Ayn Rand, Atlas Shrugged, Kapitalismus, Egoismus
(zvg.) Von sozialer Gerechtigkeit hielt Vollblutkapitalistin Ayn Rand überhaupt nichts

Ayn Rand - Egoismus als Tugend

Sie ist seit 30 Jahren tot, glaubte nicht an Gott, und ihr Hauptwerk „Atlas Shrugged“ ist unlesbar. Trotzdem hat sich Ayn Rand zur Chefideologin der amerikanischen Rechten entwickelt, die für die Helden des Kapitalismus den Weg frei machen wollen.

Gründungsschriften sind eine Obsession der Republikaner in den USA. Bis vor Kurzem berief sich die politische Rechte Amerikas noch fast geschlossen auf die Bibel als endgültige Gesetzgebungsinstanz, die Verfassung kam abgeschlagen auf Platz zwei. Doch jetzt sind die Republikaner, allen voran die Tea-Party-Bewegung, verrückt nach einem Schriftstück jüngeren Datums: Ayn Rands 1957 erschienenem philosophischen Roman „Atlas Shrugged“ („Atlas wirft die Welt ab“). Paul Ryan, den Vorsitzenden des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus, inspirierte Rands Roman, in die Politik zu gehen. Das merkt man auch an dem von ihm verfassten Sparprogramm der Republikaner, das auf Steuersenkungen, eine komplette Privatisierung der Altersvorsorge und steigende Staatseinnahmen infolge eines höheren Wirtschaftswachstums setzt. Seinen ganzen Mitarbeiterstab hat Ryan, der zu den Shooting-Stars der Republikaner gehört, angewiesen, Rands 1200-Seiten-Opus ebenfalls zu lesen. Neuerdings taucht das Buch sogar auf der Amazon-Bestsellerliste auf, und im April kam die erste, allerdings recht enttäuschend gestartete Verfilmung in die US-Kinos. Woran liegt es aber, dass Rand, die 1982 starb und von anderen Philosophen nie wirklich ernst genommen wurde, heute derart einflussreich ist?

Rand entwarf eine Philosophie des „rationalen Eigennutzes“, den sogenannten „Objektivismus“, der auf einer Reihe von Prämissen beruht, deren Gültigkeit Rand weniger argumentativ herleitet als einfach voraussetzt. In ihrer Weltsicht steht Eigeninitiative über allem, und die durch das Kollektiv erzwungene Aufopferung des Einzelnen ist das große Übel der Moderne. Diese „Philosophie“ passt perfekt als Konzept der neuen republikanischen Bewegung, die sich von der Bibelpolitik, also der Konzentration auf das Abtreibungsverbot und den Kampf gegen die Gleichstellung homosexueller Paare, zurück zu jener wirtschaftsliberalen Laisser-faire-Politik bewegt hat, die einst prägend war für die Konservativen in den USA. Rand, selbst militante Atheistin, forderte, man müsse für die Helden des Kapitalismus „den Weg frei machen“, damit diese ausschließlich zu ihrem persönlichen Vorteil handeln könnten. Das ist es, was Paul Ryan meint, wenn er vom politischen Kernkonflikt in Washington spricht – Individualismus gegen Kollektivismus.

Ayn Rand, die 1905 als Alisa Zinov’yevna Rosenbaum im russischen Sankt Petersburg geboren wurde, gehörte zu den ersten weiblichen Studenten an der Petrograder Universität. 1924 emigrierte sie in die USA und widmete ihr Leben fortan dem Kampf gegen Kollektive jeglicher Art – einschließlich des Kommunismus, des Faschismus und der Sozialdemokratie. Während der 14 Jahre, in denen sie ihr Opus magnum schrieb, gelangte ihre Weltsicht zu voller Blüte.

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