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 > Wider den Promotionswahn

Berliner Republik

PlagiatsdebatteWider den Promotionswahn

Von Konstantin Sakkas16. Oktober 2012
picture alliance
Promotionswahn, Annette Schavan, Guttenberg
Deutschland hat zu viele Doktoren und zu wenige Ritter.
Schrift:

In Deutschland herrscht ein unsinniger Promotionsdruck. Dabei werden zu viele Abschlussarbeiten produziert, die ihr Druckerpapier nicht wert sind. Was helfen könnte? Weniger Doktoren und mehr Ritter. Ein Archivbeitrag anlässlich der Schavan-Debatte

Seite 1 von 2

Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und jetzt Annette Schavan. Erneut muss eine Spitzenpolitikerin wegen Plagiatsverdacht um ihren Job fürchten. Ihre Prominenz macht das Abschreiben von Wissenschaftlern zum öffentlichen Skandalon. Doch was treibt Akademiker dazu, bei ihrer Dissertation zu schummeln?

Die Gründe liegen in dem regelrechten Promotionswahn, der im deutschen Wissenschaftsbetrieb herrscht. Der Doktortitel ist der Leutnant der Reserve von heute. In einem Land, das den Adel abgeschafft hat und in dem keiner mehr zum Ritter geschlagen wird, gelten die beiden Buchstaben Dr. nicht als bloßer akademischer Ausweis, sondern als Nobilitierung.

Insbesondere in bürgerlichen Kreisen und in den bürgerlichen Parteien ist ein Aufstieg ohne Promotion nach wie vor kaum denkbar; man schaue sich nur einmal die Liste der christ- und freidemokratischen Bundestagsabgeordneten an. Die Queen ernennt jedes Jahr ein paar neue Knights, der französische Präsident bestimmt regelmäßig neue Ritter, Offiziere und Kommandeure der Ehrenlegion. Die armen Deutschen dagegen haben sich nach der Monarchie und Hitler auf ihre Humboldtschen Wurzeln besonnen: Bildung ist der Schlüssel zu Aufstieg und Karriere, im Allgemeinen wie im Konkreten, und deshalb muss der deutsche Spießbürger promoviert sein.

Wer erinnert sich nicht an Helmut Kohls berühmt-berüchtigten Auftritt, als er einen, ihm offensichtlich unangenehmen, Journalisten auf dessen Frage hin anblaffte: „Ich bin nicht der Herr Kohl, ich bin der Herr Doktor Kohl“? Der Doktortitel gilt als das Entreebillet in die (vermeintlich) gute bildungsbürgerliche Gesellschaft.

Die Folge ist ein regelrechtes Auswuchern des Promotionsbetriebes. Deutsche Studenten werden, von wenigen technischen Studiengängen abgesehen, nicht etwa auf den Berufseinstieg vorbereitet, sondern auf die Promotion. Die universitäre Laufbahn ist mit dem Erreichen des ersten Hochschulabschlusses – Magister oder Diplom beziehungsweise seit der Bologna-Reform Bachelor und Master – beileibe nicht zu Ende; vielmehr fängt sie für viele dann erst richtig an, was eigentlich idiotisch ist, denn die „Luft“ ist bei den meisten nach dem Studienabschluss ohnehin raus.

Eine normale Dissertation nimmt heutzutage in der Regel mindestens drei Jahre in Anspruch, hinzu kommt die zähe und langwierige Phase der Begutachtung, und dann erst wird der Doktortitel erteilt. Bis man ihn aber seinem Namen voranstellen (und in den Personalausweis eintragen lassen) kann, vergeht nochmals einige Zeit: denn solange eine Dissertation nicht veröffentlicht ist, darf der Doktortitel nicht geführt werden. Und die Veröffentlichung verschlingt wiederum eine Menge Nerven – und Geld.

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Zu viele Promovenden ja, aber...

Im Detail ein wenig Widerspruch: Die Vermassung der Promotion geht konsequent mit der Vermassung der Universität an sich einher, und diese ist keineswegs auf dem Mist der Professorenschaft oder der Universitäten gewachsen. Ebenso darf sich ein System, das Promotionen pauschal belohnt, eigentlich nicht wundern, wenn in der Folge möglichst viele Promotionen entstehen. Und bezüglich der Qualität dieser Arbeiten würde ich mir ein solch pauschales Urteil wie das Ihre absolut nicht zutrauen, ich weiß auch nicht, woher Sie die Überzeugung nehmen, eine solche Kompetenz zu besitzen.
Für die grundsätzliche These dagegen Zustimmung: Wir brauchen nicht möglichst viele Geisteswissenschaftler, sondern möglichst gute.

  • Antworten
Landgon Olger16.10.2012 | 19:31 Uhr

Bequem...

Ich hoffe, dass Herr Sakkas eines Tages die ersehnte Promotionsurkunde in seinen Händen halten kann.

Mittlerweile muss man sich seiner beiden Buchstaben vor dem Namen wohl schämen. Wer promoviert, hat Angst vor dem Berufsleben, hat einen Minderwertigkeitskomplex und hat niemanden, der mit ihm spricht.

Die vier Jahre, in denen ich an dem Buch schrieb, das den Rest der Menschheit kaum interessiert, waren eine sehr schöne Zeit. Ich konnte mich mit Dingen beschäftigen, die mich faszinierten. Wissenschaft kann auch Spaß machen, und ich würde es immer wieder tun.

Dass man mit dem "Dr." kein intelligenterer Mensch wird, dürfte klar sein. Auch Führungseigenschaften erwirbt man damit nicht.

Ärgerlich ist, dass die Plagiatsaffären vieler Politiker die Promotion in Misskredit bringen.

  • Antworten
Katharina K.17.10.2012 | 10:31 Uhr

was wir brauchen..

ist ganz einfach: den Rücktritt - ohne lange Reden!

Und dann eine Person, die auch in eigener Qualifikation "Exzelklent" ist!

  • Antworten
friedrich schreyer17.10.2012 | 13:03 Uhr

und nun? wie weiter?

was soll den studierenden von heute denn mitgeteilt werden? dass sie gefaelligst ihre lebenstraeume von einem job begraben sollen, der ihnen ein auskommen sichert, mit dem sie sich und eine familie ernaehren und all die forderungen unserer eliten finanzieren koennen, also wohneigentum schaffen, privatvorsorge fuer alter und pflege, gegen arbeitslosigkeit, berufsunfaehigkeit, waldbrand und schlechte laune und, und, und?
der appell dieses artikels geht meines eindruckes nach in die falsche richtung, denn er muss an die eliten dieses landes gerichtet sein, die den beschriebenen druck aufgebaut haben und als willkommene drohkulisse nach wie vor sorgsam hueten.

  • Antworten
Andrew P17.10.2012 | 13:47 Uhr

Und wo bleibt der Dr. med?

da fällt mir doch glatt die Kinn-lade herunter. In den Geistes- und Sozialwissenschaften soll der Inhalt das Papier worauf es gedrückt ist nicht wert sein? Man bräuchte in etwa drei Jahre für eine Promotion? Dann müsste der Autor sich mal in den (Zahn)medizinischen Fakultäten herum sehen was da so geschrieben wird. Was da an Witzpromotionen produziert wird hat mit Wissenschaft gar nichts zu tun. Es geht dabei nur darum einen Berufsstand (noch) mehr Ansehen zu verschaffen als es ohnehin schon hat. Der Hauch von wissenschaftlichkeit ist für die Herren Mediziner anscheinend so wichtig das man sich über wissenschaftliche Standards die woanders üblich sind hinweg setzt und eine eigene Promotionskultur schafft ohne jeden akademischen Wert. Es wäre schon mal ein wesentlicher Fortschritt wenn man den Dr.-light ersatzlos streichen würde. Aber ob die Ärztelobby das wohl über sich ergehen lässt???

  • Antworten
enver18.10.2012 | 00:18 Uhr

@ enver

Wie gesagt: eben "das Papier nicht wert"!
Komme auch von einer medizinisch / pharmazeutischen Fakultät und kann oben Beschriebenes nur bestätigen.
Eine solide Berufserfahrung ist nicht einmal durch 5 solcher light-Dissertationen zu kompensieren.
Ein Lob an den Autor Hrn. Sakkas, der sich traut, dieses Dilemma einmal offen auszusprechen!

  • Antworten
k. Sakkas31.10.2012 | 18:12 Uhr

Bravo!

Ich finde den Artikel und Ihre Argumentation einfach nur herausragend, Herr Sakkas - vor allem, wenn ich es mit dem Geschreibsel in anderen Zeitungen vergleiche!
Ich denke auch, dass man einfach darüber nachdenken sollte, wie man eine akademische Qualifikation näher an wissenschaftliche Qualitätsansprüche bringen kann. Dazu ist in erster Linie notwendig, dass man sie aus den Fängen einer benchmarksüchtigen Ökonomie rettet, die die Inflationierung des Begriffs angestoßen hat: er ist derzeit einfach - auch - für die Falschen attraktiv. Evtl. könnte man ja versuchen, der Ökonomie einen Ersatz zu bieten. Oder aber, ihr den geliebten Dr. zu lassen und die tatsächlich wissenschaftliche Qualifikation anders zu nennen, z.B. "Ph.D". DER dürfte dann aber nur geführt werden, wenn der "Träger" im Wissenschaftsbetrieb arbeitet. Sicher nicht DIE Idee, aber vielleicht ein Ansatz?

  • Antworten
Leo18.10.2012 | 00:19 Uhr

Fehlende Wissenschaftskriterien

Ein sehr guter und interessanter Artikel. Insbesondere macht er deutlich, dass es in manchen Wissenschaftsdisziplinen (vor allem den Geisteswissenschaften) keine klaren Wissenschaftskriterien gibt - außer vielleicht der korrekten Beherrschung der Zitiertechnik. Entsprechend heißt es in John Brockmans Buch "Die dritte Kultur": "Ihr wesentliches Kennzeichen sind Anmerkungen zu Anmerkungen, und diese Spirale der Anmerkungen dreht sich so lange, bis die wirkliche Welt verlorengeht."

Würde man einem Mathematiker, der in seiner Promotion die Riemannsche Vermutung bewiesen hätte, dabei jedoch die ersten 70% seiner Herleitung gnadenlos aus einem Lehrbuch abgepinnt hätte, den Titel entziehen? Wohl kaum. Stattdessen würde man ihm die Fieldsmedaille umhängen, um bei der Verleihung ausdrücklich seine sehr ökonomische Vorgehensweise zu loben, nämlich das Rad nicht an allen Stellen neu erfunden zu haben, sondern auf Bestehendem aufgesetzt zu haben, was es allen anderen erheblich erleichtert habe, seinen Beweis nachzuvollziehen.

Schon Thomas S. Kuhn wies in seinem Werk "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" auf einen bemerkenswerten Unterschied zwischen den Natur- und Geiteswissenschaften hin: In ersteren gilt es geradezu als verpönt, bei bereits etablierten Erkenntnissen (z. B. die Relativitätstheorie) auf Primärliteratur (in diesem Fall: Einstein) zu verweisen, was in letzteren genau umgekehrt ist, um daraufhin verschmitzt zu fragen, wo denn wohl der schnellere Erkenntnisgewinn zu erwarten sei.

Das Problem der Geisteswissenschaften ist bis heute, dass sie kaum kumulative Erkenntnisse produzieren. Man könnte keine Dissertation über die Luhmannsche Systemtheorie verfassen, ohne pausenlos Luhmann im Original (korrekt) zitieren zu müssen. Einfach gesagt: Es gibt kein Referenzlehrbuch, auf das man verweisen könnte.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Fall Schavan im Konkreten nur Kosten und keine wirklichen neuen Erkenntnisse produziert. Die Arbeit ist aus 1980. Du liebe Güte. Irgendwann muss es auch mal gut sein ...

  • Antworten
Peter Mersch18.10.2012 | 12:55 Uhr

Es sollte eine öffentliche Debatte stattfinden

Ein willkommener Beitrag, der hierzulande eine Debatte anheizen sollte.
Die Promotion sollte solchen Studenten vorbehalten sein, die unmittelbar nach ihrem Studium Karriere in der Forschung machen wollen, oder wenn Forschung ein unabdingbarer Teil der Berufsausübung ist. Dies trifft auf Naturwissenschaftler, aber auch auf Berufe wie Klinische Psychologen und Ärzte zu.
Im europäischen Ausland ist man da realistischer. Was zählt, sind ausschliesslich berufliche Praxis und Erfolg, was natürlich auch ohne Promotion möglich ist. Promovierte werden eher als ewige Studenten gesehen und nicht selten bei der Personalauswahl deshalb negativ beurteilt.

  • Antworten
Kunhold von Schnittlauch07.02.2013 | 21:17 Uhr

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