Wolf Haas,Verteidigung der Missionarsstellung
(Klaus Fritsch/Hoffmann & Campe) Er wurde bekannt durch seine Krimis um den Privatdetektiv Simon Brenner

Verteidigung der Missionarsstellung - „Der Leser denkt, jetzt spinnt er wieder“

Sein Roman „Verteidigung der Missionarsstellung" wird von der Kritik gefeiert. Im Interview mit Cicero Online berichtet Sprachexperimentalist Wolf Haas von der Gleichförmigkeit deutscher Romane, seinem Verhältnis zur Liebesgeschichte und seinem Dasein als hingebungsvoller Möchtegernschriftsteller

"Die Verteidigung der Missionarsstellung" wird als originellste Liebesgeschichte seit Goethes Werther gefeiert. Schreiben Sie eigentlich gerne über die Liebe?
Ich muss lachen, weil ich fast eine Peinlichkeits-Gänsehaut bekomme bei der Vorstellung, dass ich "über die Liebe" schreibe. Eigentlich schreibe ich aber über das Verlieben, was schlimm genug, aber doch ganz was anderes ist. Angefangen hat es mit einem Vortrag, den ich im Radio hörte, wo ein Psychologe sagte: Den Zustand der Verliebtheit könne man mit psychologischen Kriterien als Psychose beschreiben. Also vielleicht schreibe ich ja sogar über eine Psychose, das ist dann wieder künstlerisch in Ordnung.

Was ist am Verlieben besonders?
Dass sich der brav vor sich hin funktionierende Mensch auf einmal in einen verliebten Deppen verwandelt, das hat tragische und komische Elemente - und der Übergangsbereich von Tragik und Komik hat mich schon bei meinen Brenner-Krimis am meisten gereizt. Da geht es übrigens auch oft um die Liebe. Mein Detektiv Brenner war ja schon sehr oft verliebt.

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Ihr letzter Roman "Das Wetter vor 15 Jahren" bestand aus einem Gespräch, das zwischen einer Literaturbeilage und dem Autor geführt wird, ihr aktuelles Buch beschreibt eine Liebesgeschichte und zugleich die Entstehung eines Buches. Was ist zuerst da: Die Idee für die Form oder die Geschichte selbst?
Zuerst möchte ich immer ein ganz normales, unaufgeregtes Buch schreiben. Aber dann kann ich der Verlockung, das Ganze auf die Spitze zu treiben, nicht widerstehen. Das tue ich aber nicht mit künstlerischer Absicht, sondern ich kann einfach nicht anders.

Behindern sich beide nicht manchmal gegenseitig beim Schreiben?
Ich empfinde es eher umgekehrt. Die Behinderung, die von der Form ausgeht, erzeugt erst die besten Plot-Wendungen. So wie der Reim in einem Gedicht auch Behinderung und Motor zugleich ist.

Sie haben einige typografische Spielereien in Ihrem Buch, ganze Passagen "hätte" der Romanheld sagen können, tat es aber nicht. Hatten Sie beim Schreiben manchmal Sorge, dass Sie es übertreiben und ihre Leser vergrätzen?
Diese Sorge hab ich nicht, denn ich weiß, dass ich es immer übertreibe. Aber meine Leser nehmen es mir nicht krumm. Mein Leser und ich, wir sind wie ein altes Ehepaar, und er oder sie denkt sich über mich: Jetzt spinnt er wieder, aber wenigstens ist es nicht langweilig mit ihm.

Sie schreiben, die realen Geschichten funktionierten in Romanen nicht - das Erfundene sei viel besser, es sei glaubwürdiger. Gleichzeitig geben Sie aber im neuen Buch vor, viel über sich selbst preis zu geben. Verschaukeln Sie den Leser?
Das kann ich jetzt nur mit einem Ernst beantworten, den ich sonst meist zu vermeiden versuche. Ich finde eher, dass Autoren ihre Leser verschaukeln, die die spielerische Struktur eines Romans unter den Teppich kehren und auf die sichere Karte des eingefahren Dröge-Realismus setzen. Auch die vorhin erwähnten grafischen Elemente sind keine Spielereien, sondern haben eine Funktion im Text. Statt ein Paisleymuster zu beschreiben, rolle ich eben einmal eine Zeile zum Paisleymuster ein. Das ist ein genauso taugliches Mittel, und es fällt nur so auf, weil Bücher allgemein alle recht gleichförmig sind. Wäre die bildende Kunst so konservativ wie die Literatur, würden alle noch vor sich hin pinseln wie Cezanne.

Seite 2: Also bevorzuge ich Texte, die dieses Lesetempo wert sind

Im Roman erfahren wir, Ihre Bücher seien ständig abgelehnt wurden. Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich hab es einfach mit dem nächsten Buch wieder probiert. Im Nachhinein wundere ich mich selbst über meine naive Zuversicht, dass es schon irgendwann funktionieren wird.

Sie waren in dieser Zeit, als es mit dem Schreiben nicht klappte, Werbetexter. Ist das eine gute Lehre fürs Romaneschreiben? Achten Sie heute noch auf Werbung?
Eigentlich hab ich das nur gemacht, um genug Geld zu verdienen, um dann wieder Zeit zum Romanschreiben zu haben. Ich war in dieser Zeit wirklich ein recht hingebungsvoller Möchtegernschriftsteller. Aber es hat mich aufgebaut, dass ich das Werbetexten gut konnte. Es war sozusagen mein erstes positives Feedback, das ich als Schreiber bekam. So besonders interessant, wie man eine Zeit lang getan hat, ist Werbung natürlich nicht, manches ist aber doch originell und lustig.

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Wer wie ich Österreich nur aus Ihren Brenner-Romanen kennt, möchte nicht mehr nach Wien oder Salzburg kommen. Mögen Sie Ihre Landsleute eigentlich?
Naja, Krimis handeln nun einmal von den düsteren Seiten einer Gesellschaft. Wer New York nur aus Krimis kennt, möchte auch nicht unbedingt hinfahren und sich von einem Crackdealer umlegen lassen. Österreich ist ehrlich gesagt gar kein Thema, das mich interessiert - aber der sprachliche Aspekt, als angehöriger des süddeutschen Sprachraumes gegen die norddeutschen Sprachnorm anzustinken, das ist eben reizvoll, weil sich aus Regel und Verstoß interessante Dinge ergeben.

Wolf Haas, Sie verabscheuen dicke Bücher, haben Sie geschrieben. Wo genau liegt das Problem mit den Wälzern der Weltliteratur?
Das Problem liegt bei mir - ich lese sehr langsam. Also bevorzuge ich Texte, die dieses Lesetempo wert sind. Manchmal sind das auch dicke Bücher, wie der Mann ohne Eigenschaften oder Krieg und Frieden. Aber meistens ist es doch so, dass man ein Buch schon nach 10 Seiten in seiner formalen Grundabsicht verstanden hat, und dann fragt man sich, warum man jetzt da ewig dahinlesen soll, nur damit man herausfindet, für welche der 27 absehbaren Möglichkeiten der Autor sich entscheidet. Bei den richtig guten Büchern stellt man sich diese Frage natürlich nicht.

Können Sie uns ein kurzes Buch empfehlen, das nicht von Ihnen ist?
Stewart O'Nan: "Letzte Nacht" 157 Seiten. Agota Kristof: "Das große Heft" 163 Seiten. Wilhelm Genazino: "Ein Regenschirm für diesen Tag" 176 Seiten. Markus Werner: "Festland" 142 Seiten. Peter Handke: "Kindergeschichte" 109 Seiten. Teresa Präauer: "Für den Herrscher aus Übersee" 137 Seiten. Wenn ich so weitermache, wird aus dieser Liste noch ein dickes Buch!

Die Fragen stellte Timo Steppat.

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