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Es ist die schnellste Jahreszeit, Herbst in Paris, la rentrée, der Augenblick, da alles wieder von vorn beginnt. Der sommerliche Stillstand ist vergessen. Die Luft surrt, die Uhren laufen schneller. Drei, vier Monate dauert dieses rastlose Rennen, bis es, in den Tagen zwischen den Jahren, endlich zum kalten Standbild gefriert.

Es ist die schnellste Jahreszeit, Herbst in Paris, la rentrée, der Augenblick, da alles wieder von vorn beginnt. Der sommerliche Stillstand ist vergessen. Die Luft surrt, die Uhren laufen schneller. Drei, vier Monate dauert dieses rastlose Rennen, bis es, in den Tagen zwischen den Jahren, endlich zum kalten Standbild gefriert.

727, das ist die Zahl der Neuerscheinungen in diesem Herbst. Nur Belletristik; die Sachbücher bringen es auf eine fast genauso hohe Zahl. Der Schein der Vielfalt trügt natürlich: Aus den nächtli­chen Fernsehsendungen, aus den Literaturseiten, den Auslagen der Buchhandlungen starren uns die immergleichen Cover an. Dieselben Namen auch auf den Shortlists der großen Literaturpreise, die in diesem Herbst vergeben werden. Unter den 727 Büchern sind übrigens ganze zehn Übersetzungen aus dem Deutschen.

Die Überlebenden dieser rentrée? Es ist wie jedes Jahr: Die Unvermeidlichen liegen neben den Verlässlichen, Marc Levy und Patrick Modiano, die blass Geschminkte konkurriert mit der strahlenden Siegerin, Amélie Nothomb mit Yasmina Reza. Nicht zu verges­sen die Must-Haves der Saison: Gucci oder doch lieber Gallimard?

Die rentrée ist wie die Mode. Es muss immer etwas Neues her, doch am Ende gleicht das Modell der Saison verdächtig dem alten Hut des Vorjahres. Verlässlich ist dieses geschäftige Spektakel nur, weil einzig und allein die Besetzung wechselt. Immer gibt es einen netten Skandal, eine frische Polemik, ein bisschen Tratsch für das diner en ville der Pariser Gesellschaft.

Beim entrée rätseln die Gäste noch: Wer mag wohl dieser ominöse G. sein, dem die schöne Reza ihr Buch über Nicolas Sarkozy gewidmet hat? «DSK» lautet die Formel, die zum Hauptgang serviert wird: der sozialistische Politiker Dominique Strauss-Kahn.

Man wirft der französischen Literatur gerne vor, dass sie ist wie die Pariser selbst: um den eigenen Nabel kreisend. Das ist mitunter sogar der Fall, wenn sie sich für die Außenwelt interessiert. Mazarine Pingeot, die uneheliche Tochter von François Mitterand, die lange als das bestgehütete Geheimnis der Republik galt, hat sich für ihr jüngstes Buch («Le cimetière des poupées») wie einst Flaubert von einem fait divers der Tagespresse inspirieren lassen: In der Kühltruhe eines französischen Ehepaares im koreanischen Seoul waren im Sommer vergangenen Jahres zwei eingefrorene Säuglingsleichen gefunden worden. Die Mutter hatte sie selbst dort deponiert. Im Garten der Familie in Frankreich fand man die Überreste eines weiteren Kindes. Ihrem Mann und den beiden Söhnen will sie die drei Schwangerschaften verheimlicht haben.

Als Pingeots «Friedhof der Puppen» angekündigt wurde, hat Madame Courjault, die im Gefängnis auf ihren Prozess wartet, ein zweites Mal Schlagzeilen gemacht: Im kleinen Städtchen Chinon, wo Mann und Kinder seit der Rückkehr aus Korea wieder leben, kursierten Petitionen, um die Veröffentlichung des Romans zu verhindern. Bessere Werbung hätte sich der Verlag selbst gar nicht ausdenken können.

Tote Kinder bevölkern seltsam gespens­tisch die Bücher dieser literarischen rentrée. Das Thema liegt tatsächlich in der Luft. «Tom ist tot» heißt beispielsweise das jüngste Buch von Marie Darrieussecq. Es hat der Autorin den Vorwurf des Plagiats eingehandelt, der ihr schon einmal an der Feder klebte. Dieses Mal ist es Camille Laurens, die sich beraubt fühlt: um ihren Schmerz. «Psychisches Plagiat» wirft sie Darrieussecq vor und kann ihr verblüffende Ähnlichkeiten mit ihrem eigenen Buch «Philippe» nachweisen. Das ist der Titel des kurzen, erschütternden Textes, den Laurens vor zehn Jahren schrieb, nach dem Tod ihres Sohnes, der nur wenige Stunden gelebt hat.

Darrieussecq macht keinen Hehl daraus, dass sie «Philippe» für ein «großes Buch» hält, auf das sie sich «absichtlich», wie sie sagt, berufen hat. Der Unterschied zwischen beiden ist nur: Laurens’ Buch ist kein Roman. Und Darrieussecq hat kein Kind verloren. Vermut­lich hat sie nach der Suada über die Geburt eines Kindes nur einen Text zum Schmerz über den Verlust desselben hinterherschieben wollen. Aber anders als ihr Buch «Das Baby», das statt eines Strampelanzugs gern an junge Mütter verschenkt wird, eignet sich «Tom est mort» sicher nicht als Trost-Lektüre für trauernde Eltern. Es ist ein tränentrockenes Buch, das bei der Lektüre seltsam kalt lässt.

Kindstod ist ein heikles Thema. Noch schwieriger ist das des Kindsmordes. Es gelingt der Literatur nicht oft, den Abgrund, der sich auftut angesichts der Kevins und Maddies dieser Welt, angesichts der namenlosen Neugeborenen, deren Überreste in Kühltruhen oder Blumentöpfen gefunden werden, mit Worten zu füllen. Es gab da eine gewisse Medea. Goethes Gretchen. Schon über Elfriede Jelineks Kindsmörderin in «Lust» kann man streiten.

Mazarine Pingeots mordende Mutter, die am Ende eines langen Monologs vor der Gefriertruhe kniet wie vor einem «weißen Sarg», bleibt jedenfalls ein Kunstwesen. Ihre wortreiche Selbstreflexion passt nicht zum psychischen Profil, das die Autorin von der Figur zeichnet: das einer devot-dummen Ehefrau, die schon als Kind ihre Puppen vergraben hat. Das ist ja die ganze Schwierigkeit: Die stumme Niedrigkeit, das stille Drama, das sich nur in Taten, nicht in Worten ausgedrückt hat, durch dieselben nicht zu überhöhen. Bei Darrieussecqs Buch ist das Problem genau umgekehrt: Es ist nicht auf der Höhe einer im Wortsinn unsäglichen Erfahrung.

Paul Otchakovsky-Laurens, der beide Autorinnen verlegt, aber trotz des Namens mit Camille Laurens weder verwandt noch verheiratet ist, hat sich für Darrieussecq entschieden, deren Bücher sich deutlich besser verkaufen. Das Haus POL trennt sich von Laurens. Dürfen Schriftsteller in Zukunft etwa nur noch über das schreiben, was sie wirklich erlebt haben?, fragte der Verleger sichtlich verärgert. Doch es geht hier nicht um einen Literaturzicken-Streit. Das Problem liegt woanders: Wenn es auch nicht wahr ist, sollte es zumindest gut erfunden sein. Die Literatur muss dummerweise noch näher an der Wahrheit sein als die Wirklichkeit. Pingeot und Darrieussecq aber lassen nur die toten Puppen tanzen.

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