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Kirche und Homoehe - Die Demokratisierung der Moral

Kolumne Grauzone: Das katholische Irland hat sich in einer Volksabstimmung klar für die Einführung der Homoehe ausgesprochen. Die katholische Kirche reagierte empört. Gejuckt hat das kaum jemanden, weil das Moralmonopol längst woanders liegt

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Januar erschien von ihm „Entfremdet. Zwischen Realitätsverlust und Identitätsfalle“ bei zu Klampen.

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Also sprach Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin: „Ich glaube, man kann nicht nur von einer Niederlage der christlichen Prinzipien, sondern von einer Niederlage für die Menschheit sprechen“. Das war wenig überraschend. Die Haltung des Vatikans zu Familie und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften sind hinlänglich bekannt. Allenfalls irritierte die scharfe Wortwahl etwas.

Überraschender waren da schon die Reaktionen in Deutschland: die blieben nämlich aus. Keine Empörung, keine Erregung. Lediglich aus der zweiten Reihe der katholischen Kirchenhierarchie kamen Unmutsbekundungen. Als „brachial“ und „völlig unangemessen“ empfand etwa der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, die Einlassungen Parolins. Das war es dann aber auch schon.

Was lernen wir daraus? Erstens: Die katholische Kirche kann mit ihrer Haltung zu sexual- und familienethischen Fragen nicht einmal mehr provozieren. Aus Sicht des durchschnittlichen Mitteleuropäers hat sie sich in ihrer Haltung soweit von der Lebenswirklichkeit entfernt, dass sie in diesen Fragen bestenfalls als Kuriosum wahrgenommen wird.

Zweitens: Über Jahrtausende galt es als ausgemacht, dass Moral überzeitlich ist und aus ewigen, unveränderbaren Prinzipien besteht. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass man die Moral dem Zeitgeist anpassen muss. Diese Gewissheit hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Eine Moral, die heutzutage ernst genommen werden möchte, hat sich kulturellen Moden anzupassen, sonst gilt sie als ewiggestrig und inhuman. Man kann diese Entwicklung als Emanzipation begrüßen. Bemerkenswert ist sie allemal.

Demokratisierung der Moral
 

Drittens: Seit Menschengedenken galt es als selbstverständlich, dass Moral die Aufgabe hat, das menschliche Handeln, insbesondere das Triebleben, in möglichst enge Bahnen zu lenken. Moralisch zu leben, bedeutete daher Verzicht zu üben. Diese Gewissheit gilt als unzeitgemäß. Eine Moral, die heutzutage akzeptiert werden soll, darf von den Menschen nicht als Einschränkung empfunden werden. Im Gegenteil, Moral ist zu einer Art normativen Legitimation der eigenen Vorlieben geworden.

Viertens: Dass eine legitime Moral sich auf keinen Fall kritisch gegenüber persönlichen Lebensentwürfen zu verhalten hat, räumt mit einer weiteren uralten Gewissheit auf: der Überzeugung, dass Menschen Sünder sind. Was früher nur Heiligen vorbehalten war – ein moralisches Leben –, muss heutzutage für jedermann erreichbar sein. Das moralische Leben ist demokratisiert worden.

Fünftens: Durch diese Verweltlichung des moralischen Lebens wird das Alltägliche sakral. Die Folge: Lebensentwürfe oder triviale Lebensentscheidungen werden sakrosankt. Es kommt zu einer postreligiösen Theologisierung des Banalen. Kritik an individuellen Lebensentwürfen wird konsequenterweise als Sakrileg empfunden und muss dementsprechend geahndet werden. Auf die Theologisierung des Alltäglichen folgt daher die Tribunalisierung des Alltags.

Damit sind wir im gewissen Sinne wieder am Anfang der Geschichte. Die Pluralisierung der Moral, die das Individuum aus althergebrachten Institutionen und ihren erdrückenden Normen befreien sollte, führt direkt zur Etablierung eines ebenfalls rigiden und selbstgerechten Moralsystems.

Der Fall Eggerts
 

Wie gut das funktioniert, das musste vor zwei Wochen die Ratgeberkolumnistin des westfälischen Anzeigenblattes „OWL am Sonntag“ erfahren.

Der Grund: Sie hatte einem Vater geraten, seine beiden Töchter nicht auf die Hochzeit seines – von den Kindern sehr geliebten – homosexuellen Bruders mitzunehmen, da die Mädchen aufgrund ihres Unwissens über Homosexualität und das in der eigenen Familie vermittelte traditionelle Familienbild verwirrt werden könnten.

Keine Frage: Die Eltern hätten ihre Töchter (übrigens 6 und 8 Jahre alt) früher aufklären können. Und die Hochzeit ihres Onkels wäre eine gute Gelegenheit dazu gewesen, Versäumtes nachzuholen. Doch Kolumnistin Barbara Eggert gab einen anderen Rat. Über diesen Rat muss man in einer pluralistischen Gesellschaft selbstverständlich diskutieren. Dazu gehört aber auch, dass man über ihn diskutieren darf.

Doch über Frau Eggerts Rat wurde nicht diskutiert. Stattdessen brach, ausgehend von einem Bericht des Portals queer.de, die moderne Variante des Autodafés über sie herein: Es dauerte drei Tage und Frau Eggert war ihren Job los.

Das ist beschämend. Wohlgemerkt nicht für Frau Eggert, sondern für den anonymen Webmob. Und ob die Redaktion sich in jeder Phase der Eskalation glücklich verhalten hat, kann man auch bezweifeln.

Toleranz gegenüber Leuten, die sowieso alles super finden, braucht kein Mensch. Toleranz bewährt sich gegenüber jenen, die meinem Lebensentwurf kritisch oder ablehnend gegenüber stehen. Und Meinungsfreiheit gilt nicht nur für Meinungen, die allgemein als „comme il faut“ akzeptiert werden. Sie bewährt sich vor allem bei Ansichten, die dem eigenen kleinen Weltbild zuwiderlaufen.

Nein, die Homoehe ist keine Niederlage für die Menschheit. Doch der Verlust von Meinungspluralismus und Meinungsfreiheit wäre es auf jeden Fall.

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