Udo Kittelmann, Bibliothek, Buch, Berliner Nationalgalerie, Kunst
(Andreas Pein, Guido Ohlenbostel) Kittelmann schickte auch schon Bücher zum Verkäufer zurück

Bibliotheksporträt - Ein Museumsdirektor ohne Kunstbücher

Nach seinem Umzug hat Museumsdirektor Udo Kittelmann seine Bibliothek neu geordnet. Seine Bücher richten sich nach seiner, manchmal ziemlich sprunghaften, Gedankenwelt. Zu Besuch beim 54-Jährigen in Berlin

Menschen mit vielen Büchern wissen, dass es zwei Arten von häuslichen Katastrophen gibt: den Wohnungsbrand und den Umzug. Seit Anfang Januar hat Udo Kittelmann eine neue Adresse in einer der angesagten Straßen im Prenzlauer Berg.

Schöne junge Menschen gehen die Straße entlang, ansprechende Lokale befinden sich direkt um die Ecke. Das Apartment ist ein helles geräumiges Loft. Es ist geschmackvoll eingerichtet, und Kunst an den Wänden respektive auf dem Boden gibt es hier selbstverständlich auch.

Udo Kittelmann, seit 2008 Direktor der Berliner Nationalgalerie und in dieser Funktion Herr über sechs verschiedene Berliner Museumshäuser mit großartigen Sammlungen, steht vor seinem Bücherregal, der Blick geht in die Ferne. Und er sagt: „Es war der pure Horror.“ Dann dreht er sich um und deutet mit einer anklagenden Handbewegung auf die Wand, als sei damit alles erklärt. „Das sollte man im Leben nicht so häufig machen.“

Andererseits birgt jede Veränderung auch eine Chance. 3000 Bücher, das heißt eine Menge Möglichkeiten. „Bisher waren sie alphabetisch geordnet, eine Abteilung für das 20. Jahrhundert und eine für das 18. und 19. Jahrhundert. Aber als wir umzogen, dachte ich, das ist die Gelegenheit für ein neues System.“ Neues System? Langsam gerät Udo Kittelmann, 54, in Fahrt und schon hellt sich die Laune um einige entscheidende Grade auf.

„Ein neues Ordnungssystem.“ Künftig, erklärt der Museumsmann, wird es für die Bibliothek im Hause Kittelmann keinen einfachen Weg mehr geben. Die Ordnung des Alphabets und der Jahrhunderte soll aufgeweicht oder – je nach Standpunkt – ergänzt werden durch eine thematische Gliederung, die sich danach richtet, welche Bücher sich in Udo Kittelmanns manchmal ziemlich sprunghafter Gedankenwelt als zusammengehörig erwiesen haben. „Und irgendwann braucht man einen Zettelkasten, in dem lauter Querverweise aufgelistet sind.“

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Keine Frage, Kittelmann ist in seinem Element. 1956 in Düsseldorf geboren, fing er mit 30 an, Ausstellungen zu organisieren – und startete bald durch zu einer steilen Karriere: Vom Kunstverein Ludwigsburg zum Kölnischen Kunstverein; 2001 war er bereits Kurator des Deutschen Pavillons auf der Biennale von Venedig.

Der Künstler Gregor Schneider, den er dafür ausgewählt hatte, gewann den Goldenen Löwen für Bildhauerei: Die beiden präsentierten das „Tote Haus u r“, einen labyrinthischen und ganz schön irren Nachbau von Schneiders Elternhaus in Rheydt am Niederrhein.

Der nächste Karriereschritt führte Kittelmann nach Frankfurt am Main, der Autodidakt wurde 2002 zum Direktor des Museums für Moderne Kunst berufen. Von da ging es sechs Jahre später nach Berlin, wo er nun in seiner neuen, lichtdurchfluteten Wohnung ganz vorsichtig mit einem Finger ein Buch aus dem Regal nimmt.

Es ist Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“. Gleich daneben findet sich Mynonas Streitschrift „Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt?“, die im gleichen Jahr erschien. „Jetzt müsste Mynona natürlich unter M stehen“, sagt Udo Kittelmann. „Aber so wird es in Zukunft eben nicht mehr funktionieren. Ich zeige Ihnen noch ein Beispiel.“ Er tritt einen Schritt zur Seite und holt Rainer Maria Rilkes „Puppen“ hervor, ein Band, in dem der Dichter 1921 die Künstlerin Lotte Pritzel würdigt, die damals mit ihren Wachspuppen bekannt geworden war.

Seit neuestem erfreut es sich der Nachbarschaft des ebenfalls 1921 herausgebrachten „Puppenbuches“ mit Beiträgen von René Schickele, Theodor Däubler, Carlo Mierendorff und Illustrationen von Lotte Pritzel. Und vollends aufgehoben wird die alphabetische Ordnung durch den Band „Farfalla“ von 1930, einer Abhandlung darüber, wie man Schmetterlinge in Käfigen hält.

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Da drängt sich schon die Frage nach dem gemeinsamen Nenner auf. Udo Kittelmann liebt solche Momente – Momente, in denen er rätselhafte Zusammenhänge überraschend sinnvoll auflösen darf. Der Autor von „Farfalla“, K. Longus alias Hans Killian, hatte sein Buch Niddy Impekoven gewidmet, die darin auch abgebildet ist, mit dem größten Falter der Welt.

„Impekoven“, sagt Kittelmann, „war nicht nur eine der großen Tänzerinnen der zwanziger Jahre, sie war auch befreundet mit Lotte Pritzel.“ Den Einband von „Farfalla“ wiederum gestaltete der junge Hans Bellmer, der später mit seinen Fotocollagen von Puppen berühmt wurde.

„Hier kann man also sehen, dass Bellmer in seiner Verwandlung vom Gebrauchsgrafiker zum bildenden Künstler von Pritzel beeinflusst worden sein muss.“ Herleitungen wie diese, schließlich ist das Kittelmanns Beruf, finden auch ihren Niederschlag im Berliner Kunstbetrieb, etwa in der Ausstellung mit Werken von Bellmer und Louise Bourgeois, die vor zwei Jahren in der zu seinem Reich gehörigen Sammlung Scharf-Gerstenberg am Charlottenburger Schloss zu sehen war.

Apropos: Bücher über Kunst gibt es hier fast enttäuschend wenige. Die meisten lagern noch in Umzugskisten und werden derzeit, so ihr Besitzer, „radikal aussortiert“. Es ist die Belletristik, die Kittelmann inspiriert, ohne die er, so hat es den Anschein, nicht leben kann. „Ich versuche jeden Abend zu lesen, egal wann ich nach Hause komme. Es fällt mir sonst schwer einzuschlafen.“

Sein Bücherregal ist sein Schrein, zehn Meter lang, vier Meter hoch, und natürlich nichts von der Stange (respektive von Ikea), sondern eine Sonderanfertigung. Und wer es wagt, sich unbefugt daran zu schaffen zu machen, erntet ungnädige Seitenblicke. In die schmalen Abteile, die aus statischen Gründen nötig sind, hat Kittelmann Plastiken des Keramikers Walter Bosse platziert, und was die Bücher selbst angeht, so sind hier auffallend viele Erstausgaben.

Bei einem, dem Gedrucktes so viel bedeutet, ist es auch nicht verwunderlich, dass er sich an das erste Buch erinnert, das er bibliophil erstanden hat: Schillers „Wallenstein“, erschienen 1816, elf Jahre nach dem Tod des Dichters. Kittelmann war gerade mal 18, als er das Buch kaufte.

Er weiß sogar noch, bei wem – beim Kunstbuchverleger und Buchhändler Gunnar Kaldewey, „als der noch in Hamburg war“. Das Sammeln schöner Bücher hat ihn schon immer beschäftigt, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Einmal schickte er eine Erstausgabe von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ an den Verkäufer Klaus Wagenbach zurück.

Seine Recherchen hatten ergeben, dass es sich dabei um eine spätere Auflage handeln müsse – was sich dann als falsch erwies. Heute werden Exemplare für mittlere vier- bis fünfstellige Beträge gehandelt. Kittelmann hat seinen Frieden damit gemacht, aber das Ganze ist auch schon eine Weile her. 35 Jahre, um genau zu sein.

Doch was gibt ihm, dem Kunstkurator, eigentlich die Beschäftigung mit der Literatur? „Sie zeigt mir, dass sich die Dinge und ihre Abläufe ständig wiederholen. Geschichte und Geschichten sind ein einziger großer Fortschreibungsroman. Alles bleibt, wie es war, nur die Parameter ändern sich.“

Man könnte das für eine Erkenntnis halten, die melancholisch stimmt. Nicht so Udo Kittelmann. Er denkt einen Augenblick nach, dann sagt er: „Das hat nichts Frustrierendes. Im Gegenteil: Es beruhigt.“ Gelassenheit kann er im Moment mal wieder gut gebrauchen. Immerhin steckt der Mann gerade knietief in einem Umzug.

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