(picture alliance) Özil ist einer dieser leisen Kreativen. Ein beiläufiges Genie

Demut vs. Drecksau - Die EM der Schweigsamen

Die Zeit der halbstarken Fußballprofis scheint vorbei. Das neue Motto der Elite heißt Demut statt Drecksau. Demut, die auch den Kommentatoren eines Fußballspiels gut zu Gesicht stünde

Die eine Hälfte seines Vermögens habe er für Frauen und Alkohol ausgegeben, die andere sinnlos verprasst. So formulierte es George Best, der nordirische Flügelstürmer von Manchester United und wohl erste Rockstar des Fußballs. Der spätere Nachtlokalbesitzer war der wohl beste, gleichwohl der exaltierteste Spieler der 1960er Jahre.

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Derlei Extravaganzen sucht man bei den heutigen Fußballstars vergeblich. Die Kreativspiel-Generation um Özil, Messi, Iniesta und Xavi gibt sich bescheiden. Im Vergleich zu Best, Platini, Maradonna, Cruyff oder Netzer nimmt ihr Auftreten fernab des Platzes fast schon autistische Züge an. Zurück auf dem Rasen richtet sich ihre Konzentration sodann alleine auf den Ball, auf die Kunst des Spiels; hier werden sie zu Exzentrikern, zu gedankenschnellen Protagonisten des Sports, die aus einem normalen Spiel ein außergewöhnliches machen. Sie verkörpern Demut und Bescheidenheit, spielen schlau und leichtfüßig. Selbst ein aus dieser Rolle fallender Christiano Ronaldo bleibt in sportlicher Hinsicht ein Musterprofi, würde er doch mit nächtlichen Exzessen seinen Marktwert gefährden.

Die saufende und raufende Generation, sie stirbt, hat in Wayne Rooney und in Ansätzen vielleicht noch im italienischen Stürmer Mario Balotelli – der fußballerische Genialität bisher allerdings schuldig geblieben ist – wohl ihre letzten Ausläufer. Einige mögen das bedauern. Bemängeln stetig lauthals das Fehlen von Typen. Werden nicht müde, die „Drecksau“, den Häuptling zu fordern, einen, „der auch mal dazwischen grätscht“. Doch ist nicht die Abwesenheit von Spielertypen wie Effenberg und die neue Bescheidenheit heutiger Fußballgenies eher Segen denn Fluch?

Zinédine Yazid Zidane, der wohl vollkommenste Spieler aller Zeiten, hat diesen melancholisch, fast schwermütigen Typus geprägt. Diese schüchterne Eleganz. Ein kreativer Anführer, der mit leicht gesenktem Haupt über den Platz streift und dabei kaum Kommandos gibt. Der spielt und schweigt.

Leise Kreative. Beiläufiges Genies. Bei dieser EM prägen sie das Bild, bestimmen das Tempo. Der bisher auffälligste ist, neben Andres Iniesta, ein schon in die Jahre gekommener Italiener: Andrea Pirlo. Der Mann mit den wie in Stein gemeißelten, grob-kantigen Gesichtszügen überzeugt mit klugem Spiel und dem bisher einzigen direkt verwandelten Freistoßtor.

Etwas mehr Ruhe und Demut wünschte man sich da auch auf der Kommentatorentribüne. Wie das geht, zeigte sich im Spiel Irland gegen Spanien. Als die irischen Fans trotz eines Null-zu-Vier-Rückstandes in der Schlussphase minutenlang ihre Hymne „The fields of athenry“ sangen. Der Kommentator (Tom Bartels) schwieg und ließ singen. Bravo. Anders im Spiel Frankreich gegen die Ukraine. Dort wurde der Zuschauer – Achtung! Wortspiel auf ZDF-Kommentatoren-Niveau – minutenlang im Regen stehen gelassen.

Nach nur vier Spielminuten wurde das Spiel wegen des schlechten Wetters unterbrochen. Was folgte waren unzählige Minuten. Minuten der Einsamkeit. Allein mit Regenbildern und Béla Réthy. Der geübte ZDF-Kommentator begann sein anekdotenschweres Kommentatorensolo vermeintlich harmlos, stellte zunächst nüchtern fest, dass auch Superstars das Recht hätten, nicht vom Blitz getroffen zu werden. Ein Recht, das Réthy nicht aber für seine Person geltend machen wollte. Er blieb und gab alles. In solchen Momenten werden Kultkommentatoren geboren, wird Réthy sich gedacht haben.

Berichterstatter-Sternstunden kamen einem in den Sinn. Als in Madrid einst ein Tor umfiel, Günther Jauch und Marcel Reif alles süffisant wegkommentierten und in der Folge sämtliche Moderatorenpreise abräumten. Réthy aber redete sich um Kopf und Kragen, brachte seine ganze Talentfreiheit zum Ausdruck als er Bilder, die im Regen stehende Fans zeigten, mit den Worten kommentierte, viele Fans seien ja eher spartanisch untergebracht, mit einfachsten hygienischen Bedingungen und daher freuten sich diese Fans bestimmt über die Dusche.

Die Regenmetaphorik ging ihm jedoch schnell aus, immer wieder rief er nach Urs Meier (Ex-Schiedsrichter und Regelexperte des ZDF), Olli Kahn wurde vom Spaghetti-Essen abkommandiert, ein schlechter „REGENnerations“-Wortwitz wurde nach dem anderen gezündet, bis, ja bis sich endlich ein Co-Kommentator fand, der das Réthy-Niveau sogar noch zu unterbieten wusste.

Und als sich der geneigte Zuseher unlängst zu fragen begann, ob und welche qualitativen Maßstäbe überhaupt an Sportkommentatoren angelegt werden, war der alles befreiende Satz zu hören: „Wir geben nach Mainz zur Werbung ab.“

Bleibt zu fragen, ob es für Moderatoren und Kommentatoren nicht auch eine Art hypokritischer Eid geben sollte. Der Schlussfolgerung von Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus folgend: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Also.

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