Drei bengalische Tiger-Babys: Zum Knuddeln süß – aber als ausgewachsene Tiere bissig und gefährlich
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Entfremdung von der Natur - Erst der Mensch, dann das Tier

Kolumne Stadt, Land, Flucht: Der dänische Givskud-Zoo plant einen Tierpark, in dem die Menschen statt der Tiere eingesperrt sind. Ein Projekt, das in eine Zeit passt, in der das Tier zusehends vermenschlicht wird

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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Wir haben jetzt Katzen. Peter und Paulinchen sind noch klein, sie sind schwarz und haben weiße Pfötchen. Stundenlang kann man ihnen zusehen, wie sie linkisch über den Hof tollen, herumpurzeln, hinter Strohhalmen herhechten. Ihre ersten Begegnungen mit Hühnern, Gänsen und Pferden hätten allesamt das Zeug zum Youtube-Hit. Tieren dabei zuzuschauen, wie sie sich frei bewegen, galoppieren, spielen oder jagen, macht Menschen froh. In den Stadtparks laufen tausendfach verzückte Hundebesitzer hinter ihren herumrasenden Kläffern her und freuen sich an deren Freiheitsglück. Wer einmal einer Pferdeherde beim Dahingaloppieren zugesehen hat, der kennt das Gefühl, wenn das Tier zur Projektionsfläche der eigenen Sehnsüchte wird.

Nach dem Gassigang wandelt der Hundebesitzer bezaubert in seine Zweizimmerwohnung, schiebt eine Tiefkühlpizza in den Ofen und macht die Glotze an. Der Anblick freier Tiere ist Katharsis genug. Bluthochdruck, Rückenleiden und Verfettung bleiben die häufigsten Krankheiten der Deutschen, der Hund aber lebt gesund. Die degenerative Kraft des Lebens, das wir Menschen in Städten verbringen, abgekoppelt von der Natur, ist wahrlich stark. Da steckte in der vergangenen Woche ein elfjähriger Junge seinen Arm in einen Tigerkäfig, eine Frau stieg für ein Foto in das Becken der Seebären. Der Arm des Jungen ist ab, die Frau hat Glück gehabt. Und man fragt sich, wie weit wir uns noch entfernen von den natürlichen Überlebensinstinkten, die doch auch der Mensch in die Wiege gelegt bekommt.

Tiere kennen die meisten von uns eingesperrt, domestiziert oder in Teile zerlegt in der Fleischtheke. Auf der anderen Seite wird zunehmend ein menschliches Maß angelegt, das den Vierbeinern nicht gerecht wird. Die Autorin Hilal Sezgin fordert gar in ihrem neuen Buch „Artgerecht ist nur die Freiheit“ Tierrechte, die Menschenrechten gleichen müssten. Viele folgen ihr in ein veganes Leben, in dem keinem Vierbeiner Gewalt angetan werden soll.Der Tierschutz nimmt, immer besser organisiert, teilweise groteske Formen an.

Shitstorm gegen den Zoo


In München sprach der Direktor des Zirkus Krone in der vergangenen Woche von einem Kreuzzug gegen seine Branche, in Schleswig kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Protestlern und dem Zirkus Probst. Dänemark hat vor einigen Monaten einen internationalen Shitstorm erlebt. Um Inzest unter den Tieren des Kopenhagener Zoos zu vermeiden, hatte man zuerst eine gesunde Giraffe, später eine ganze Löwenfamilie getötet. Petitionen mit 150.000 Unterstützern forderten die Schließung des Zoos. Dass der Zoo gute Gründe für seine Entscheidungen hatte, wollten viele nicht hören. In solch einer Umgebung springt man schon einmal ins Wasserbecken eines spitzzahnigen Seebären.

Diesen Trend nimmt das dänische Nachbarland nun auf. Der Givskud Zoo hat einen Stararchitekten beauftragt, der ein einzigartiges Konzept vorgelegt hat: Für Zootopia soll innovative Architektur einen verdeckten Spaziergang zwischen wilden Tieren ermöglichen. Ein vier Kilometer langer Wanderweg verbindet die Kontinente Afrika, Amerika und Asien. Im Jahr 2019 soll der Zoo begehbar sein. Dann bleiben die Tiere unter sich, kein Mensch wird in ihre Becken springen oder Extremitäten hereinhalten. Die Zooarchitekten hoffen, dass die von der Natur entwöhnten Zuschauer in ihrer Rolle als stille Beobachter von den Tieren lernen können. Dass sie sehen, dass Tiere anders sind als Menschen, dass sie begreifen, dass sie für ihr Handeln nicht verantwortlich sind, wenn sie ihrer Natur folgen. Ganz anders als der Mensch.

Auf dem Bauernhof beobachte ich an meiner noch sehr angstfreien zweijährigen Tochter, wie sich der Respekt für die Tiere im Zusammenleben langsam einstellt. Da faucht eine Gans, weil sie um ihren Hafer fürchtet, tritt ein Pferd aus, um eine Fliege zu erwischen und ein Katzenjunges kratzt, um sich aus der festen Umarmung zu befreien. Das Kind lernt, sich zunächst einmal selbst zu schützen. Danach kommt das Tier.

Lesen Sie auch die Replik von Hilal Sezgin.

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