Weihnachtsmann streift sich Kostüm über
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Doku über Weihnachtsmänner - Willkommenskultur in rot und weiß

Vom weißen Bart über das rote Kostüm bis zum Bäumchen ist die durchkommerzialisierte Weihnachtswelt künstlich. Doch für die Wirkung des Weihnachtsmannes ist dies unerheblich, wie der Film „7 Tage... unter Weihnachtsmännern“ zeigt. Denn der milde Mann in rot und weiß will nichts außer geben

Alexander Kissler

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Drei natürliche Feinde hat der Weihnachtsmann: den Fernseher, den Straßenverkehr und die Betriebsfeier. Diese harte Lektion hält ein charmanter Film bereit, der am kommenden Sonntag in der Reportagereihe „7 Tage“ im NDR Fernsehen ausgestrahlt wird. Der direkte Widersacher also lädt nachmittags um halb vier zur Besichtigung einer Branche, die Jahr um Jahr die Glöckchen klingeln und den Schnee rieseln lässt. Und deren Vertreter, kaum betreten sie Wohnstube, Heim oder Mehrzweckraum, erst einmal bang zum Flimmerkasten schauen. Eiserne Regel: die Kiste muss aus, damit Weihnachtsmann und Knecht ihr Spiel beginnen können. Sonst ist alles vergebens.

„In dieser Weihnachtswelt ist alles Fake. Und trotzdem macht es etwas mit den Menschen.“


Insofern werden nicht allzu viele Saisonarbeiter nun am dritten Advent, passenderweise Gaudete gerufen, sich den halbstündigen Spaß (Regie und Buch: Lars Kaufmann und Julian Amershi) gönnen können. Aber ist es überhaupt ein Spaß, dem Berliner Ober-Weihnachtsmann Stefan auf dem Weg in Kirchen, Flüchtlings- und Obdachlosenheime, Heilanstalten und Kleinfamilien zu folgen? Wie er sich von einem Steppke eine Abfuhr holt – nein, nein, singen wolle man nicht, man sei zu alt dafür und habe keine Lust –, oder wie er tapfer in die gelangweilten Gesichter bei einer Betriebsfeier von Alarmanlagenspezialisten hinein singt? Es ist ein trockener Boden, den Stefan und sein Kompagnon beackern, der Knecht-Ruprecht-Azubi Julian, einer der beiden Filmemacher.

„In dieser Weihnachtswelt“, sagt Julian einmal, „ist alles Fake: Bauch, Bart, Kostüm. Und trotzdem macht es etwas mit den Menschen.“ Aber was genau? Ob der dicke Herr in Rot und Weiß und Kunstpelzsaum Weihnachtsmann gerufen und ergo schon durchkommerzialisiert ist bis ins Mark oder klassischerweise Nikolaus und den Faden zum kleinasiatischen Heiligen noch nicht gekappt hat: Für die Wirkung ist es unerheblich. Immer ist es jemand, sind es zwei, die da kommen ohne Arg und die etwas verschenken. In nicht vielen Lebenssituationen kann man sich einer solchen zuverlässig milden Begegnung sicher sein. Der Weihnachtsmann rügt nicht, er muntert auf. Er will nichts, er gibt. Er geht nie ganz – obwohl er dank Staus und Baustellen regelmäßig zu spät am Auftrittsort erscheint. „Schön, dass Sie gekommen sind. Bitte kommen Sie wieder“, sagt die Patientin eines Heims für psychisch Kranke. Begeistert singen Flüchtlingskinder Lieder in einer eben noch fremden Sprache, die sie kaum verstehen. „Dass hier der deutsche Weihnachtsmann kommt, ist etwas ganz Besonderes“, erklärt der Verantwortliche des Flüchtlingsheims.

Sinnlose Dinge, die etwas bedeuten


In der Tat: Stellte man sich Willkommenskultur in ihrer schönsten Form vor, sie müsste weihnachtsmännliche Züge haben. Der lustige Dicke und sein harmloser Spießgesell‘ schauen vorbei, blicken in fremde Augen, singen und schütteln Hände, die ihre Fremdheit im Moment verlieren. Gewiss, es sind gekaufte Gesten letztlich. Doch echt sind die Herzlichkeit und die Freude am Tun bei diesem Stefan dann doch. Alkoholiker ist er einmal gewesen, trocken sei er, seit er den Weihnachtsmann gibt. Auch Azubi Julian hat am Ende seines Selbstversuchs gelernt: Weihnachten sei die „Erinnerung an etwas bedingungslos Gutes“.

So liefert der halbstündige Film en passant eine kleine Einweisung in den sonst unter Kitsch oder frommer Routine begrabenen Geist von Weihnachten. Der große Theoretiker des Weihnachtsfests, Gilbert Keith Chesterton, hätte seine Freude daran. Schrieb er doch in einer Betrachtung über den Unterscheid zwischen Routine und Ritual: Weihnachten jedes Jahr zu feiern, müsse ein Ritual bleiben, denn nur als Ritual gehorche es einem gesunden Prinzip. Man tue an Weihnachten „gewisse sinnlose Dinge, weil sie etwas bedeuten. Das Prinzip der modernen Routine dagegen ist es, gewisse sinnvolle Dinge so auszuführen, als ob sie bedeutungslos wären.“ Weihnachten ist ein Hochfest der Bedeutung.

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