Bernd Cailloux: "Gutgeschriebene Verluste"
(picture alliance / Suhrkamp) Bernd Cailloux: "Gutgeschriebene Verluste"

Gefühlswelt der 68er - Schriftsteller und Casino-Kapitalisten

Ohne Rücksicht auf Verluste zieht Bernd Cailloux in seinem neuen Roman „Gutgeschriebene Verluste“ die Lebensbilanz von jemandem, der von Bilanzen nie viel wissen wollte. Eine perfekte Kombination aus Soziologie und Ironie

«Fakt war, dass ich kurz vor den mir höchst vertrauten Elbbrücken stand und in meinem parkenden Auto die letzten Minuten als Bewohner dieser Stadt verbachte. War ich hier einfach bloß gescheitert? Oder handelte es sich um die Fortsetzung einer Wanderschaft, die ihre innere Logik hatte?»

Den alternativen Light-Show-Unternehmer, der Ende der siebziger Jahre Hamburg den Rücken kehrt, weil die «antikapitalistische Idee» im Geld ertrank, kennen Freunde der Prosa von Bernd Cailloux. Dieser Kreativwirtschaftler avant la lettre hatte am Ende von Cailloux’ 2005 erschienenem Debütroman «Das Geschäftsjahr 1968/69» Düsseldorf verlassen und sich nach Hamburg aufgemacht. Im neuen Werk sitzt er nun im Mekka der Gegenkultur, in Berlin, im Café «Fler». 60 Jahre alt ist der «Märtyrer des Müßiggangs», wie er sich selbst spöttisch nennt, inzwischen geworden.

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Natürlich kann man das siebte Buch des 1945 geborenen Schriftstellers als Fortsetzung des gefeierten Erstlings lesen. Vor allem aber fungiert «Gutgeschriebene Verluste» als emotionales Gegenstück zum «Geschäftsjahr». Dort hatte Cailloux die Bruchstelle zwischen Subkultur und Kommerz vermessen. Nun lotet er diejenige zwischen Gemüt und Geschichte aus. Zwar ist das Buch auch ein Berlin-Roman der achtziger Jahre: eine Erinnerung an die pansexuelle Schöneberger Bohème rund um den Winterfeldtplatz; selbst der kürzlich verstorbene Pop-Artist James Rizzi kommt darin vor. Doch die authentische Kulisse dient Cailloux als Folie, um eine Seelenlandschaft zu entfalten.

Der Stein kommt ins Rollen, als der Ich-Erzähler eines Abends die attraktive Mittvierzigerin Ella kennenlernt. Im Spiegel der turbulenten Beziehung zu ihr entsteht das Bild eines abgeklärten Aussteigers, der sich als freier Kritiker über Wasser hält. Und nur knapp eine Hepatitis C überlebt hat. Zugleich ist der bindungsschwache Erotomane ein paradigmatischer Vertreter der Spezies, die er selbst «hedonistische Mitläufer» der 68er nennt. Schon erstaunlich, wie gut der verstaubte roman mémoire des 18. Jahrhunderts für die zeitgenössische Identitätsarbeit taugt – und das, ohne dass Cailloux auf sein Erfolgsgeheimnis verzichten muss: die Mischung aus präziser Soziologie und lässiger Ironie.

Wirklich ausgezahlt hat sich der «Königsweg der Unangepassten» für seinen sympathischen Anti-Helden nicht. Am Ende steht ein «Geringverdiener mit undeutlich bleibendem Potential». Dessen Beziehung mit Ella zerbricht, und selbst Postmaterialisten dürften Mühe haben, die Defizite dieser Lebens-Bilanz in «gutgeschriebene Verluste» umzudeklarieren. Aber vielleicht will Cailloux mit dem paradoxen Titel ja daran erinnern, dass Schriftsteller und Casino-Kapitalisten einander gar nicht so unähnlich sind. Beiden gelingt es immer wieder, reale Verluste in Buchgewinne zu verwandeln.

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