzexperte Jörg Asmussen das sechsköpfige Direktorium der Notenbank verlassen, um als Staatssekretär ins Arbeitsministerium zu wechseln. Lautenschläger soll ihm nun folgen. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte die Verdienste der Bankenaufseherin zuvor mehrfach gelobt.

 

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