Frau Fried fragt sich …

… ob sie als Amazon-Kundin ein schlechter Mensch ist

Amelie Fried nutzt die Dienste von Amazon als Autorin und Leserin. Sie hat aber ein schlechtes Gewissen: Füttert sie damit nicht ein Monster?

Ist Amazon ein Monster?
Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators

Unser Autor

Amelie Fried ist Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin. Für Cicero schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft

So erreichen Sie Amelie Fried:

Alle sind sich neuerdings einig: Amazon ist böse. Von ungebremster Expansion ist die Rede, von miesen Arbeitsbedingungen. Amazon will nicht nur Verlage überflüssig machen und sich langfristig die gesamte Produktions- und Vertriebskette von Büchern einverleiben, der Konzern will unser Kaufverhalten kontrollieren. Zuzugeben, dass man bei Amazon kauft, ist in meinen Kreisen inzwischen fast so populär wie der Konsum von Kinderpornografie.

Ich bin zwischen den 15.000 Büchern meiner Eltern aufgewachsen. Die Liebe zu Büchern und die Hochachtung für jene, die sie ­schreiben, gestalten, verlegen und verkaufen, wurde mir gewissermaßen mit der Muttermilch eingeflößt. Amazon zu boykottieren, müsste selbstverständlich für mich sein. Aber ich schaffe es nicht, jedenfalls nicht völlig. Und frage mich, ob es dafür eine Rechtfertigung gibt.

Seit ich einen Kindle besitze, bestelle ich viele Bücher als E-Book, die ich mir sonst nicht gekauft hätte. An meinen Downloads verdienen nicht nur die Bösen bei Amazon, sondern auch Autoren und Verlage. Außerdem bin ich nicht nur Leserin, sondern auch Autorin. Meine Bücher werden in großer Menge bei Amazon gekauft. Meine Verlagsoberen schimpfen zwar auf den Versandhändler, machen aber trotzdem Geschäfte mit ihm, weil sie gar nicht anders können. Soll ich als Autorin verlangen, dass sie auf einen ihrer wichtigsten Vertriebspartner verzichten – zu ihrem und meinem Schaden?

Gut möglich, dass Amazon das Monster ist, als das viele den Konzern sehen. Aber dieses Ungeheuer haben wir alle gezüchtet, es ist eine Ausgeburt unserer Konsumgier, unserer Ungeduld, unserer Bequemlichkeit. Wir haben es gefüttert und gehätschelt, und nun, da es alles zu verschlingen droht, jammern wir und glauben, wir könnten es wieder einfangen und unschädlich machen.

Dafür ist es zu spät. Wir können nur versuchen, es zu domestizieren. Verlage müssen hart verhandeln und dürfen sich nicht erpressen lassen – die Konzerne Hachette und Bonnier machen es gerade vor. Und wir Kunden können durch unser Kaufverhalten Einfluss nehmen. Dessen sollten wir uns bewusst sein, wenn wir dem Monster einen Happen zuwerfen. Wir können es nämlich jederzeit auf Diät setzen.
 

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