Kanzlerkandidat Schmitt

„Hauptsache, das Ich gewinnt!”

Inhalte überwinden! Fortschritt durch Stillstand! Oliver Maria Schmitt tritt zur Bundestagswahl als Spitzenkandidat der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (PARTEI) an. Ein Gespräch über die Bürde des Politikerdaseins, mutmaßliche Verbindungen zwischen PARTEI und dem Satiremagazin Titanic – und Angela Merkels Privatleben

2012: OB-Kandidat Schmitt präsentiert seine Wahlkampfplakate
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Unser Autor

Christophe Braun hat Philosophie in Mainz und St Andrews studiert.

So erreichen Sie Christophe Braun:

Herr Schmitt, Hand aufs Herz: Hat Angela Merkel die Bundestagswahl schon gewonnen?
Das glaubt sie – und ich möchte sie auch in diesem Glauben belassen. Sie ist nämlich die geborene Überraschungsverliererin der Bundestagswahl 2013. Dass Steinbrück nicht Bundeskanzler wird, ist sowieso klar, vor allem der SPD. Zum geeigneten Zeitpunkt werde ich daher aus der Deckung herauskommen, als Deus ex machina.

Der nächste Bundeskanzler wird Oliver Maria Schmitt heißen?
Ja. Die Hochrechnungen meines Teams lassen keinen anderen Schluss zu. Aus strategischen Gründen möchte ich aber keine Details verraten. Nur so viel: Auch für mich selbst wird es überraschend sein.

Warum tun Sie sich die Kanzlerkandidatur an?
Ich bin ja schon sehr lange in der Politik: Mit 22 bin ich zum ersten Mal zu einer Landtagswahl angetreten, mit 25 habe ich in meiner Heimatstadt Heilbronn meinen ersten OB-Wahlkampf geführt. Auf meiner Vorarbeit fußend, hat Martin Sonneborn im Jahr 2004 die PARTEI gegründet. Ich bin dann auf eigenen Wunsch deren Ehrenvorsitzender geworden. Zu meinem Entsetzen musste ich aber erfahren, dass dieses Amt undotiert ist – keinerlei Bezüge. Ich stehe also praktisch vor dem Nichts. Die einzige Möglichkeit, hier noch was zu reißen, ist also, aktiv in die bezahlte Politik einzusteigen.

Könnten Sie denn vom Bundeskanzlergehalt leben?
Eher nicht. Deswegen werde ich nach der Machtübernahme die Ämter des Bundeskanzlers, des Außenministers und des Innenministers in meiner Person vereinen. Dann hätte ich drei Bezüge.

Sie denken ja nur an sich selbst!
Überhaupt nicht. Wenn ich – wovon ich ausgehe – Kanzler von Deutschland werde, wäre das eine Win-Win-Situation: Ich wäre weg von der Straße, damit wären die Sozialkassen entlastet. Und: Ich hätte einen gut dotierten Posten, und würde mich auch darum bemühen, wiedergewählt zu werden. Deutschland wäre somit der zweite Gewinner.

Wie werden Sie das Amt führen?
Wer wiedergewählt werden möchte, darf nichts falsch gemacht haben. Nur wer nichts macht, macht keine Fehler. Daher ist der Status Quo das erklärte Ziel meiner sachorientierten Politik. Ich werde durch Abwesenheit glänzen. Dass Bürger mich ansprechen, wird daher völlig sinnlos sein. Ich stehe für eine Politik der geschlossenen Türen – eine Politik der Stabilität und Ruhe eben. Die Leute haben Angst vor Veränderung. Das ist unter meiner Führung nicht zu befürchten. Es gilt: Nur Stillstand ist echter Fortschritt.

Bei der Frankfurter OB-Wahl haben Sie im vergangenen Jahr das beste Ergebnis der PARTEI in der Nachkriegszeit erreicht: 1,8 Prozent. Trotzdem spielen Sie in den Umfragen zur Bundestagswahl bislang noch keine nennenswerte Rolle. Wie wollen Sie den Trend noch wenden?
Ich werde natürlich den Teufel tun und hier meine Strategie offenlegen! Sie dürfen mir aber schon glauben, dass die schlecht bezahlten Experten aus Polen, die mich beraten, mir eine maßgeschneiderte Kampagne zurechtlegen, mit der ich dann praktisch aus dem Nichts an die Spitze preschen werde – per aspera ad astra. Noch vor wenigen Jahren wären ja zum Beispiel auch die Piraten eine Bedrohung gewesen. Aber die haben wir mit ferngesteuerten Nerds infiltriert. Seitdem stirbt diese Partei vor sich hin.

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Ach, Sie waren das?
Ja. Wir haben die Piraten erfolgreich unterwandert. Die hatten ja ein sehr starkes Programm und tolle Persönlichkeiten. Wir haben dann ein paar Sandalenträger und Bezopfte engagiert, um den Laden zu schädigen. Das hat, wie Sie sehen können, sehr gut geklappt. So werden wir es mit den anderen Parteien auch machen.

Welche Parteien machen Ihnen denn besonders zu schaffen?
Vor allem Spaß- und Satireparteien, die die Demokratie als Selbstdarstellungsbühne missbrauchen, um da ihre Schmierenkomödie abzuziehen. Zum Beispiel die FDP mit dem Sexgott Rainer Brüderle und dem Teppichhändler Dirk Niebel. Das schafft uns Probleme, weil wir diesen Glaubwürdigkeitsverlust dann wieder ausbügeln müssen.

Als kritischer Journalist möchte ich hier einhaken. Der PARTEI wird immer wieder allzu große Nähe zur Satire-Zeitschrift Titanic vorgeworfen. Bei Wikipedia steht zum Beispiel, dass der Fax-Anschluss der PARTEI identisch sei mit dem der Titanic-Redaktion. Wie wehren Sie sich gegen solche Vorwürfe?
Ich faxe nicht mehr, das ist mir zu teuer.

Naja, aber …
Die PARTEI ist eine Partei der Technikkompetenz. Weil wir aber eine junge Partei sind, können wir uns noch keinen eigenen Faxanschluss leisten. Deshalb leasen wir zur Zeit eben noch Faxspace beim politischen Faktenmagazin Titanic. Wir sind auch gerne bereit, das jederzeit offenzulegen.

Sie sind der Schöpfer des berüchtigten Papst-Covers der Titanic vom Sommer 2012. Damit sind Sie unter den Kanzlerkandidaten der einzige, gegen den schon mal ein Papst juristisch vorgegangen ist. Wie werden Sie diesen Vorteil im Wahlkampf nutzen?
Man soll ja eigentlich aus alten, gebrechlichen Männern kein Kapital schlagen. Natürlich tut es mir persönlich leid, dass Papst Ratzinger wegen meines doch ziemlich billigen Witzes zurückgetreten ist. Aber letztlich war er der klerikalen Politik nicht mehr gewachsen. Deshalb hat er jetzt an diesen südamerikanischen Bettelpapst übergeben. Trotzdem hoffen wir auf weitere Zusammenarbeit mit Ratzinger. Der ist ja ein klassischer Intellektueller. Er plant schon eine dreibändige Biografie über mich – also Kindheit, mittleres Leben, und dann der Tod am Kreuz. Für ein gutes Wahlergebnis würde ich auch das auf mich nehmen.

Kommen wir zum Human-Interest-Teil des Interviews: Wie sind Sie zum Politiker geworden?
Das ist eine Veränderung, die schleichend abläuft. Ich bin noch als Mensch in die Frankfurter OB-Kampagne eingestiegen – und als Politiker herausgekommen.

Wie hat sich diese Verwandlung bemerkbar gemacht?
Menschen, die mir begegnen, hören nicht mehr zu. Sie schalten automatisch auf Durchzug, wenn ich versuche, sie mit hohlen Phrasen plattzulabern. Außerdem verliert man echte Freunde – und zwar in dem Tempo, in dem man neue Facebook-Freunde gewinnt. Meine Frau ist jetzt auch ausgezogen. Ich bin umgeben von einem Heer von Speichelleckern und Karrieristen, die nach Ämtern gieren, die letztlich bloß in ihrer Vorstellung existieren – wie die Noch-Kanzlerin auch.

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Sie sind also sozial isoliert?
Als Politiker wird man gehasst und verachtet. Deshalb habe ich bei meiner OB-Kampagne auf starke, klassische Emotionen gesetzt – mit dem Claim „Ich brauch den Job.“ Damit wird Mitleid evoziert, aber auch Verachtung. Das sind zwei starke Emotionen, die andere Kandidaten nicht in dem Maße nutzen. Deshalb würde ich meinen kommenden Bundestagswahlkampf ganz klar als emotionalen Wahlkampf bezeichnen.

Einer Ihrer Grundsätze lautet: Inhalte überwinden.
Beim erfolgreichen Frankfurter Wahlkampf hatten wir noch Inhalte. Damit sind wir von 0,2 auf 1,8 Prozent gekommen. Das ist eine Steigerung um 800 Prozent. Nach meiner Hochrechnung brauche ich, wenn es so weitergeht, weniger als zwei Wahlen zur Kanzlerschaft. Das geht schneller, als man denkt. Aber eben nur, wenn man Inhalte systematisch überwindet.

Können Sie das Vorhandensein von Inhalten in Ihrem Programm definitiv ausschließen?
Zurzeit lasse ich das noch prüfen. Ich habe den Verdacht, dass es bei uns irgendwo noch Inhalte gibt. Wenn uns aber ein Inhalt unterkommen sollte, wird er radikal ausgemerzt.

Die SPD zieht in die Bundestagswahl mit dem Slogan „Das Wir gewinnt“. Dagegen triefen Ihre Slogans – etwa „Arbeit und Wohlstand für Schmitt“ –  doch regelrecht vor Bedeutung!
Der Gegner ist uns eben immer um eine Nasenlänge voraus. Bei mir gilt: Hauptsache, das Ich gewinnt.

Wer soll Sie denn wählen?
Durch Wählerforschung und -analyse habe ich herausgefunden, dass ich vor allen Dingen für Frauen wählbar bin. Nach unseren Berechnungen sind fast 50 Prozent aller Wähler weiblich.

Sie tragen neuerdings auch einen Doktortitel.
Ja. Im Gegensatz zu denen von zu Guttenberg oder Schavan ist der sogar echt. 39 Euro hat er gekostet. Ich bin jetzt Doktor der metaphysischen Wissenschaften an irgendeiner klerikalen Irrenvereinigung in Amerika. Ich bin berechtigt, diesen „Dr. h.c.“-Titel zu führen. Das habe ich mit Brief und Siegel. Natürlich kann es bei öffentlichen Veranstaltungen schon mal vorkommen, dass der Veranstalter das „h.c.“ vergisst. Aber da bin ich nicht kleinlich. Das zeigt dann ja auch, dass ich kompetent bin.

Sie sind also für Frauen wählbar, für Intellektuelle …
… da ich aber auch ganz klar sage: „Ich brauch den Job!“, bin ich in der Hartz-IV-Hauptstadt Berlin natürlich auch goldrichtig. Damit kann man in den Elendsgebieten im Wedding oder in Marzahn unheimlich Stimmen abstauben.

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Wie steht’s mit den Männern?
Ich fahre eine starke Männerkampagne. Ich bin selbst Mann und werde es – das sage ich ganz offen – auch bleiben. Dadurch bin ich auch für Männer wählbar. Außerdem werde ich für Tierfreunde wählbar sein, weil ich gerne Tiere esse, auch privat. Ich werde auch einen Raucherwahlkampf führen. Ich bin selbst massiver Kettenraucher und lasse mich hier auch gerne noch von der Tabakindustrie sponsern. Kurz: Ich bin eigentlich für alle wählbar.

Sie schreiben: „Die Intelligenten können mir gönnerhaft ihre Stimme geben, um damit zu zeigen, dass sie die Ironie begriffen haben. Und die Dummen können mich jederzeit wählen, weil sie die Ironie nicht begriffen haben.“
Genau. Wenn ich an die Cicero-Online-Leserschaft denke – da gilt dann wohl Letzteres.

Wähler umwerben ist die eine Seite des Wahlkampfes. Die andere: Die Konkurrenz schlechtmachen. Gibt es da konkrete Pläne?
Selbstverständlich. Aber Sie müssen schon verstehen, dass ich da nicht mit Details rausrücken kann. Grundsätzlich gilt jedoch: Es ist einfacher, den bereits existierenden guten Ruf eines Gegners durch eine gezielte Schmutzkampagne zu desavouieren, als einen eigenen guten Ruf aufzubauen. Deshalb werden wir eine schmierige und populistische Schmutzkampagne betreiben. Es wird unglaublich widerwärtige Enthüllungen geben. Auch zum Privatleben von Angela Merkel und Peer Steinbrück.

Die zentrale Forderung der PARTEI ist der Wiederaufbau der Mauer.
Wir hatten in Westdeutschland ja unsere schönste Zeit, als die Mauer noch stand. Es geht uns nicht nur darum, eine physische Mauer wiederzuerrichten – wir wollen auch die Mauer in unseren Köpfen, in unseren Herzen wieder hochzuziehen. Denken Sie an Rocko Schamonis Lied: „Lasst uns eine Mauer bauen, eine Mauer der Liebe.“ Mauern verbinden Menschen.

Naja.
Einfach nur zu sagen: Eine Mauer trennt ab, das ist doch simples Schwarz-Weiß-Denken. Mauern verbinden auch!

Aber der Wiederaufbau der Mauer würde Deutschland doch wieder spalten?
Natürlich wollen wir die SBZ, Sonderbewirtschaftungszone in den fünf neuen Bundesländern, baulich wieder abtrennen. Es ist nicht einzusehen, warum im Westen immer noch Solidarbeiträge erwirtschaftet werden, die dann im Osten planlos versickern. Oder für Freizeitbauten verwendet werden, wie zum Beispiel die Dresdner Frauenkirche. Die sollte nach unseren Plänen übrigens abgerissen werden: Das ist erstklassiges Baumaterial, das man für Mauerteilstücke verwenden könnte.

Vor wenigen Wochen hat sich die Anti-Euro-Partei „Alternative für Deutschland“ gegründet. Droht Ihnen hier Gefahr?
Überhaupt nicht. Diese Partei hat Hans-Olaf Henkel. Wer Hans-Olaf Henkel vorne dran hat, muss sich um seine Unbeliebtheit keine Sorgen machen. Wir beobachten mit großem Interesse, wie Konservative und Rechte sich zerfleischen – und sind die lachenden Dritten. Die verwirrten Wähler, die zwischen CDU, NPD und AfD ratlos hin und her pendeln, werden wir dann schon wieder einsammeln.

Herr Schmitt, ich danke Ihnen für das Gespräch!

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Das Gespräch führte Christophe Braun.

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