Das Internet gilt als freiheitsstiftend, fördert mit seiner Datensammelwut aber genauso totalitäre Potenziale. Wer sich dem entzieht, dem droht der Verlust gesellschaftlicher Teilhaberechte. Die Politik muss sich diesen Fragen stellen, will sie nicht selbst im Datenozean versinken
Als Andrea und Stefan im Mai 2035 die Silberne Hochzeit feiern, lüftet Stefans ältester Freund ein Geheimnis. „Beide Jubilare sind 1966 geboren“, hebt Frank an. „1966 erwähnte der damals bekannte Papierblogger Enzensberger das große Gerät und meinte damit den Computer. Eines seiner Bücher beginnt sogar damit.“
Frank hält einen schmutzigen, rechteckigen Gegenstand hoch und provoziert damit ein missbilligendes Raunen im Raum. Seit der großen Stromkrise von 2027 gilt es als degoutant, den Festbrennstoff Buch für andere als für energetische Zwecke zu verwenden.
„Enzensberger folgte nur den Gepflogenheiten seiner Epoche“, verteidigt Frank seinen Fund, „und mir erscheint es beachtenswert, dass unsere Jubilare in einem Jahr geboren wurden, in dem ihre Eltern nicht mal ansatzweise ahnen konnten, wie sehr der Computer ins Leben ihrer Kinder eingreifen würde. Das große Gerät war 1966 schon die richtige Beschreibung für etwas, das sich bloß schemenhaft am Horizont abzeichnete. Wie dem auch sei … auf Andrea und Stefan lastete bei ihrer Heirat die Bürde einer vorangegangenen, gescheiterten Ehe. Zum Glück haben die beiden im zweiten Anlauf dann eHarmony konsultiert, und was ich jetzt verraten kann, wissen sie selbst noch nicht.“
Frank legt eine demonstrative Pause ein. Die Jubilare kramen in ihren Erinnerungen: Ist ihnen ein wichtiges Detail der Hochzeit abhandengekommen?
„Andrea und Stefan“, sagt Frank fast ein wenig zu salbungsvoll, „waren das erste Paar bei eHarmony, das sich aufgrund einer neuen Prozedur gefunden hat. Davor wurden Singles nur mithilfe ihrer Selbstbeschreibungen zusammengeführt, was nicht gut gehen kann, denn jede Selbstbeschreibung ist die Einladung zum Selbstbetrug. eHarmony hat als erste Partnervermittlung der Welt Verhaltensvariablen mit einbezogen. Man wertete zum Beispiel die Login-Zeiten aus und stellte fest, dass beide Frühaufsteher waren.“
Stefan zwinkert Andrea zu.
„Wir können uns die Primitivität der Datenerhebung und -auswertung zu Beginn des 21. Jahrhunderts heute gar nicht mehr vorstellen“, fährt Frank fort. „Entscheidende Faktoren wie Aktivitätszeiten am Computer oder die Wortwahl in E-Mails waren tabu oder wurden von Partnervermittlungen einfach ignoriert! Jedenfalls matchten Andrea und Stefan in allen wesentlichen Punkten zusammen, und deshalb stiftet die Firma zum Jubiläum einen respektablen Reisegutschein!“
Seite 2: Prophetische Analytik – Segen oder Orwell'scher Überwachungsstaat?








