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(picture alliance) Das tägliche Schwanken der Aktienkurse - Georg von Wallwitz hat ein Buch geschrieben, was auch dem Laien das undurchsichtige Dickicht der Finanzmärkte näher bringt

Literatur Spezial - Bikinibilanzen

Georg von Wallwitz hat ein Finanzmarktbuch geschrieben, wie man es nur einmal liest. Neben den Grundlagen der ökonomischen Theorie finden auch Klassiker wie Homer, Herodot und Shakespeare Einzug in dieses ungewöhnliche Sachbuch.

Bilanzen sind wie Bikinis, weil sie sehr viel zeigen, aber das Wesentliche verhüllen. Wer solch hübsche Thesen formuliert wie Georg von Wallwitz, der darf seinen Essay über das Geschehen und die Akteure an den Börsen auch gerne „Odysseus und die Wiesel – Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte“ nennen. Das muss man sich heutzutage auch erst mal trauen, die Begriffe fröhlich und Finanzmärkte in einem Satz zu verwenden. Aber tatsächlich gelingt es von Wallwitz, auf nur 150 Seiten Theorie und Praxis sowie die verschiedenen Typen von Akteuren kenntnisreich und unterhaltsam zu beschreiben.

Dass der studierte Mathematiker und Philosoph eine klassische Bildung genossen hat, merkt der Leser schon daran, dass er Homer, Herodot und Vergil, aber auch Voltaire und Shakespeare sowie Horkheimer und Adorno zitiert. Von deren „Dialektik der Aufklärung“, in der sie das Ideal eines Unternehmers anhand von Odysseus beschreiben, hat sich von Wallwitz dazu inspirieren lassen zu überprüfen, ob die griechische Sagenfigur auch als Investor an der Börse reüssieren würde. Odysseus besteht den Test mit Bravour: Er sei listenreich, berechnend, mutig, ehrgeizig, klug und schön, bringe aber auch das notwendige Misstrauen mit und sei bereit, über Leichen zu gehen, wenn es seinem Erfolg diene, schreibt von Wallwitz. Also nicht unbedingt ein Sympathieträger, aber das Potenzial zum Wall-Street-Tycoon ist vorhanden.

Auch wenn sich möglicherweise viele Finanzmarktakteure gerne Odysseus’ Eigenschaften zuschreiben wollen, nicht zuletzt wegen seines Erfolgs bei Frauen, ordnet von Wallwitz die Analysten, Broker und Fondsmanager eher in die Kategorie der Wiesel ein: als Raubtier in die Welt geboren, aber eigentlich viel zu klein, um Tieren nennenswerter Größe wehzutun. Dass kaum jemand dem Ideal Odysseus auch nur nahekommt, ist für von Wallwitz aber sogar Voraussetzung für das Funktionieren der Börse: Denn ein Markt voller perfekter Investoren bräche zwangsläufig zusammen, weil alle immer alles vorausahnten, jede Falle witterten und weder kaufen noch verkaufen wollten.

Aber auch für die Wiesel gibt es noch eine Gruppe, auf die sie herabschauen können: die Privatanleger, die an der Börse etwa dasselbe Ansehen haben wie Plankton, das als Nahrung für die kleinen und die großen Fische unverzichtbar ist und als wichtigste Geldquelle dient, aber „einfach nur undankbar und gedankenlos gefressen“ wird.

Im Vorbeigehen erklärt von Wallwitz nicht nur die Grundlagen der ökonomischen Theorie von den Klassikern bis hin zu Keynes, sondern erzählt auch, wie im 17. Jahrhundert in Amsterdam die erste Aktiengesellschaft entstand, wie die Schlacht um Waterloo für die ersten Leerverkäufe sorgte, und dass die Erfinderin des modernen Schneeballsystems, also die Urahnin von Bernie Madoff, Adele Spitzeder war, die im 19. Jahrhundert in München erfolgreich eine Bank betrieb.

Jetzt muss Georg von Wallwitz nur noch darauf hoffen, dass die Leser, von denen die meisten wohl eher in die Rubrik Plankton gehören, in ihm mehr Odysseus als Wiesel sehen, denn in seinem Hauptberuf ist der Autor: Fondsmanager.

 

Georg von Wallwitz "Odysseus und die Wiesel - Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte"; erschienen bei Berenberg 2011; 151 Seiten, 20 Euro.

 

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