Nachruf Frank Schirrmacher - Ein konservativer Futurologe

Er prägte das Feuilleton wie kaum ein anderer in Deutschland: Frank Schirrmacher, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ist im Alter von nur 54 Jahren gestorben. Er erlag einem Herzinfarkt. Ein Nachruf von Alexander Kissler

Frank Schirrmacher war seiner Zeit voraus
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Der Herzinfarkt gilt als Tod der Macher und der Risikobereiten, derer, die an beiden Enden brennen. Für den Journalisten und Publizisten Frank Schirrmacher, den nun auf diese Weise ein früher Tod ereilte, gilt dieser Konnex unbedingt. Er war Machtmensch und Macher und wollte die Wurzeln offenlegen jener Risikogesellschaft, in die sich die westliche Hemisphäre längst verwandelt hat. Darum druckte er an einem in den Annalen des Journalismus fest verzeichneten 20. Juni 2000 auf sechs ganzen Seiten das teilentschlüsselte menschliche Genom ab. Im Feuilleton, wohlgemerkt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die ellenlange Abfolge der Buchstaben A und T und C und G war garniert mit einer Textbeigabe Craig Venters, des schlauen Kopfs hinter der Sequenzierung, unter der Überschrift: „Der neue Ausgangspunkt für Wissenschaft und Medizin“. Gewiss, im Rückblick mutet mancher Überschwang kurios an. Bei Lichte betrachtet, harren die meisten hinaus posaunten Durchbrüche der Genforschung ihrer Nutzanwendung. Schirrmacher aber hatte mit untrüglichem Gespür erkannt, dass hier ein tatsächlich neuer Ausgangspunkt für die Erzählung vom Menschen lauerte – und dass eine solche Neuerzählung ins Feuilleton gehört, in die Agora der Diskursgesellschaft, nicht ins Spezialressort. Schirrmacher war im Letzten dies: ein Wetterfühliger für alles Zukünftige, ein konservativer Futurologe aus Sorge um die Bestände des mühsam Errungenen.

Seine Bücher lassen sich, heute zumal, als Flammenschrift lesen an jener Wand, die unsere humanistische Bildung gerade noch umspannt. Wie nämlich soll des Menschen künftig gedacht werden, wenn eines Tages wirklich seine innersten Bausteine offenliegen und – ärger noch – designt werden können? Wem wird ein solcher Mensch sich verdanken? Die Intuitionen Schirrmachers lagen nicht weit entfernt vom sauber ausgearbeiteten biopolitischen Caveat des Jürgen Habermas.

Und wie, fragte Schirrmacher später dann, 2006 in „Minimum“, kann eine Gesellschaft bindende Kräfte entfalten, wenn die Ich-AG die Familie als Leitbild ersetzt? Wenn aus der Schule des Lebens die Werkbank des Kapitels wird, noch in der kleinsten Zelle? Das „Methusalem-Komplott“ hatte diese Frage 2004 vorbereitet – seine bis heute zornigste, wirkungsvollste Philippika über Jugendwahn und „Altersrassissmus“. Beide Bücher waren Verkaufserfolge trotz mäßiger Kritiken. Den berühmten Nerv der Zeit traf Schirrmacher zielsicher, gerade weil er das Morgen anzielte und aus dem Gestern Kräfte schöpfte. Vielleicht steckte deshalb im Titel der literaturwissenschaftlichen Dissertation eines 28-Jährigen das ganze Lebens- und Schaffensprogramm dieses Alphamannes: „Schrift als Tradition“ war die Arbeit über Kafka und Bloom betitelt. Wenn, ließe sich frei nach Schirrmacher sagen, die Gegenwärtigkeiten diffundieren und das Neue aus vielen Rohren schießt, bleibt Halt nur in der Schrift, im Schreiben, im Wortewenden. In diesem Sinne war er, aller spielerischen Formenvielfalt zum Trotz, Essentialist, nicht Strukturalist.

Auch die beiden letzten Bücher des Herausgebers der FAZ, „Payback“ (2009) und „Ego“ (2013), waren fiebrige Erkundungen der Conditio humana. Den Menschen im Angesicht der Informationsmaschinen vermaß das eine, das Individuum vor dem Richterstuhl des Spätkapitalismus das andere Buch. Schloss sich so der Kreis zum Regiment der Neuerer und der Fron des Methusalems? Vielleicht. Gewiss aber schließt sich kein Lebenskreis mit erst 54 Jahren, auch wenn der 1959 in Wiesbaden im Sternzeichen der Jungfrau geborene Schirrmacher viele Stufen früh und als Erster übersprang. Sein großer Mentor Joachim Fest bereitete ihm 1985 den Weg ins FAZ-Feuilleton, als dort noch eine Gelehrtenrepublik aus altem Schrot und Korn tagte, eine Paulskirche jenseits der Zeitkapsel. Bald wurde Schirrmacher dort ein scharfer Debattenanreger und wuchtiger Karrierenmacher von eigenen Gnaden.

Sein letztes großes Thema, das Thema dieser Stunde, waren die Risiken einer suchmaschinenoptimierten dritten Moderne; hinter Big Data könne ein Big Brother sich verbergen. Mit diesem Memento erklärte Schirrmacher vor wenigen Tagen erst im Gespräch mit Peter Sloterdijk: „Wir können nur sagen, dass wir 200 Jahre nach der Dampfmaschine in eine Welt eintreten, auf die wir nicht gut vorbereitet sind. Eine Welt, die sozusagen das, was sie im Bereich der Dinge machte, jetzt in der Welt des Menschen selbst macht: die völlige Ausdifferenzierung jedes Details seines Lebens, damit irgendjemand davon einen Vorteil hat. Und hier fällt unweigerlich auf, dass wir eine Asymmetrie der Macht haben, dass die Daten alle in riesigen Internetgiganten in den USA liegen.“

Vielleicht aber war der Frühverstorbene auch schon zu neuen Pfaden in seiner fortlaufenden Chronik des Menschenwissens unterwegs. Die letzte Nachricht bei Twitter datiert vom 11. Juni, kurz vor Mitternacht. Es war der Verweis auf einen Artikel im „Guardian“, demzufolge, so Schirrmacher, der Irak nun „in die Hände von Leuten“ falle, „die selbst Al Kaida zu extrem sind.“ Der Terror und die Kriege und der Islamismus als ein weiterer neuer Ausgangspunkt für die Erzählung vom Menschen? Am Morgen des darauffolgenden Tages verstarb Frank Schirrmacher in Frankfurt am Main.

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