Schulexperte zur PISA-Studie - „Ich halte nichts von dieser Testeritis“

Im aktuellen PISA-Test wurde die Fähigkeit von Schülern untersucht, Alltagsprobleme kreativ zu lösen. Deutschlands oberster Lehrer Josef Kraus erklärt im Interview, wie PISA das Bildungsverständnis pervertiert und spricht über das deutsche Burn-out-Gejammer 

Kinder stehen an einer Tafel und schreiben die Buchstaben PISA
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Vinzenz Greiner hat Slawistik und Politikwissenschaften in Passau und Bratislava studiert und danach bei Cicero volontiert. 2013 ist sein Buch „Politische Kultur: Tschechien und Slowakei im Vergleich“ im Münchener AVM-Verlag erschienen.

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Cicero Online: Herr Kraus, in der aktuellen PISA-Studie von 2012 wurde die Fähigkeit von Schülern getestet, Alltagsprobleme kreativ zu lösen. Jetzt wurden die Ergebnisse bekanntgegeben: Deutschland schneidet über dem OECD-Durchschnitt ab. Ist das nicht ein tolles Ergebnis?
Josef Kraus: Man kann nicht zufrieden sein. Aber ich würde grundsätzlich solche Tests nicht überbewerten, da die Untersuchungsmethode anzuzweifeln ist.

Weshalb?
Die Tests zeigen nur einen minimalen Ausschnitt der Bildungswelt. PISA misst kein literarisches Wissen, kein sprachliches Ausdrucksvermögen, weder politische noch historische noch ästhetische Bildung.

Aber Kreativität bei der Problemlösung ist eine Sache, die alle Schüler weltweit aufbringen sollten. Da ist ein Vergleich doch angebracht.
Kreativität kann man schlecht messen. Aber egal, welche Bildungsteile untersucht werden, ist es so, dass hier international Systeme miteinander verglichen werden, die wirklich wenig Gemeinsamkeiten haben. Es werden in solchen Tests Dinge verglichen, die man nicht vergleichen kann. Schon allein, weil Bildung ganz anders verstanden wird. Nach deutschem Bildungsverständnis sollen Schüler mindestens bis zur neunten bzw. zehnten Klasse Allgemeinbildung bekommen. Das Praktische kommt danach. In anderen Ländern findet schon sehr früh eine Vermischung aus Bildung und Ausbildung statt. Außerdem geht jedes Land anders an solche Tests ran.

Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen wir asiatische Länder, die in den PISA-Studien vorne liegen. Da wird in manchen Schulen vor jedem Test die Nationalhymne gesungen. Die Schüler strengen sich an, weil es bei ihnen um das Land geht. Es ist für sie eine Frage des nationalen Stolzes. Wenn ich mir überlege, wie ernst das bei uns genommen wird, ist das kein Vergleich. Im Übrigen muss man doch auf etwas ganz Anderes schauen: Die Beschäftigungsquote bei Jugendlichen. Und die ist bei uns, wie auch in Österreich und in der Schweiz, aufgrund des dualen Ausbildungssystems sehr gut. Die Ergebnisse, die deutsche Schüler in den PISA-Tests erzielen, stehen damit in eklatantem Kontrast zur wirtschaftlichen Realität. Ich halte wirklich nichts von dieser Testeritis.

Der internationale Leistungsvergleich kann aber durchaus positiv sein. Oder war der „Pisa-Schock“ 2000 Ihrer Meinung nach nicht wichtig?'
Doch, der hat etwas angestoßen: Man hat damals begonnen, Bildung intensiver zu diskutieren. Gleichzeitig aber tritt in diesem Moment der Kollateralschaden ein: Das Bildungsverständnis wird auf das Messbare reduziert. Es geht nur noch um Anwendungswissen.

Die PISA-Studie erfasst die Leistung von Schülern, aber nicht ihr Befinden. Die Deutschen sprechen im Zusammenhang mit der Schule von Burn-out oder „Erschöpfungsdepression“ bei Kindern.
Dieses Stress-Gerede ist wirklich typisch deutsch. In den WHO-Studien, die die Zufriedenheit junger Leute mit dem Bildungswesen untersuchen, stehen wir gut da. Wir haben zugleich Jahrzehnte eine Erleichterungspädagogik betrieben, sodass viele junge Leute und auch Eltern schon kleinste Leistungsanforderungen als Belastung empfinden. Es ist ein eingeredeter Stress. Wir sind quasi das Gegenteil von den Drillschulen Asiens. Deren Abgänger und auch Osteuropäer werden uns bald in den Sack stecken, weil sie mit Leistungsanforderungen umgehen können. Wir müssten da auch unverkrampfter rangehen.

Dennoch müssen sich Schulpsychologen an deutschen Schulen um solche Symptome kümmern. Bevor Sie Chef eines Gymnasiums wurden, waren Sie selbst Schulpsychologe. Wie gut ist Deutschland eigentlich damit ausgestattet?
Auf einen Schulpsychologen kommen deutschlandweit etwa 10.000 Schüler. Das ist weit unterhalb dessen, was die Kultusministerkonferenz ausgegeben hat. Wir brauchen eine höhere Versorgungsdichte.

Zeichnet sich ab, dass sie kommen wird?
Ich bin da skeptisch. Die Kultusministerkonferenz hat vor 20 Jahren angekündigt, dass nur noch 5.000 Schüler auf einen Schulpsychologen kommen würden. Passiert ist aber wenig. Wir vom Deutschen Lehrerverband sprechen das aber immer wieder an.

Statt mehr Schulpsychologen einzustellen, beschäftigen sich die Bundesländer damit, vom G9 zum G8 und wieder zurück herumzureformieren.
Das mit dem G8 war ein Riesenfehler. Ich will, dass das alle Bundesländer, die es versucht haben, einräumen.

Kann man denn so schnell schon beurteilen, ob eine solche Strukturreform Früchte trägt oder nicht?
Ja. Denn die ersten Abiturjahrgänge zeigen, dass die G8ler weniger können als die G9ler und ein Jahr weniger erwachsen sind. Ich denke, der Zug in Richtung G9 ist nicht mehr aufzuhalten.

Josef Kraus ist neben seiner Tätigkeit als Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Direktor an einem bayerischen Gymnasium.

Das Interview führte Vinzenz Greiner

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