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(Flickr, ĐāżŦ) Die Uhr hat bald ausgedient, weiß Zeitforscher Geißler

Neuer Wohlstand - „Wir müssen Zeit schätzen lernen“

„Enthetzt euch!", fordert Zeitforscher Karlheinz Geißler. Burnout, die schwächelnde Finanzwirtschaft und das Bundesverfassungsgericht als Bremse der Politik - alles hängt an der Zeit. Lösen können wir die Probleme nur, indem wir wieder lernen, rhythmisch zu leben

Herr Professor Geißler, fangen wir mit der „einfachsten“ Frage an: Was ist Zeit?
Das weiß keiner und jeder. Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf – es gibt tausend unterschiedliche! Die meisten Leute antworten auf die Frage: „Schau doch zur Uhr!“ Für sie ist Zeit das, was die Uhr anzeigt. Die Germanisten meinen, es ist ein einsilbiges Wort, aber das bringt uns auch nicht viel weiter. Meine 6-jährige Enkelin hat das Beste gesagt, was ich je gehört habe: „Die Zeit, die gibt’s gar nicht. Die gibt es nur im Gehirn, gleich neben den Träumen.“

Der Begriff ist also nicht einfach zu definieren. Was macht man dann als Zeitforscher?
Ein Zeitforscher ist zumindest keiner, der forsch mit Zeit umgeht. Sondern einer der das, was die Menschen mit Zeit tun, reflektiert.

Außerdem sind Sie Zeitberater – bräuchte heutzutage nicht jeder Mensch einen Zeittherapeuten?
Jeder muss sich selbst beraten, wenn es um Zeit geht. Und manchmal, wenn er glaubt, dass er dann nur in noch größere Probleme kommt, kann er einen Zeitberater konsultieren. Keinen Zeitmanager allerdings, denn der bringt ihn nur in noch mehr Zeitdruck als vorher. Für sie ist Zeit nur etwas, mit dem sie Ordnung machen – mit Hilfe von To-Do-Listen, die selbst zeitaufwändig permanent umorganisiert werden müssen. Die Zeit hat aber keine Ordnung. Sie ist so unordentlich wie das Leben.  In der Zeitberatung geht es darum, die Widersprüche, die Vielfalt, die Unregelmäßigkeiten auch die Ungreifbarkeiten der Zeit zu balancieren.

Was war für Sie der größte Meilenstein in der Geschichte der Zeit?
Die Erfindung der Uhr war die größte, weil folgenreichste Erfindung im Rahmen der Zeitmessung – damit wurde die abstrakte Zeit gegründet. Bis dahin ist Zeit identisch mit Wetter und Natur gewesen, wie im Französischen, Italienischen und Spanischen noch heute – Zeit und Wetter haben den gleichen Begriff.

Mit der Uhrzeit wurde die Zeit abstrakt und qualitativ leer. Diese abstrakte Leere auf der Uhr können wir mit neuen Maßstäben besetzen. Besetzen wir sie mit Liebe, gehen wir ganz anders damit um als wenn wir sie mit Geld besetzen, dann müssen wir uns nämlich sputen. So entsteht Kapitalismus. Unser Leben, inklusive Banken und Versicherungen ist nur auf Basis dieser abstrakten Uhrzeit denkbar. Nur dadurch können wir Zeit manipulieren, gewinnen und verlieren, können beschleunigen und schneller machen. Das ist das Problem unseres Alltags: Wir leben immer mit zwei Zeiten, dem Takt der Uhrzeit und der rhythmischen Zeit, die wir spüren, also unserem Zeitgefühl.

Was ist der Unterschied zwischen taktischer und rhythmischer Zeit?
Alles Leben ist rhythmisch. Das heißt, es wiederholt sich, aber es wiederholt sich nie hochpräzise, sondern reagiert auf Umwelteinflüsse. Es ist also eine Wiederholung mit Abweichungen: Alle Menschen werden jeden Tag müde, aber nicht jeden Tag zur gleichen Sekunde. Alle Systeme, der ganze menschliche Körper, der Blutkreislauf, die Hormonausschüttung laufen rhythmisch. Wenn die Belastung zu groß ist, reagiert das System: Der Herzinfarkt ist die Überlastung eines rhythmischen Systems durch den Takt. Denn der Takt ist Wiederholung ohne Abweichung. Wenn eine Stunde mal  60, mal 63, mal 58 Minuten lang wäre, dann ist die Uhr kaputt.

Bekommen wir Menschen deswegen immer wieder mit der Uhrzeit Probleme?
Ja, weil wir Menschen rhythmisch sind und die Uhr taktisch ist. Das bringt uns letztlich den Burn-Out, weil wir eine zu starke Vertaktung auf Dauer nicht vertragen. Früher hat man bei Schichtarbeitern beispielsweise nach ein paar Jahren Verdauungsprobleme und Schlafstörungen nachgewiesen, heute äußert sich das eher in psychischen Reaktionen.

Waren sich die Erfinder der Uhr damals der Auswirkungen, die ihre Erfindung auf die nächsten Jahrhunderte haben würde, bewusst?
Nein. Die Uhr ist ja ironischer Weise im Kloster entstanden: Man wollte ein Mittel haben, um pflichtgemäß den Gottesdienst zu absolvieren. Die Mönche hatten wegen ihrer Zeitnatur immer eine Gebetszeit verschlafen. Aufgrund ihrer Schuldgefühle haben sie dann die mechanische Uhr erfunden, die sie auch aufweckte.

Davor weckte sie der Hahn?
Genau. Aber ein Hahn ist eben jahreszeitenabhängig.

Wozu ist die Einteilung unserer Zeit mit der Uhr gut?
Um Zeit in Geld zu verrechnen. Aber das funktioniert nur, wenn wirklich alle daran glauben. Das ist nicht offensichtlich – Chinesen haben bis vor zwei Jahrhunderten nicht daran geglaubt. Der Glaube daran, dass die Uhr Zeit anzeigt und dass es eine Zeit ist, die man mit Geld verrechnen kann, ist wesentlich. Deshalb hat Zeit viel mit Religion zu tun.   

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Jetzt merken wir international in der Schulden- und Bankenkrise, wie der Glaube an das Geld schwindet. Was würde passieren, wenn die Leute aufhören würden, an die Uhrzeit zu glauben?
Der Glaube an die Uhrzeit nimmt genauso ab, wie der an das Geld. Wir organisieren unser Leben heute mit dem Handy, über Kommunikation und immer weniger über den Blick zu Uhr. Der Umsatz für Gebrauchsuhren geht radikal zurück, der für Geldanlagen steigt. Es passiert das, was wir vom Pferd kennen: Das Pferd hat unsere Geschwindigkeit über Jahrtausende bestimmt, dann wurde es abgelöst durch die Dampflokomotive. Zum Schluss wurde es zu einem Luxusgegenstand. Diese natürliche Entwicklung erleben wir immer wieder bei unterschiedlichen Dingen.

Wird Reichtum also bald nicht mehr in Geld, sondern in Zeit gemessen?
Wenn wir das Spiel weitertreiben wollen – ja. Wir glauben ja immer noch an die Formel „Zeit ist Geld“, aber die logische Konsequenz aus dieser Formel wäre, dass die Arbeitslosen das meiste Geld hätten und das Gegenteil ist der Fall.
Der Güterwohlstand wird eines Tages an seine Grenzen kommen: Wir leben richtig gut und brauchen nicht noch den dritten Computer oder das dritte Smartphone. Unser hoher Lebensstandard wird nicht zu halten sein, deshalb müssen wir wieder schätzen lernen, dass Zeitwohlstand auch eine Kategorie ist. Diese Lektion wird notwendig sein, weil die Kosten der „Zeit ist Geld“-Rechnung so groß werden, dass sie sich nicht mehr rentieren.

Die Politiker bekommen das derzeit zu spüren: Denn das Bundesverfassungsgericht versucht, der Politik einen Rhythmus zu geben, indem es kritisiert, dass die Politiker ihre Politik nach dem Geld vertakten. Doch das geht nicht, weil die Demokratie eben mit Menschen zu tun hat und nicht mit Geld. Demokratie muss notwendiger Weise rhythmisch sein, deshalb greift das Gericht ein. Es ist eine kleine Lernmaßnahme für die Politik.

Welche Nachteile und welche Vorteile bietet das neue Medium Internet für unseren Umgang mit der Zeit?
Vorteilhaft ist, dass das Internet keinen Takt vor gibt. Auf der anderen Seite gibt es aber gar keine Zeit vor, also auch keinen Rhythmus. Das ist das Problem: Wir müssen mit dem Internet rhythmisch umgehen, haben aber aufgrund unserer zweihunderjährigen Taktgeschichte den Rhythmus verloren.
In manchen Betrieben wird zum Beispiel Gleitzeit angeboten – so könnte man wieder rhythmisch zur Arbeit gehen. Doch wir haben festgestellt, dass sich die Leute in dem Moment, indem Gleitzeit eingeführt wird, einen Wecker kaufen, um sich auf Takt zu bringen.

Es gibt viele Geschichten, die sich mit dem Thema  Zeit auseinandersetzen – schon bei „Momo“ von Michael Ende haben die Grauen Herren gesparte Zeit verraucht und die Leute mussten sich immer mehr hetzen – was sagen solche Bilder über unseren Umgang mit Zeit aus?
Bei „Momo“ wird die Sehnsucht nach Rhythmus gepflegt, ohne dass es zum Thema gemacht wird. Letztlich wird in der Geschichte die Lebenszeit von der Struktur der Uhrzeit gestohlen, für welche die grauen Herren ja nur Dienste leisten. Es wird personalisiert, wie das in Märchen immer der Fall ist. Solche Bücher erinnern daran, dass wir weitgehend blind in einem System sind, das große Probleme mit sich bringt und dass es Alternativen zu dieser Form des Lebens gibt.

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Wie kann man diese Alternativen lernen?
Dafür ist es zunächst einmal wichtig, zwischen Entschleunigung und Enthetzung zu differenzieren. Ich bin kein Entschleuniger.'

Was ist der Unterschied?
Beim Enthetzen geht es darum, überflüssige Beschleunigung abzubauen und wieder qualitativ über Zeit nachzudenken, nicht mehr quantitativ. Praktisch bedeutet das: Der Notarzt sollte nicht mit dem Pferd kommen, denn es ist wichtig, dass er schnell ist. Aber wir hetzen zum Beispiel häufig ins Konzert oder treiben uns gegenseitig mit „mach mal schnell!“. Manche Leute sagen sogar: „Wart mal schnell!“ – Wahnsinn: Wir leben in einer Gesellschaft, die sogar schnell wartet!
Diese Dinge müssen wir abstellen, um glücklicher zu leben und einen größeren Zeitwohlstand zu haben. Aber dabei geht es nicht um generelle Entschleunigung. Ich rege mich auch auf, wenn jemand an der Kasse trödelt. In gewissen Fällen, wo es berechtigt ist, sollte entschleunigt werden.

Charlie Chaplin hat bereits 1936 in „Modern Times“ den Zeitdruck thematisiert. Warum lässt er uns nicht los?
Wir erhöhen den Zeitdruck durch neue Mechanismen und verbreiten dann die Illusion, davon loszukommen. Aber das stimmt nicht. Chaplins Film zeigt die Industriegesellschaft. Wir leben heute aber in einer Wissens-, Kommunikations- und hochbeschleunigten Flexibilitätsgesellschaft, die nicht mehr mit Schnelligkeit, sondern mit Verdichtung beschleunigt. Und das wird dann als die Befreiung von der Uhrzeit verkauft.

Verdichtung – das heißt, wir werden nicht mehr schneller, sondern müssen einfach mehr in der gleichen Zeit schaffen?
So ist es. Gleichzeitig gibt es mehr Möglichkeiten, auszusteigen: Sie können heutzutage zu ihrem Chef sagen, dass Sie drei Monate unbezahlten Urlaub brauchen. Sie können heute also individuell Zeitwohlstand organisieren – aber Sie müssen dafür zahlen.

Wir danken für Ihre Zeit, Herr Geißler, und das Gespräch!

Das Gespräch führte Karoline Kuhla.

Professor Dr. Karlheinz Geißler emeritierte 2006 nach dreißig Jahren von seiner Tätigkeit als Professor für Wirtschaftspädagogik an der Bundeswehruniversität München. Er ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik und Gründer und Teilhaber von timesandmore - Institut für Zeitberatung. Zudem ist er Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien „Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine: Wege in eine neue Zeitkultur" (Oekom, 2011)

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