In Deutschland herrscht ein unsinniger Promotionsdruck. Dabei werden zu viele Abschlussarbeiten produziert, die ihr Druckerpapier nicht wert sind. Was helfen könnte? Weniger Doktoren und mehr Ritter. Ein Archivbeitrag anlässlich der Schavan-Debatte
Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und jetzt Annette Schavan. Erneut muss eine Spitzenpolitikerin wegen Plagiatsverdacht um ihren Job fürchten. Ihre Prominenz macht das Abschreiben von Wissenschaftlern zum öffentlichen Skandalon. Doch was treibt Akademiker dazu, bei ihrer Dissertation zu schummeln?
Die Gründe liegen in dem regelrechten Promotionswahn, der im deutschen Wissenschaftsbetrieb herrscht. Der Doktortitel ist der Leutnant der Reserve von heute. In einem Land, das den Adel abgeschafft hat und in dem keiner mehr zum Ritter geschlagen wird, gelten die beiden Buchstaben Dr. nicht als bloßer akademischer Ausweis, sondern als Nobilitierung.
Insbesondere in bürgerlichen Kreisen und in den bürgerlichen Parteien ist ein Aufstieg ohne Promotion nach wie vor kaum denkbar; man schaue sich nur einmal die Liste der christ- und freidemokratischen Bundestagsabgeordneten an. Die Queen ernennt jedes Jahr ein paar neue Knights, der französische Präsident bestimmt regelmäßig neue Ritter, Offiziere und Kommandeure der Ehrenlegion. Die armen Deutschen dagegen haben sich nach der Monarchie und Hitler auf ihre Humboldtschen Wurzeln besonnen: Bildung ist der Schlüssel zu Aufstieg und Karriere, im Allgemeinen wie im Konkreten, und deshalb muss der deutsche Spießbürger promoviert sein.
Wer erinnert sich nicht an Helmut Kohls berühmt-berüchtigten Auftritt, als er einen, ihm offensichtlich unangenehmen, Journalisten auf dessen Frage hin anblaffte: „Ich bin nicht der Herr Kohl, ich bin der Herr Doktor Kohl“? Der Doktortitel gilt als das Entreebillet in die (vermeintlich) gute bildungsbürgerliche Gesellschaft.
Die Folge ist ein regelrechtes Auswuchern des Promotionsbetriebes. Deutsche Studenten werden, von wenigen technischen Studiengängen abgesehen, nicht etwa auf den Berufseinstieg vorbereitet, sondern auf die Promotion. Die universitäre Laufbahn ist mit dem Erreichen des ersten Hochschulabschlusses – Magister oder Diplom beziehungsweise seit der Bologna-Reform Bachelor und Master – beileibe nicht zu Ende; vielmehr fängt sie für viele dann erst richtig an, was eigentlich idiotisch ist, denn die „Luft“ ist bei den meisten nach dem Studienabschluss ohnehin raus.
Eine normale Dissertation nimmt heutzutage in der Regel mindestens drei Jahre in Anspruch, hinzu kommt die zähe und langwierige Phase der Begutachtung, und dann erst wird der Doktortitel erteilt. Bis man ihn aber seinem Namen voranstellen (und in den Personalausweis eintragen lassen) kann, vergeht nochmals einige Zeit: denn solange eine Dissertation nicht veröffentlicht ist, darf der Doktortitel nicht geführt werden. Und die Veröffentlichung verschlingt wiederum eine Menge Nerven – und Geld.
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