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Fußball im TV - Eigentor des Fernsehfußballs

Fußball im Fernsehen gehorcht eigenen dramaturgischen Gesetzen. Doch die Verlagerung der Aufmerksamkeit von dem live stattfindenden Geschehen zum spektakulärstmöglichen Geschehen führt zu der absurden Konsequenz, dass vom dem tatsächlich laufenden Spiel im Fernsehen immer weniger live zu sehen ist

Autoreninfo

Jan Tilman Schwab ist Medienwissenschaftler aus Kiel und Autor des Buches: Fußball im Film - Lexikon des Fußballfilms, München, Belleville Verlag, 2006.

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Es gibt Momente, da müssen Fußballfans die Verantwortlichen einer Fußballübertragung hassen. Im Off hört man, wie das Stadion plötzlich aufschreit. Nach einem harten Foul entsteht ein Gerangel. Mögliche Platzverweise stehen im Raum. Das Blut kocht hoch. Und wir sehen eine Zeitlupenwiederholung und noch eine und noch eine. Wir wissen nicht, wer gerade wen schlägt, welche Karte gezückt wird oder nicht, wer sie bekommt oder nicht. Wir sehen stattdessen belanglose Wiederholungen einer Szene, die schon im Livebild verständlich genug war.

Die Fernsehfußballmacher (und gezwungenermaßen die Fernsehfußballzuschauer) schauen immer näher hin – und verlieren dadurch den Überblick über das Spielmuster aus den Augen. Sie schauen immer öfter zurück – und verlieren dadurch die Gegenwart des Spielgeschehens aus den Augen. Und sie schauen immer öfter vom Ball weg ins Publikum, zur Trainerbank etc. – und sehen in jenen Momenten vom stattfindenden Spiel schlicht gar nichts mehr. Der Zuschauer, mit anderen Worten, sieht heute immer weniger von dem Spiel, das er doch eigentlich sehen möchte – und er sieht immer häufiger immer weniger davon.

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Als die Fußballübertragungen in den frühen 1990er Jahren von den um ihre Etablierung noch kämpfenden privaten Fernsehsendern übernommen wurden, geschah ein fundamentaler Paradigmenwechsel, den Dietrich Leder einmal treffend als einen Prozess der “Kinematografisierung” bezeichnet hat. Fußball wurde spätestens von da an primär als Teil der Unterhaltungsindustrie verstanden – zwar als ein Produkt mit einem hohem Unterhaltungswert an sich schon, aber eben als ein Produkt, das eine umfangreiche Auffrischung brauchte, um erstklassige Fernsehunterhaltung werden zu können.

Logischerweise stieg zunächst die Anzahl von Zeitlupenwiederholungen entscheidend an – logischerweise insofern, als die Zeitlupenwiederholung die vielleicht beste Innovation ist, die der Fernsehfußball im direkten Vergleich zum Stadionbesuch aufweisen kann, können doch hier sowohl spektakuläre Spielsszenen wiederholt genossen als auch umstrittene Schiedsrichterentscheidungen verifiziert oder falsifiziert werden.

Was aber verhängnisvollerweise als erstes aufgehoben wurde, war die eisern verteidigte, goldene Regel der öffentlich-rechtlichen Fußballübertragungen: Verwende niemals einen personality shot (Nahaufnahme), solange der Ball im Spiel ist – es könnte etwas entscheidend Wichtiges verpasst werden. Der unvorhersehbare Sport, welcher Fußball nun einmal ist, wird, früher oder später, zum größtmöglichen Unfall führen, dass nämlich ein Tor erzielt wird, welches der übertragende Sender und damit der Fernsehzuschauer verpasst hat.

Zeitlupen und personality shots wurden nun zu jedem möglichen Zeitpunkt eingeschnitten – nicht nur, um umstrittene Schiedsrichterentscheidungen aufzulösen, sondern um Impressionen vom Spielfeldrand, den Zuschauerrängen etc. zu bieten. Standardisiert wurden zudem Nahaufnahmen von Protagonisten einer Spielszene (Torschussversuch, Foul, Abseitsentscheidung), die umgehend nach dem Ende einer Spielaktion eingeblendet wurden – unabhängig davon, ob sich inzwischen schon wieder eine neue Aktion entwickelte oder ob die (meist ausbleibende) Reaktion des Spielers überhaupt interessant war.

Andere personality shots wurden nur eingeschnitten, um zu illustrieren, wovon der Kommentator des Spiels gerade erzählte (verletzter Spieler sitzt auf der Tribüne, eine Spielerfrau trifft gerade ein usw.). Wird wie jüngst beim Spiel der Bayern gegen Arsenal Gomez für Mandzukic ein- oder ausgewechselt, weiß der Zuschauer, das er jetzt erst einmal den einen oder den anderen Spieler länger als ertragbar in einer Nahaufnahme sehen wird. Die Grätsche von Lahm an der Seitenauslinie sieht er nicht. Er bekommt sie nur mit, wenn, wie in jenem Spiel geschehen, Lahm den Ball aus kurzer Distanz gegen die Kamera bolzt, woraufhin das Fernsehbild erschüttert wird, als wäre es zur Ordnung gerufen worden.

Diese Verlagerung der Aufmerksamkeit von dem live stattfindenden Geschehen zum spektakulärstmöglichen Geschehen (mag dies auch schon Minuten zurückliegen oder mit Fußball gar nichts zu tun haben) reduziert wesentlich die tatsächlich live präsentierte Nettospielzeit jeder Übertragung, was zu der absurden, indes logischen Konsequenz führt, dass vom dem tatsächlich laufenden Spiel im Fernsehen immer weniger live zu sehen ist.

Auch passiert es in heutigen Übertragungen immer öfter, dass ein Tor zwar noch präsentiert wird, die Entstehungsgeschichte indes nachgereicht werden muss, weil ein Foul etwa in seiner dritten Zeitlupenwiederholung gezeigt wurde, während der nachfolgende Freistoß, schnell ausgeführt, zum Torerfolg führte. Verstärkt werden sogar spielrelevante Ereignisse (ein Spieler wird verwarnt) ausgespart, um etwas anderes Spektakuläres zu zeigen – die gelbe Karte kann ja von dem Kommentator berichtet oder von einer graphischen Einblendung verkündet oder notfalls in einer Zeitlupenwiederholung nachgereicht werden.

Das gleiche ließe sich über die Tonspur sagen. Im Fußball sind anders als bei der Formel 1 Werbeunterbrechungen im laufenden Spiel zwar noch immer ein letztes Tabu. Kommentatoren der privaten Sender machen jedoch mehrfach pro Spiel ungeniert Werbung für Hotelgutscheine und andere Gewinnspielprämien der dümmlichsten Sorte. Ihre Kollegen versorgen uns ebenfalls mehrfach pro Spiel mit Hinweisen auf das weitere Programm ihres Senders. Die Hinweise werden auch am unteren Bildrand eingeblendet, wodurch auch hier weniger vom Spiel zu sehen ist.

Die kinematographische Qualität der heutigen Fußballübertragungen ist in ihrer überladenen Manier, hinsichtlich der Montage der Fernsehbilder und gemessen an dem Wesen dieses Sports schlicht ein inadäquater Modus. Denn als live zu übertragenes Sportereignis, wo jederzeit etwas Unvorhersehbares sich ereignen kann, ist der Blick weg vom Spielgeschehen ein kontraproduktives Eigentor des Fernsehfußballs. Das inflationäre Zwischenschneiden von personality shots zur Angleichung einer Fußballübertragung an kinematographische Standards, bedeutet in letzter Konsequenz nichts anderes, als ein Ersticken des Sports in der Sportübertragung – als eine Verdrängung des Abgebildeten bzw. des Abzubildenden (Fußball) durch das Abbild (Fernsehfußball).

Der generelle Fokus der Fußballübertragungen im Fernsehen hat sich signifikant verschoben von einer ursprünglich journalistischen Intention der Dokumentation weg zu einer verstärkt mit kinematographischen Mitteln arbeitenden Form der Fernsehunterhaltung. Der Paradigmenwechsel von Information zu Unterhaltung lässt das Fußballspiel heute weniger ein zu dokumentierendes Sportereignis sein als ein spektakulärstmöglich zu präsentierendes Fernsehereignis – eine Entwicklung, die den Fernsehfußball zu einem Spektakel seiner selbst macht.

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War früher Fußball im Fernsehen zu sehen, wobei das Wesen dieses Sports den Modus der Übertragung bestimmte, so wird heute Fernsehfußball geboten, wobei einzig die Interessen und Möglichkeiten des Mediums den Modus der Übertragung bestimmen – die hierarchische Verlagerung des Wortes Fußball in der Abfolge der beiden Schlagworte zeigt auch, dass der Fußball hinsichtlich seiner Bedeutung hier zweitrangig geworden ist.

Dies mag auch daran liegen, dass sich das heutige Fernsehfußballpublikum aus wesentlich breiteren Bevölkerungsschichten zusammensetzt als früher, für die der eigentliche Fußball keine zentrale Bedeutung hat. Die Fernsehfußballmacher werden sich vielleicht sogar rühmen, dafür verantwortlich zu sein, dass der Fußballsport heute ein viel breiteres Publikum erreicht. Aber für alle, deren Interessen primär (wenn nicht sogar ausschließlich), damals wie heute, auf das stattfindende Fußballspiel gerichtet sind, ist das heutige Fernsehen nicht (mehr) ein guter (alternativer) Ort, um Fußball zu sehen.

Früher wollte das Fernsehen all jenen, die das Spiel nicht live vor Ort verfolgen konnten, die Möglichkeit bieten, das Spiel fern-sehen zu können, das Spiel mit Hilfe des Mediums Fernsehen doch sehen zu können – und zwar vom ideell besten Platz aus in optimaler Übersicht über das Spielgeschehen. Heute rühmt sich die Inszenierung des Fernsehens sogar besser zu sein, als das Live-Erlebnis vor Ort im Stadion (Mittendrin statt nur dabei), wovon es zugleich immer weniger zeigt.

Doch das Fernsehen sollte wissen, dass es nun wahrlich nicht das Fernsehen ist, das die Milliardenbeträge wert wäre, welche die Fußballfernsehrechte weltweit kosten. Dies ist und dies wird ewig und einzig sein: der Fußball!

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