Psychoanalytiker zur Flüchtlingsdebatte: - Wir haben ein Narzissmusproblem

Angela Merkels Flüchtlingspolitik stürzt dieses Land in eine tiefe Krise, glaubt der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz. In einem Gastbeitrag fordert er mehr Realismus und Ehrlichkeit in der Flüchtlingsdebatte. Den Deutschen diagnostiziert er eine „narzisstische Normopathie“

Vertreter und Akteure der Willkommenskultur tun vor allem sich selbst etwas Gutes, sagt Hans-Joachim Maaz
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Autoreninfo

Hans-Joachim Maaz ist Psychologe und Psychoanalytiker. Bis 2008 war er Chefarzt der Klinik für Psychotherapie in Halle. Er ist Autor des Buches „Der Gefühlsstau – Ein Psychogramm der DDR“, erschienen bei Argon.

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Die kriminellen Ereignisse in der Silvesternacht in Köln bedeuten eine Zäsur in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Flüchtlingsproblematik. Dass vor allem Frauen zu Opfern wurden, hat die „Willkommenskultur“ erheblich gedämpft. Auch die Grünen, die Linken, selbst die Feministinnen müssen jetzt gegenüber einer unkontrollierten Einwanderung Bedenken akzeptieren.

Aber am meisten ist „Mutti“ Merkel unter Druck, der man eine vermeintliche mütterliche Fürsorge immer weniger abnimmt. Ihre einsame Entscheidung – nicht mit der EU vereinbart, nicht im Bundestag debattiert, nicht mit Städten und Gemeinden abgestimmt – die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge großzügig und unkontrolliert in Deutschland aufzunehmen, wurde noch als große humanitäre Geste gefeiert. Kritische Bedenken wurden in der öffentlichen Diskussion kaum zugelassen. Und eine zugespitzte Kritik wie zum Beispiel „moralischer Imperialismus“ (Orbán) oder „Tugendterror“ (Sarrazin) wurden als absolut indiskutable Meinungen gebrandmarkt.

Moralisierender Mainstream und political correctness
 

Aber Köln hat die sehr wirksame Macht einer political-correctness-Zensur, eines moralisierenden Mainstreams, eines vorauseilenden Gehorsams deutlich werden lassen und aufgeweicht. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es gar keiner autoritären Meinungszensur oder gar einer „Lügenpresse“ bedarf, um unerwünschte oder belastende Wahrheiten zu vermeiden.

Die realen Erfahrungen der letzten Wochen zeigen, dass „Wir schaffen das!“ und „Es gibt keine Obergrenze!“ eine irrtümliche Suggestion und eine praktische Fehleinschätzung sind. Dass die notwendige Integration nicht „nur“ Versorgung, Wohnung, Sprachkurse, Arbeit, medizinische Versorgung, Kitas, Schulen, Kultur- und Rechtserziehung bedeutet, sondern auch zu lösende Fragen der Sexualökonomie aufwirft, ist jetzt deutlich geworden. Und dass etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung nach deutschem Asylrecht auch asylberechtigt wären, führt den Streit um eine Obergrenze ad absurdum.

Im Grunde genommen wissen wir alle, dass die Kanzlerin irrt und die bisherige Politik der Bundesregierung eine Tendenz zur nationalen Krise befördert. Weshalb schauen wir überwiegend nur zu, weshalb gibt es keinen Aufstand, weshalb wird der Rücktritt der Regierung, vor allem der Kanzlerin, nicht mit Nachdruck eingefordert? Ist die Politik „alternativlos“? Das glauben immer weniger!

Besorgte Bürger sind nicht rechtsextrem
 

Ich bezeichne eine gesellschaftliche Fehlentwicklung als „Normopathie“: Das Falsche, der Irrtum, wird nicht mehr erkannt, weil die Mehrheit einer Meinung ist und danach handelt. Alle Mitläufer können schuldfrei denken und sagen, was „alle“ machen, kann ja nicht falsch sein. Und als Mainstream ist die versammelte Kraft zu verstehen, dazugehören zu wollen, nicht die Last eines Außenseiters tragen zu müssen oder offen bekämpft und diffamiert zu werden.

Die in Deutschland immer noch wirksamsten Ausgrenzungen werden mit Schlagwörtern wie „rechtsextrem“, „rechtspopulistisch“ und „fremdenfeindlich“ vollzogen und damit jede inhaltliche Diskussion verhindert. Ganz ohne Frage gibt es solche Positionen, sie treffen aber überhaupt nicht auf die große Zahl der „besorgten Bürger“ zu. Dass Menschen Angst vor einer unkontrollierten Entwicklung, vor Fremden und krimineller Bedrohung haben, ist normal. Dass viele Menschen eine aufgezwungene Veränderung nicht wollen, dass sie Parallelgesellschaften ablehnen, dass sie kulturelle und religiöse Konflikte nicht wünschen, ist weder fremdenfeindlich oder rechtsradikal, noch rückschrittlich, sondern ihr gutes Recht.

Mehrheit der Bevölkerung schweigt oder schimpft im Stillen
 

Eine moralisierende Bewertung von Meinungen und Befindlichkeiten, die nicht politisch korrekt sind, ist ein ernst zu nehmendes Zeichen schwächelnder Demokratie. Andersdenkende sind niemals die Feinde einer Demokratie, sondern die zu verstehenden Symptomträger von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.

Wenn ich unsere gegenwärtige hochexplosive gesellschaftliche Krise als „narzisstische Normopathie“ verstehe, komme ich zur möglichen Deutung eines verhängnisvollen Zusammenspiels: Da ist Angela Merkel, die mit der unkontrollierten Öffnung der Grenzen und den naiven und anerkennungsbedürftigen Selfie-Gesten eine unverantwortliche Botschaft in die Welt gesetzt hat, die nur sie als Ausdruck ihrer Bedürftigkeit zu verantworten hat. Da sind die Vertreter und Akteure einer Willkommenskultur, mit der man Anderen, aber auch sich selbst Gutes tut, ohne die Verantwortung für die Folgen tragen zu müssen und zu können. Da ist die Mehrheit einer schweigenden Bevölkerung, die zwar schimpft, hetzt und sich vor allem sorgt, aber nicht den offenen Protest wagt – die Schuld der Mitläufer ist in allen pathologischen Gesellschaften ein ungelöstes bis unverstandenes Problem.

Der entstehende Narzissmus unter den Etablierten
 

Da ist die politische Klasse, die aus Gründen des Machterhalts (CDU) Kritik an der Kanzlerin dämpft, aber mit zehnminütigem Beifall bemüht ist, die Schwäche der Kanzlerin zu überklatschen, (jeder sollte mal versuchen, zehn Minuten zu applaudieren, um die Abnormität dieses Verhaltens zu erspüren) oder die SPD, die ihre eigene Regierungsposition nicht gefährden möchte oder um die eigene Ideologie („Multikulti“ bei den Grünen beziehungsweise die „soziale Ungerechtigkeit“ bei den Linken) nicht infrage stellen möchte. So entsteht auch unter demokratischen Verhältnissen eine „narzisstische Normopathie“, die mit „Wir schaffen das!“ einen Größenwahn mehrheitlich akzeptiert, mit „Es gibt keine Obergrenze!“ die Realität verleugnet und mit abwertenden Diffamierungen aller Kritiker bemüht ist, diese zum Schweigen zu bringen.

Narzissmus bedeutet Selbstüberschätzung der eigenen Möglichkeiten, Abwertung jeder kritischen Position, Empathielosigkeit gegenüber realen Sorgen und Ängsten und falsche Verheißungen zur Beschwichtigung geahnter eigener Bedenken. Mit einer narzisstischen Problematik werden immer tief verankerte psychosoziale Bedürftigkeiten und Sehnsüchte kompensiert und abgewehrt. Äußere Erfolge sollen einen Mangel an seelischer Zufriedenheit und sozialer Anerkennung ersatzweise befriedigen. So wird materielles Wachstum zur Sucht auf Kosten gerechter Verteilung und zwischenmenschlicher Beziehungskultur.

Politik der Regierung ist verantwortlich für aktuelle Krise
 

Die Regierungspolitik ist verantwortlich für die zunehmende Krise in der Gesellschaft. Politisches Handeln ist narzissmusgesteuert und politische Verantwortung wird durch eine irrationale Moral ersetzt. Die Unfähigkeit der Kanzlerin, Fehler einzugestehen, vorhandene Ratlosigkeit und Unsicherheit mit trotzigem Verharren zu kaschieren, ist ihr persönlicher und verhängnisvoller Anteil an der narzisstischen Normopathie. Dass die „mächtigste Frau der Welt“ aber nur die Projektionsfigur für eine Mehrheit von Menschen ist, die ihre narzisstische Problematik im „Größenklein“ befriedet bekommen möchten und sich deshalb wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ verhalten, ist die andere Seite der Medaille. Notwendiges politisches Handeln wird durch falsche Argumente verhindert:

- Man könne den Flüchtlingsstrom nicht stoppen.

- Man könne die Grenzen nicht schließen.

- Man könne nicht schnell genug über das Asylrecht entscheiden.

- Man könne nicht zurückschicken, weil die Herkunftsländer nicht mehr aufnehmen wollen!

- Man müsse Wahrheiten und die Realität verschweigen, um keine Panik zu verursachen und Fremdenfeindlichkeit zu schüren.

Von einer Verbrecher-Gesellschaft zur Tugend-Gesellschaft

 

Dagegen müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass das bisherige EU- und Asylrecht und die rechtsstaatliche Praxis als bisher große Errungenschaften der veränderten globalen Situation nicht mehr gerecht werden. Man könnte Politik als naiv bezeichnen, wenn sie nicht bedenklich von narzisstischen Problemen behaftet wäre, zu glauben, dass Menschen mit hochproblematischen und kulturell und religiös verankerten Fehlentwicklungen in kürzester Zeit einen befreienden demokratischen Weg gehen könnten, um die die Europäer über Jahrhunderte blutige Kämpfe mit millionenfachen Verlusten ausgefochten haben. Die normopathische Störung, die ich unserer Gegenwartsgesellschaft bescheinige, verstehe ich als Folge reaktiver Schuldabwehr aus den zu verantwortenden Verbrechen der Vergangenheit und dem Wissen vom neuen „falschen Leben“ in einer Gesellschaft mit Profitzwang und materieller Gier.

Die größte Verbrecher-Gesellschaft hat sich zur großartigen Tugend-Gesellschaft verwandelt, was ohne innerseelische Entwicklung fragwürdig bleibt. Denn die neuen destruktiven Folgen unseres Lebens: Klima-Katastrophe, Artensterben, Vergiftung von Luft, Wasser und Boden, Ausbeutung von Menschen, ungerechte Verteilung, die wesentlichen Anteil an Kriegen, Verarmung und sozialen Konflikten und damit an der millionenfachen Migration haben, kennen wir, sind aber zur wirklichen Einsicht und notwendigen Veränderung aus narzisstischen Gründen weder bereit noch in der Lage.

Es macht den entscheidenden Unterschied, ob wir aus uneingestandener Schuld zulassen, dass unsere Gesellschaft durch die nicht gelöste Flüchtlingsproblematik zerstört wird oder ob wir aus notwendiger Erkenntnis unserer Fehlentwicklung alles tun, was möglich ist, um die Ursachen der Kriege und der Armut zu bekämpfen und die bedürftigen Menschen vor Ort zu versorgen.

Das würde unser bisheriges Wohlstandsleben natürlich auch verändern, aber aktiv und gewollt, statt jetzt passiv und ungewollt. Wir müssen Milliarden aufbringen, entweder um die wachsenden Nöte und Konflikte in Deutschland ohne eine gute und realistische Perspektive zu regeln oder um die Lebenssituation der durch unsere Lebensform Benachteiligten wirkungsvoll zu verbessern.

Der Rechtsstaat ist gefordert


Ich behaupte, dass falsche Moral und Tugend als reaktive Symptome einer Schuldabwehr wesentlichen Anteil an der Verhinderung notwendigen politischen Handelns haben:

- Die Grenzen müssen geschlossen und nur kontrolliert durchgängig sein.

- Das Asylrecht muss den veränderten Bedingungen angepasst werden.

- Die Praxis der Rechtsstaatlichkeit muss die neuen Konflikte und Vergehen berücksichtigen und wirksam ahnden.

- Die Spaltung der Gesellschaft darf nicht durch Streit zwischen Pro und Contra gefährdet werden, sondern muss durch eine kritische Diskussion über unser „falsches Leben“ mit den notwendigen Veränderungen unserer Lebensform verringert werden.

Es wäre besser, wir lernten uns zu verändern, als dass wir mit Gewalt verändert werden. Das betrifft sowohl die zu korrigierende Flüchtlingspolitik als auch die offene Auseinandersetzung mit politischen Gegnern. Man kann nicht Flüchtlinge integrieren wollen, aber eigene links- oder rechtsextreme Gruppen und Parteien aus der Integration ausschließen.

Eine Obergrenze für die Aufnahme wird unvermeidbar. Damit verbunden sind Grenzkontrollen und die Zurückweisung von Flüchtlingen. Das wird belastende und unangenehme Folgen haben, muss und kann aber ausgehalten werden, wenn man unpopuläre Maßnahmen als unvermeidbar anerkennt. Zugleich aber muss die notwendige Hilfe und Gerechtigkeit angemessener organisiert werden. Außerdem sollten wir unsere eigene Schuld an der globalen Situation akzeptieren.

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