Kandidatinnen der Pro-Sieben-Sendung „Catch the millionaire“
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Catch the millionaire - Die Verräterinnen des Feminismus

Bei den Femen-Protesten zeigen Frauen ihre schönen Brüste und bei „Catch the Millionaire“ buhlen gut ausgebildete Frauen um die Gunst eines reichen Mannes. Beides schadet dem Feminismus, findet Katharina Schmitz

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Katharina Schmitz ist freie Journalistin in Berlin. 

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Was haben Femen-Frauen und die Kandidatinnen der Show Catch the millionaire (donnerstags auf Pro 7) gemeinsam? Für die Pointe dieses Herrenwitzes muss man kurz um die Ecke denken. Das Wesen des Herrenwitzes ist, wie jeder weiß, zwar chauvinistisch, aber manchmal gibt es einen Twist, den auch Frauen goutieren. Es ist der klitzekleine Wahrheitskern.

Wer bisher die Augen vor Catch the millionaire verschlossen hat, dem sei kurz das Prinzip erklärt. Wie so viele andere Shows ist auch sie gewissermaßen ein soziales Experiment. 18 junge schöne selbstbewusste Frauen bewerben sich um drei schöne selbstbewusste Millionäre. Klingt wie ein Märchen, ist auch eins. Was die Damen nämlich nicht wissen: nur einer von den dreien ist tatsächlich reich, und an diesem Donnerstag wird sich zeigen, wie es um den guten Charakter der Damen bestellt ist, wenn sie erfahren werden, dass zwei der Jungs auf lange Strecke wohl eher kein Jetset-Leben garantieren.

Das Original der Kuppelshow kommt aus den USA und geriet zum spektakulären Erfolg. 40 Millionen Menschen schauten beim Finale zu. Buntes, widersprüchliches Sehnsuchtsland: Die USA ist ja zugleich das Land mit den schärfsten Gesetzen zur Bekämpfung von Sexismus. Zu Recht, wie viele auch hierzulande finden. Während der Hochphase der #Aufschrei-Debatte, wo junge Feministinnen wie Anne Wizorek oder Laura Dornheim von der Piratenpartei den Ton angaben und als letzte Instanzen zu Sexismusfragen durch die Talkshows gereicht wurden, fürchtete manch einer schon, Deutschland könnte sich die USA noch stärker zum Vorbild nehmen. Damit zu Femen.

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Femen, so darf man sagen, ist eine altbacken anmutende Effekthascherei mittels schöner nackter Brüste, die sich bis dato als wenig hilfreich und in Tunesien schlicht als kontraproduktiv erwiesen hat. Das sehen viele Frauenrechtlerinnen genauso, auch wenn sie es aus falsch verstandener Solidarität dann nicht immer so schreiben. Und so mancher sehr männliche, sehr weiße, sehr gebildete, und sehr mittelaltrige Sack (geläufige Feindbeschreibung) durfte ausnahmsweise entspannt die Kritik teilen.

Gefragt wurde natürlich schon, warum die Femen-Frauen eigentlich alle Modelmaße haben, und die Antwort war von dieser einen, besonders toll aussehenden Inna Schevtchenko: Stimmt ja gar nicht. Fragen dürfte man auch, ob gerade der schöne Körper die Femenaktionen nicht extrem neurotisch auflädt. Ob eine Femen-Aktion weniger politisch motiviert ist, vielmehr wie die Kompensation eines eher imaginierten Patriarchats anmutet? Man nehme die deutsche Aktivistin Josephine Witt. Hätte die 20-jährige Philosophiestudentin „mit den Rehaugen und den langen Beinen“ (taz) unter anderen Umständen nicht woanders landen können? Dahin, wo Neurosen, die öffentlichkeitswirksam ausgelebt werden wollen, einen eben so hinführen? Also irgendwo in die Medien, wo sie vermutlich sowieso landen wird.

Wie Aufmerksamkeitsökonomie genau funktioniert, werden sich die Kandidatinnen bei Catch the millionaire vermutlich genauso wenig fragen wie die Femen-Frauen, obwohl sie alles andere als dumme Mädchen sind. Einige der Ladies, die hier ihren Traummann mit fettem Bankkonto suchen, kommen aus dem Bildungsmilieu, ein paar aus gutem Hause, wenn die Beobachtung nicht trügt. Denise aus Osnabrück ist Betriebswirtin. Die aparte Mariana ist Unternehmerin – in welcher Branche, ist nicht bekannt.

Eine andere, nennen wir sie Lotte, studiert Architektur. Amira hat ihren Bachelor aus den USA mitgebracht und Verzeihung, wer einmal „Charlotte Simmons“ von Tom Wolfe gelesen hat, ahnt, wessen Geistes Kind man trotz amerikanischem Bachelor bleiben kann. Amira ist ein typisches American Girl und kann mindestens 10 Top-Designer-Marken mit verzücktem Lächeln aufzählen. Die elitären Codes schweißen aber doch zusammen. Trotz der offensichtlichen Total-Beschränktheit bleibt sie beim echten Selfmademan Dennis im Rennen. Amira hatte sein Louis-Vuitton-Handgebäck auf 20 Meter Entfernung erkannt.

Catch the millionaire ist somit ein Auflauf von – vorteilhaft ausgedrückt – lebensklugen Powerfrauen, der Elitenforscher ins Grübeln bringt. Die Nuancen zwischen „echter“ Elite und gebildetem Mittelstandskind sind nur für Profis erkennbar; man kann nicht sagen, dass sich der Habitus im Binnenvergleich unter den Mädchen großartig unterscheidet. Bis auf die Berliner Friseurin oder die Proll-Blondine aus Köln. Alle anderen sind gebildet, attraktiv und ziemlich ehrgeizig. Es sind gängige Must-Have-Attribute für die moderne gleichberechtigte Frau. Man kann sich die meisten Kandidatinnen sofort in einer Führungsposition vorstellen und dort als Streiterin für Proquote, warum nicht – wenn es denn in dieser Show überhaupt um einen Job ginge. Aber die Challenge hier ist die Liebe, nicht ein toller Job. Die Ellenbogen werden trotzdem ausgefahren.

Es ist diese Mischung aus Mittelschichtsfernsehen und Trash, die seit Germanys Next Topmodel irritiert. Man fragt sich, ob sie das Ergebnis eines Bildungsideals ist, das sich in Deutschland etabliert hat. Ein Ideal, das von der Schule an alle zu flexiblen Projektmanagern ausbildet. Ein Ideal, bei dem Präsentationen wichtiger sind als die Inhalte, die man präsentiert, bei dem selbstbestimmtes Lernen zählt und die berühmten sozialen Kompetenzen. Wo man besser das Sitzenbleiben abschafft. Wo man an Gymnasien an Projekttagen natürlich „Modedesign“ zum Thema wählt, wo aus den Unifabriken Menschen rauskommen, vor allem Frauen, denen von Kind an dieses geschlechtsbegründete Selbstbewusstsein eingehämmert wird.

Bescheidenheit wirkt da geradezu exotisch. Die vermeintlichen Millionäre, der Maschinenbaustudent Chris, der arbeitslose promovierte Politologe Gero, der echte Erfolgsunternehmer Dennis kommen in diesem Trashformat besser weg, jedenfalls solange man nicht die neuesten Enthüllungen verfolgt (Bild hat die Polizeiakte von Dennis!). Ihre von Kopf bis Fuß getunte Attraktivität macht sie nicht zu Hüllen. In Zeiten, in denen sich das Ende des weißen Mannes einläutet, passen sie sich an. Nahezu spielerisch und souverän. Zurück zum Herrenwitz:  Was haben Femen-Frauen und die Kandidatinnen der Show Catch the millionaire (donnerstags auf Pro 7) gemeinsam? Antwort eins: die schönen Brüste. Antwort zwei: Sie haben dem „Gender-Feminismus-Komplex“ (Harald Martenstein, vom Diskurs leicht überfordert) mehr geschadet denn genützt.

 

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