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Wagner-Festspiele - Die Knackärsche haben gute Arbeit geleistet

Der Journalist und Wagner-Experte Axel Brüggemann berichtet für Cicero Online vom Grünen Hügel. Im zweiten Eintrag seines Bayreuth-Tagebuchs schreibt er über Security-Männer mit Sex-Appeal und das Schaulaufen der Prominenten

Autoreninfo

Axel Brüggemann ist Musikjournalist und lebt in Bremen. Zuletzt erschien der von ihm herausgegebene Band „Wie Krach zur Musik wird“ (Beltz&Gelberg-Verlag)

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Lesen Sie auch die weiteren Einträge aus Brüggemanns Bayreuther Tagebuch:

Teil 1: „Eine existenzielle Herausforderung“

Teil 2: Die Knackärsche haben gute Arbeit geleistet

Teil 3: Frank Castorf: Rheingold oder Wild at Ring

Teil 4: Wie Angela Merkel mit Wotan flirtet

Teil 5: Wagner ohne Hitler, das ist echte Kunst

Teil 6: Vom Vögeln, Ballern, Krokodil-Schnappen und Buh-Rufen

Teil 7: Leserpost, die Totalkultur und der Antisemitismus

 

Die Jungs von der GSG9 sehen aus wie ein Extrachor der Festspiele: Martialische, schwarze Uniform, schwere Rucksäcke und Koffer für die MGs, die meisten tragen schicke Dreitage-Bärte. Wie in einer ausgefeilten Choreographie marschieren sie zu zwanzigst durch den Künstler-Garten auf den Festspielhausbalkon, vorbei an den Ausstatterinnen, die darauf warten, die Sänger für ihren Auftritt zu präparieren. „Ey Jungs, könnt ihr noch mal zurück und dann noch mal kommen? So viele Knackärsche sieht man selten“, sagt eine von ihnen. Das bringt sogar die harten Kerle zum Schmunzeln.

Bundespräsident, Kanzlerin und sieben ihrer Minister waren in Bayreuth. Selten war das Sicherheitsaufgebot so groß wie dieses Jahr. Alles blieb ruhig. Die Knackärsche haben gute Arbeit geleistet.

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Für die Moderation der Kino-Live-Übertragung stehe ich auf dem roten Teppich, suche Interviewpartner. Einer der ersten Gäste ist Philipp Rösler. „Haben Sie kurz Zeit, Herr Rösler?“ - „Klar“, sagt er und winkt seine Frau her. Die MAZ läuft noch, wir müssen drei Minuten warten. Als Klassik-Fuzzi verstehe ich nun endlich, dass die Politiker im echten Leben nichts mit denen im Fernsehen zu tun haben. Ich bin nun wirklich kein Fipsi-Wähler, und seine öffentlichen Witze lassen mich meist fremdschämen. Aber im Smalltalk ist dieser Mann wirklich gut.

Dass er schon letztes Jahr den Holländer gesehen habe, sagt er, dass er und seine Frau nun fast mitsingen können, dass er sich freut, sein Handy mal für zweieinhalb Stunden auszuschalten und dass er nicht versteht, dass die Zaungäste über vier Stunden bei 35 Grad warten, um Autogramme von ihm, von Gauck und von Merkel zu bekommen - und dass ihn das beeindrucke. Ich werde ihn noch immer nicht wählen, aber eine fränkische Rostbratwurst kann man mit dem Kleinen sicherlich gut essen gehen.

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Jan Philipp Gloger hat seinen „Holländer“ noch ein bisschen poliert, stringenter gemacht, tiefer erzählt. Auf einen Gag wollte er nicht verzichten: Einige seiner Sänger haben die Merkel-Raute gemacht (Daumen aneinander, die restlichen acht Finger nach unten gespreizt). Ein netter Gag, aber kein wirklicher Aufreger. Staatskunst ist eben auch in der Kritik immer Bestätigung des Staates.

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Warum gibt es eigentlich keine wirklich großen Wagner-Sänger mehr? Schade für das Publikum, aber auch für die großartigen Dirigenten unserer Zeit. Christian Thielemanns Wiener „Ring“ ist gerade auf Platz eins der Klassik-Charts gestiegen - ein erstklassiges Dirigat, voller Tiefe und emotionaler Aussagekraft. Eine Jahrhundertaufnahme wird es nicht, wegen der Sänger. Und so war es auch bei diesem Holländer: Erstklassiges Orchester, erstklassige Chöre - durchwachsene Solisten. „Kinder schafft Neues“, hat Wagner einst gebettelt und dabei die Interpretation seiner Opern gemeint. „Kinder schafft Neues“ - das sollte man vielleicht auch unseren Musikhochschulen zurufen, die neokonservative Künstlerstimmen ausbilden, die ihren Marktwert an Spitzentönen messen und nicht an charismatischer, meinetwegen auch gebrochener Dramatik und Wahrhaftigkeit.

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Einen Tag vor der „Holländer"-Premiere war Genearlprobe für die „Götterdämmerung“. Ich habe gestaunt, dass ich Frank Castorf getroffen habe, wie er sich an der Festspiel-Markise festhielt und in die Sonne blickte. „Was machen Sie denn hier? Müssen Sie nicht da drinnen sein, für letzte Korrekturen?“ - „Ach wissense, das machen die schon“, hat er gesagt, „Generalproben interessieren mich nicht, das ist zu viel Stress.“

Und auch die Pressekonferenz vor der Festspieleröffnung hatte komödiantisches Potenzial. Weder Katharina Wagner noch Frank Castorf wussten, was sie sagen sollten. „Tja, was sollen wir reden - schauen Sie doch einfach.“ Und den anwesenden Journalisten, viele von Ihnen eingefleischte Bayreuth-Kritiker, fielen auch keine Fragen ein. Selten wurde auf einer PK so irritierend geschwiegen. „Tja“, sagt einer der Festspielleute, „so ist es eben - viele leben lieber in ihrer eigenen Welt. Warum soll man auch recherchieren und fragen, wenn man eine Meinung hat? Das ist die Kunst des Kulturjournalismus.“

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Apropos Abwesenheit. Der Schauspieler Erol Sander kam samt Gattin zu spät zum „Holländer“ - und Bayreuth ist streng: Auch für Stars werden die Türen nach Vorstellungsbeginn nicht mehr geöffnet. Sander hat das Beste draus gemacht. Die Paparazzi vom roten Teppich waren dankbar, dass sie nun noch weiter fotografieren konnten - von keinem Promi existierten heute mehr Bilder als vom Wagner-Schwänzer Sander. Seine inoffizielle PK war sicherlich effektiver als die von Katharina Wagner und Frank Castorf.

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Was ist eigentlich mit Edmund Stoiber los, seit er nicht mehr in der Bayern- und Bundespolitik mitmischt? Klar, auch er ist zu einem Gespräch auf dem roten Teppich bereit.  Auch er muss drei Minuten warten. Seine größte Sorge: Er hat seine Frau verloren. Egal. Kamera an. Stoiber auf Sendung. „Kommen Sie eigentlich wirklich freiwillig?“ - „Um ehrlich zu sein: Früher musste ich mich gerade nach Bayreuth zwingen“, sagt er, „aber inzwischen verstehe ich Wagner, mag es, die gleichen Opern in anderen Inszenierungen zu sehen. Mein Schlüsselerlebnis war Christoph Schlingensiefs 'Parsifal'“ - „Wie bitte?“, frage ich nach, „der 'Parsifal', über den Sie so geflucht haben? Der Regisseur, der hinter Ihrem Rücken einen Finger-Hasen in die Kameras gezeigt hat?“

„Ja“, sagt Stoiber, „ich habe hinterher viel nachgedacht und vieles sehr Sinnvolles in seiner Inszenierung erkannt. Vielleicht gehört auch das zu Bayreuth, dass man die Dinge etwas länger reflektieren muss.“ Dann spricht er weiter über die Vereinnahmung Wagners durch Hitler, die Position, die wir finden müssen - aber die Fanfaren ertönen, und Ehefrau Muschi ist inzwischen auch aufgetaucht. Sie steht hinter dem Kameramann und zeigt auf die Uhr. Ich: „Vielen Dank Herr Stoiber, Ihre Frau wartet schon.“ Er: „Ach, ich kann noch eine Sekunde bleiben.“ So lässig kann einen die Arbeit bei der EU machen.

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Gestern Nacht hat es noch gewittert in Bayreuth. Pünktlich zum Staatsempfang im Innenhof des neuen Schlosses. Kristina Schröder hat in eine Bratwurst gebissen, Angela Merkel in eine Wagner-Torte, dann sind sie wieder nach Hause gegangen. Auch die Knackärsche von der GSG9 hatten Feierabend. Heute, am Freitag, wird der Grüne Hügel weitgehend promifreie Zone sein. Dabei fängt das wahre Spektakel erst jetzt an: Castorfs „Ring“ beginnt mit dem „Rheingold“. Wir werden berichten.

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