#Aufschrei-Initiatorin:

„Die Kritik an der Frauenquote enthüllt blanken Sexismus“

Die Erfinderin des Twitter-„Aufschreis“ Anne Wizorek sieht in der anhaltenden Kritik an der Frauenquote eine diskriminierende männliche Anspruchshaltung. Sie fordert einen umfassenden Kulturwandel in den Unternehmen. Ein Gastbeitrag

Die Frauenquote kommt: Eine Frau streckt ihre Füße unter einen Tisch. Neben ihr sitzt ein Mann.
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Unser Autor

Anne Wizorek ist selbstständige Beraterin für digitale Medien, Bloggerin für Geschlechtergerechtigkeit und Initiatorin des Hashtags #aufschrei. Im September 2014 erschien ihr erstes Buch „Weil ein #aufschrei nicht reicht“ im Fischer Verlag

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Vor einer Woche hat die Große Koalition die Frauenquote beschlossen. Am 11. Dezember wird der Gesetzentwurf vom Bundeskabinett verabschiedet. Die Quote ist ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Allein die Diskussion, die sich darum rankt, zeigt dessen Notwendigkeit. Denn wenn im Jahr 2014 immer noch Leute behaupten, dass wirtschaftliche Fortschritte durch eine Geschlechterquote behindert würden, enthüllen diese nicht nur ihre fehlende Expertise, sondern auch blanken Sexismus.

So beklagte Quoten-Kritiker Volker Kauder vergangene Woche die konsequenten Vorstöße Manuela Schwesigs zum Thema Frauen in Führungspositionen. Er führte keine Auseinandersetzung in der Sache, sondern wies die Familienministerin an, „nicht so weinerlich“ zu sein. „Das geht so nicht“ befand Angela Merkel nur wenige Tage später vollkommen zu Recht und entschuldigte sich sogar für Kauder.

Es ist geradezu amüsant, Schwesig Weinerlichkeit vorzuwerfen angesichts eines Gesetzesentwurfs, den sie in wirklich kurzer Zeit und – wenn auch mit Abstrichen – zielstrebig auf den Weg brachte. Ich sehe hier in erster Linie eine Ministerin, die ihre politische Aufgabe ernst nimmt und sich von Gegenwind nicht beirren lässt. Dass Kauder ihre Kompetenz in Frage stellte, ist seinerseits konsequent, schließlich empfindet er Frauen in der Wirtschaft als Belastung. Allerdings sind Frauen schon lange Teil der Wirtschaft – nur ohne den entsprechenden Einfluss in Schlüsselpositionen.

Die derzeitige Männerquote wird nicht hinterfragt


Gerechtigkeit zu schaffen bedeutet eben auch: Macht abgeben. Dass dies einigen Menschen (meist männlich) nicht gerade leicht fällt, sehen wir an den Reaktionen auf den Beschluss zur Frauenquote. Da ist auf einmal von „totalitären Machtfantasien“ die Rede, wo schlicht eine gerechte Machtverteilung ansetzt. Die damit verteidigte Ideologie, dass Macht und Einfluss lediglich in männliche Hände gehörten, wird freilich mit keiner Silbe angesprochen. Sie ist aber deutlich zwischen den Zeilen zu erkennen.

Die Behauptung, dass gesetzliche Quote und Qualifikation sich ausschlössen, wird dafür weiterhin als Fakt hinausposaunt und derweil der Untergang des Abendlandes verkündet. Beharrlich soll der Eindruck erweckt werden, dass Männer aufgrund der Quote um ihre rechtmäßigen Posten betrogen würden und Frauen diese lediglich bekommen, weil ihr Frausein sie dafür qualifiziert. So wird viel gegen die Frauenquote argumentiert, aber die derzeitige Männerquote nicht hinterfragt. Fakt ist: Wenn solche mächtigen Posten wirklich ausschließlich gemäß der besten Qualifikationen und Talente besetzt würden, wären dort auch jetzt schon nicht so exorbitant viele weiße Männer anzutreffen.

Die Soziologie kennt das Phänomen der unausgesprochenen Männerquote unter dem Begriff „Homosoziale Kooptation“. Es beschreibt die Neigung, dass in ein bereits bestehendes Netzwerk vor allem Mitglieder aufgenommen werden, die als ähnlich gelten. Gleich und gleich gesellt sich gern – und lässt andere nur selten mitspielen. Das lässt sich spätestens an den Länder-Rankings erkennen, in denen Deutschland seit Jahren weit abgeschlagen liegt, wenn es um Frauen in Führungspositionen geht.

Sie war halt nicht Manns genug


Männer fördern sich gegenseitig in ihren Netzwerken. Doch Frauen sollen es „von ganz allein“ schaffen, in die männlich dominierten Führungsränge aufzusteigen. Und wenn das nicht klappt? Na, dann haben sie eben selbst schuld daran, waren nicht gut genug, nicht tough genug, nicht Manns genug halt. Tja.

Laut dieser Logik soll es für Frauen das größere Stigma sein, als „Quotenfrau“ zu gelten. Ja, eine gesetzliche Quote für Frauen in Führungspositionen zu benötigen, ist ein Armutszeugnis. Aber nicht für Frauen, die dadurch erst in diese Jobs gelangen, sondern für unsere Gesellschaft, die wirtschaftliche wie politische Teilhabe aufgrund struktureller Diskriminierung bis dahin immer noch nicht gerecht ermöglichen konnte. Niemand der Befürworterinnen und Befürworter möchte die Quote, aber: Sie ist notwendiges Mittel zum Zweck, weil sich eingefahrene Strukturen, die zudem von versteckten Vorurteilen getragen werden, nicht von alleine ändern. Dass dies nicht klappt, haben wir nun ausreichend beobachten können.

Studien belegen: Jungen Frauen werden Führungsaufgaben seltener zugetraut, selbst wenn sie schon länger im Unternehmen sind. Dadurch fehlen ihnen die Gelegenheiten, um die für eine Beförderung nötigen Meilensteine zu setzen. Frauen werden generell weiterhin als wirtschaftliches Risiko gesehen, da sie aufgrund einer möglichen Schwangerschaft ausfallen könnten – das gilt genauso für solche, die keinerlei Kinderwunsch hegen. Allein die Tatsache, dass sie das gebärfähige Alter erreicht haben, genügt, um sie bereits aus dem Kandidaten-Pool zu werfen und als weniger kompetent einzustufen. Männer werden gar nicht erst auf diesen Prüfstand gestellt, der ihre Fähigkeiten im Job durch einen möglichen Familienzuwachs hinterfragt. Denn warum auch? Vielmehr muss die Unternehmenskultur endlich dort ankommen, wo Familie (egal ob mit Nachwuchs oder ohne) und Beruf sich genauso wenig ausschließen wie Quote und Qualifikation.

Frauenquote als temporärer Hack des Systems


Bislang werden jedoch hochqualifizierte weibliche Arbeitskräfte bewusst ausgesiebt und aufs Karriereabstellgleis geschoben. Diese Praxis ist nicht nur sexistisch und weit von der Umsetzung einer Gleichstellung von Mann und Frau entfernt, sondern auch wirtschaftlich gesehen desaströs. Das Argument, dass es Quotenkritikern und -kritikerinnen lediglich um wirtschaftlichen Fortschritt ginge, ist jedenfalls nicht haltbar, belegt doch Studie um Studie, wie vielfältig zusammengesetzte Teams besser arbeiten und wirtschaften.

Die derzeitige Quoten-Regelung liegt bei 30 Prozent. Das bedeutet weiterhin satte 70 Prozent an Posten, die an Männer vergeben werden könnten. Hier von Diskriminierung gegenüber Männern zu sprechen, erfordert also schon viel totalitäre Machtfantasie und entblößt die Anspruchshaltung eines mehr als antiquierten Weltbildes. Eine eigentlich gerechte Verteilung sähe anders aus, zumal Frauen erst ab einem Anteil von 30 Prozent in männerdominierten Runden auch wirklich gehört werden und in diesen nicht mehr nur männliches Verhalten akzeptiert wird. Jede Quote unter 30 Prozent kann die Unternehmenskultur also weder tangieren noch nachhaltig zu Veränderungen führen.

Insgesamt müssen wir die Quote als einen temporären Hack des Systems betrachten. Mit der Quote senken wir unsere Ansprüche nicht, sondern werden ihnen gerecht(er): Sie ist kein Allheilmittel, schafft aber Teilhabe und bringt einen Prozess in Gang, der nicht von alleine ins Rollen kommt.

Es darf jedoch bei der Quote nicht darum gehen, Frauen mal ein bisschen in den bisherigen Männerclubs mitspielen zu lassen. Diese Netzwerke und die dazugehörigen Strukturen lösen sich nicht sofort auf, nur weil auf einmal ein paar Frauen anwesend sind. Es geht schließlich um einen Kulturwandel auf ganzer Ebene, und die Quote ist eben nur ein erster notwendiger Schritt in diese Richtung.

Von Anne Wizorek erschien zuletzt das Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht“. Für einen Feminismus von heute. Fischer, 2014, 14,99 €. Sie schreibt in dem Blog Feminismus? Fuck Yeah!

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