Kiewer Todesspiel, Fußball, Wehrmacht
(picture alliance) „Some things are worth dying for.“

Fußball im Krieg - Mythos und Wahrheit um das Kiewer Todesspiel

Kiew im Sommer 1942. Unter deutscher Besatzung tritt eine Flakelf der Wehrmacht gegen ein ukrainisches Betriebsteam einer Brotfabrik an. Die Ukrainer siegen. Die Begegnung geht als „Todesspiel“ in die Geschichte ein

In der Halbzeitpause fällt in der Umkleidekabine die Entscheidung, das Spiel gewinnen zu wollen: „Some things are worth dying for.“ Dass Fußball noch wichtiger ist als die bloße Frage um Leben und Tod, ist zum Allgemeinplatz geworden. Für das sogenannte Kiewer Todesspiel soll es buchstäblich gegolten haben. Mit dem nicht unwichtigen Unterschied allerdings, dass ein Sieg hier den Tod bringen würde – nicht die Niederlage.

Am 1. Mai 2012 feierte in Moskau ein Film seine Uraufführung, der von den Produzenten explizit als „patriotischer Action-Film“ konzipiert worden war und ein Fußballspiel verfilmte, dessen Bedeutung für die Ukrainer verglichen wird mit dem Wunder von Bern und seiner Bedeutung für die Deutschen. Die russisch-ukrainische Großproduktion, großzügig gefördert vom russischen Staat, trägt den schlichten Titel Mатч (Das Spiel), wodurch die herausragende Bedeutung jener fußballerischen Begegnung erneut unterstrichen wird. Denn wie für jeden Deutschen klar ist, von welchem Fußballspiel die Rede ist, wenn man von dem Wunder spricht, so bedarf es keines weiteren Zusatzes in der Ukraine, wenn es sich um das Spiel, das Kiewer Todesspiel, dreht.

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Das Spiel hatte am 9. August 1942 im Zenitstadion von Kiew stattgefunden: Der FC Start, die Betriebsfußballmannschaft einer Kiewer Großbäckerei, war gegen eine deutsche Militärauswahl namens Flakelf angetreten und hatte das Spiel mit 5:3 gewonnen. So weit die Fakten, die bis heute unwiderlegt sind. Zu den gesicherten Tatsachen zählt weiter, dass einige der Spieler des FC Start in der darauffolgenden Woche an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und eingesperrt wurden. Ein Spieler starb im Gestapoverhör an einem Herzinfarkt, wobei man von der Anwendung von Folter nicht nur ausgehen kann, sondern muss. Drei weitere Spieler wurden im Februar des darauffolgenden Jahres im Rahmen einer Vergeltungsmaßnahme exekutiert.

Sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann dann die Legendenbildung. Vor dem Spiel (je nach Kolportage: in der Halbzeitpause) sei an die ukrainischen Fußballer eine Todesdrohung ergangen: Sie würden sterben, sollten sie es wagen, dieses Spiel gegen Vertreter der Herrenrasse zu gewinnen. Dergestalt war in der dramatischen Ausgestaltung eines bis heute nicht beweisbaren Kausalzusammenhangs zwischen dem Ausgang des Spiels und der Verhaftung und Exekution der Spieler ein mythologischer Kern geschaffen. Für einen Mythos ist es unerheblich, ob der auf Tatsachen beruht oder gänzlich frei erfunden ist. Ein Mythos spricht für sich. Er deutet die Welt oder einen Ausschnitt aus ihr in sich selbst erklärender Weise, die auf eine höhere Wahrheit abzielt, als es die irdischen Tatsachen jemals vermochten. Für die Sowjetunion diente der propagandistisch äußert nützlich Mythos für zweierlei: Er verdeutlichte die Bösartigkeit der Wehrmacht, der Nazis, der Deutschen schlechthin und er zeichnete ein Heldenbild von Ukrainern, die lieber aufrecht in den Tod gehen, als ein Fußballspiel gegen die Besatzer verloren zu geben.

Die Legende fand zunächst in Zeitungsartikeln ihre Verbreitung, dann in Romanen – schließlich in Filmen. Inspiriert von Alexander Borstschagowskis Roman Ihr größtes Spiel entstand Zoltán Fábris Két Félidö a Pokolban (Zwei Halbzeiten in der Hölle, Ungarn 1961), der die Handlung von Kiew in ein ukrainisches Straflager für ungarische Gefangene verlegte und später John Huston so sehr beeindruckte, dass der mit Escape to Victory (Flucht oder Sieg, USA 1981) ein Remake schuf, das die Handlung wiederum in ein Kriegsgefangenenlager im besetzen Frankreich verschob. Kurz nach Zoltán Fábris Fassung folgte mit dem russischen Film Tretij Tajm (Die dritte Halbzeit, UdSSR 1963) von Yevgeni Karelov eine erste dezidierte Verfilmung des Todesspiels. Geschichtsschreibung als Fortschreibung von Geschichten funktioniert mitunter wie das Kinderspiel der Stillen Post: Mit jeder weiteren Ausgestaltung wird es etwas dramatischer. Je nach Fassung etwa werden die Spieler vom Fußballfeld direkt zur Exekution geführt oder gar noch auf dem Platz von Maschinengewehrsalven gefällt.

Durch die verschiedenen Publikationen sah die Hamburger Staatsanwaltschaft 1974 erstmals den Anfangsverdacht einer Straftat gegeben, begann zu ermitteln und bat die Sowjetbehörden um Amtshilfe, die dann auch großzügig erteilt wurde – beides im Kalten Krieg keine Selbstverständlichkeit. Doch belegbare Beweise konnten nicht erbracht werden. Die Ermittlungen wurden nach Jahrzehnten ergebnislos eingestellt. Ergebnisse hatte inzwischen ein Ukrainer erbracht: Volodymyr Prystaiko, ein ehemaliger Geheimdienstler mit Zugang zu allen Archiven, veröffentlichte 2005 seine Recherchen zum Kiewer Todesspiel – und dekonstruierte den Mythos in allen entscheidenden Punkten.

Eine wie auch immer geartete Todesdrohung konnte nicht belegt werden. Sie wäre auch nicht plausibel gewesen. Denn die Fußballspiele im besetzten Kiew – sowohl jene gegen deutsche Auswahlmannschaften als auch jene von ukrainischen Teams untereinander – sollten zur Normalisierung der Beziehungen zwischen den Besatzern und der Bevölkerung dienen – nicht der Beweisführung arischer Überlegenheit. Ebenso wenig war ein Kausalzusammenhang zwischen dem Ausgang des Spiels und der Verhaftung und Exekution der Spieler beweisbar – plausibel wäre es hingegen, dass die verhafteten Spieler zutreffenderweise als im Untergrund arbeitende Geheimdienstangehörige denunziert und verfolgt worden waren. Dafür spräche, dass von den Spielern des FC Start nur jene Akteure verhaftet wurden, die früher für den Geheimdienstverein Dynamo Kiew gespielt hatten. Und ihre Exekution erfolgte nachweislich im Rahmen einer Vergeltungsexekution, bei der jeder dritte (je nach Version: fünfte) Strafgefangene vortreten und sterben musste – in keinem Fall aber zielgerichtet.

Besonders für einen Aspekt fand Prystaiko interessante Hinweise, die freilich ebenso wenig als Beweise missverstanden werden dürfen: für einen möglichen Grund der Denunziation. Denn als im Zuge der deutschen Besatzung alle Vereine und Verbände verboten worden waren und sich die Fußballer in Betriebsfußballmannschaften etwa neu organisierten, waren die Spieler von Dynamo Kiew eingeladen worden, für das erste neu gegründete Team zu spielen: den FC Rukh (= Die Bewegung). Deren Gründer Georgiy Shvetsov war nicht nur der Hauptveranstalter der Fußballspiele in Kiew – er war pro-faschistisch eingestellt und arbeitete umfassend mit den Besatzern zusammen. Die verhafteten Spieler um ihren Torwart Trusevich, ob weiterhin aktive Geheimdienstler oder nicht, waren Antifaschisten genug, um dieses Angebot dankend abzulehnen. Eine Woche nach dem legendären 5:3 gegen die Flakelf siegte der FC Start in seinem letzten Spiel 8:0 gegen den FC Rukh – am Tag darauf erfolgten die Verhaftungen.

Literarische und filmische Geschichten über historische Ereignisse sind stets dem Zwang unterworfen, jene Leerstellen zu füllen, die nicht (mehr oder noch nicht) zu rekonstruieren sind, weil Geschichten im Gegensatz zur Geschichte schlüssig und geschlossen sein müssen – alles muss hier Sinn machen. In dieser Hinsicht ist es interessant, wie infam, aber auch wie geschickt der neue Film von Andrey Malyukov die alte Legende vom Kiewer Todesspiel neu erzählt und dabei die neuen Erkenntnisse von Prystaiko, die in der Ukraine für erbitterte Diskussionen gesorgt hatten, ummünzt. Aus dramaturgischen Gründen darf die Todesdrohung nicht fehlen. Die spätere Unkenntlichkeit jeder Kausalität ist hier jedoch bereits im Plan enthalten: „None of you will live to see the end of the war, if you win. (…) And they won’t die like heroes, we’ll kill them one by one. And their deaths will have nothing to do with this game.“ Das ist perfide, aber genial. Gleiches gilt für die Schlußtitel des Films. Nachdem der Film Mатч zwei Stunden lang minutiös erzählt hat, wie alles genau geschehen ist, verkündet er: „In 2005, the Hamburg procuracy has closed the twenty [sic!] year long investigation of the 'death match'. The German investigators found no connection between the execution of Kiev’s Dynamo team and their victory in a game with Flakelf.“ Dergestalt wird juristische Sorgfalt zum Skandal – mit anti-deutscher Wirkung.

Der Film Mатч dürfte aufgrund seiner für alle Bearbeitungen der Legende vom Kiewer Todesspiel grundlegenden anti-deutschen Stoßrichtung kaum für einen deutschen Verleih vorgesehen sein. Umso bemerkenswerter ist es, dass der Film bereits am 8. Mai 2012 im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst seine deutsche Erstaufführung erleben konnte. In der Ukraine stand der Film kurz vor einem Verbot. Denn alle heroischen Figuren sprechen in dem Film russisch – während die meisten ukrainisch sprechenden Figuren Kollaborateure sind. Für das Kiewer Todesspiel ist dies eine Neuerung: Die ideologischen Frontlinien der Propaganda verlaufen nicht mehr allein zwischen Deutschen und Russen – sie haben neue Grenzen und Feindbilder gefunden.

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