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Vorbild Pippi L.? - Kein geducktes Leben führen

Als Kind wollte Schriftstellerin Eva Menasse auf keinen Fall wie Pippi sein. Heute will sie es umso mehr

Autoreninfo

Eva Menasse war Korrespondentin der FAZ in Wien und lebt heute als Autorin in Berlin. Im Februar erschien bei Kiepenheuer & Witsch ihr erster Roman "Vienna!".

So erreichen Sie Eva Menasse:

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Ich bin ein typisches erstes Kind, überdies wahrscheinlich geprägt von einem Vater, der als Achtjähriger ganz allein in die Fremde hatte fliehen müssen. Immer alles schaffen wollen, immer alles richtig machen wollen. Immer der Drang zum Wohlverhalten, zur Harmonie. In dieser Hinsicht hat die Revoluzzer-Pippi mir als Kind fast Angst gemacht. Daran erinnere ich mich tatsächlich ziemlich konkret. Ihr Äffchen, die Ringelstrümpfe und die Villa Kunterbunt fand ich natürlich toll. Aber dass sie nicht lesen, schrei-ben und rechnen konnte, war doch erbärmlich. Und allein leben hätte ich, wie alle Kinder, natürlich niemals wollen. Denn das war der Preis der Freiheit: ein elternloses Kind zu sein.

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Ihre Art, Vorschriften, Regeln und das sogenannte gute Benehmen einfach zu ignorieren, war mir in Wahrheit peinlich und höchstens in der Rolle des Zuschauers reizvoll. Selber so sein? Niemals. Vielleicht bot Pippi sogar den ersten Anlass zum Fremdschämen, obwohl es dieses Wort damals noch nicht gab. Als sie freiwillig einen Tag lang die Schule besuchte, am System scheiterte und frustriert wieder nach Hause ging, hat sie mir dagegen richtig leid getan. Astrid Lindgrens Botschaft ist eben vielschichtig, deshalb ist das Buch ja auch ein solcher Klassiker.

Meine beste Freundin zu Volksschulzeiten war im Grunde wie Pippi. Ein freches Maul, immer alle Erwachsenen geduzt, jede Frage frischheraus gestellt: «Stimmt es, dass Männer in Frauen hineinpinkeln?»

nders als Pippi war sie ein zartes Persönchen, konnte aber kreischen wie Oskar Matzerath. Ich habe mich oft für sie geniert. Doch wenn es darum ging, etwas erlaubt zu bekommen, habe ich sie nur zu gern nach vorne geschoben. Das ist das Pippi-Phänomen, das man als erst als Erwachsene richtig versteht: dass es nicht darum geht, genau wie sie zu sein, sondern ausreichend Pippi-Anteile in sich zu kultivieren, um kein geducktes Leben zu führen.

Als Kind wollte ich auf keinen Fall so sein wie Pippi, heute will ich es umso mehr. Ich will mich nicht anziehen, wie es die Mode-Industrie vorschreibt, ich will nicht denken, was der Mainstream gebietet. Ich möchte mir die Freiheit nehmen können, alles in Frage zu stellen, was sich angeblich gehört.

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Post für Pippi L. – Schriftstellerinnen von heute erinnern sich an das Idol ihrer Kindheit.

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