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Abgründe im Denken Heideggers - „Irren gehört dazu“

Seinsgeschichtlicher Antisemitismus: Peter Trawny, Heraus­geber der „Schwarzen Hefte“, über Abgründe im Denken Heideggers – und warum der Philosoph anregend bleibt

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Michael Stallknecht ist Musikkritiker und Autor und spielt zur Erholung gerne Bach am Klavier

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Herr Trawny, Sie sind der Herausgeber der „Schwarzen Hefte“ und gehörten zu den Ersten, die darauf bestanden, dass es sich bei den problematischen Äußerungen Heideggers um Antisemitismus handele. Warum sind Sie so vorgegangen?
Peter Trawny: Wir müssen, wenn wir diese Äußerungen lesen, die gängigen Kriterien der Antisemitismusforschung anlegen. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als sie als Antisemitismus zu bezeichnen. Da haben wir keinen Spielraum. Bei Heidegger gibt es eine spezifische Form des Antisemitismus, der allerdings mit Stereotypen arbeitet, die heute noch weit verbreitet sind und den Antisemitismus mitbestimmen. Ich denke an sein Räsonieren über „die zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens, wodurch die Weltlosigkeit des Judentums gegründet“ werde. Er sah das Judentum verantwortlich für „das Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit“. Mir ging es dabei auch um die Frage: Wie wollen wir mit Heidegger an den Universitäten umgehen? Wie weit sind die Institutionen bereit, Projekte, die mit Heidegger zusammenhängen, noch zu fördern? Deshalb schien es mir richtig, die Diskussion ohne Wenn und Aber zu führen und nicht zu lavieren.

Verändern die „Schwarzen Hefte“ unser Bild von Heideggers Haltung zum Nationalsozialismus?
Es bleibt im Großen und Ganzen der Weg, den man kannte: Eine frühe Faszination, verbunden mit einem Engagement, das relativ schnell wieder einkassiert wird; aber auch eine bleibende Loyalität bei gleichzeitiger kritischer Distanzierung, die dann immer stärker wird. Das Neue ist das, was ich antisemitische Passagen im philosophischen Kontext nennen würde. Man kannte private Äußerungen, die ein gewisses Ressentiment gegenüber Juden ausdrückten, aber keinen Versuch, das Judentum als geschichtliche Figur in den Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts zu fassen.

Die Reaktion in der publizistischen Öffentlichkeit fiel sehr heftig aus. Hat Sie das überrascht?
Ich hatte erwartet, dass es eine Debatte geben werde, aber nicht in dieser Breite. Das Video bei Youtube, das mich bei der ersten öffentlichen Vorstellung der „Hefte“ zeigt, ist 7000 Mal angeklickt worden. Das finde ich ziemlich verrückt. Es zeigt, dass es ein breites Interesse an diesem Philosophen gibt.

Wie erklären Sie sich das?
Bei Heidegger gibt es eine Kluft zwischen der akademischen und der öffentlichen Wahrnehmung. In der Öffentlichkeit gilt Heidegger als der Philosoph des 20. Jahrhunderts oder vielleicht – neben Ludwig Wittgenstein – als der andere große Philosoph dieses Jahrhunderts. Es gibt ein allgemeines Interesse an dieser Figur, die sich natürlich in die Zeitgeschichte verstrickt hat, nicht einfach in akademischer Distanz geblieben ist. Das findet man interessant und wichtig.

Aber nur in der Öffentlichkeit?
Die Entwicklung der akademischen Philosophie in Deutschland in den letzten 40 Jahren steht unter zwei Einflüssen: der Analytischen Philosophie, die aus dem angelsächsischen Raum kommt, und der Frankfurter Schule in Gestalt von Jürgen Habermas. Die Kritische Theorie hält das Argument für die Zentralfunktion des philosophischen Denkens. Heideggers Denken aber ist kein Diskurs. Es ist eine andere Weise des Denkens, die von den Vertretern des Arguments nicht als Philosophie anerkannt wird.

Bei einem Philosophen, der die Öffentlichkeit derart verachtet hat, könnte man in dieser Umkehrung Ironie sehen.
Diese problematische Verachtung der Öffentlichkeit ist typisch für Heideggers Denken: Es ist anstößig. Auf diese Provokation können die Nichtakademiker erstaunlicherweise besser reagieren als die Akademiker, die glauben, es sei nicht Aufgabe der Philosophie, Anstoß zu erregen. Das gilt etwa auch für Heideggers Schülerin und vorübergehende Geliebte Hannah Arendt. Auch sie ist der Ansicht, dass Philosophie extrem sein und Anstoß erregen muss, um überhaupt Philosophie zu sein. In der Analytischen Philosophie und der Kritischen Theorie hat der Anstoß als Anstoß keine Bedeutung.

„Wer groß denkt, muss groß irren“, heißt es in den „Schwarzen Heften“ – der zentrale Satz für Ihr neues, bei Matthes & Seitz erschienenes Buch „Irrnisfuge. Heideggers Anarchie“. Martin Heideggers Irren, schreiben Sie, sei „ein Augenblick der Philosophie“.
„Die Irre“, wie er das nennt, gehört konstitutiv zu Heideggers Wahrheitsverständnis: Er war philosophisch davon überzeugt, dass es so etwas wie eine moralische Verantwortung des Autors nicht gibt. Was mich aber eigentlich interessiert, ist die Frage, ob der Irrtum oder das Verirren nicht überhaupt zur Geschichte des Philosophierens gehört. Wir hangeln uns an dem entlang, was Habermas das „bessere Argument“ nennt. Aber welche Kriterien haben wir eigentlich, um ein philosophisches Buch wahr oder unwahr zu nennen? Auf dieses Problem scheint mir Heidegger hinzuweisen.

Welche Potenziale sehen Sie dann in Heideggers Denken für die Gegenwart?
Zwei Punkte, wenn ich es knapp machen soll. Mit Heidegger lässt sich darüber nachdenken, inwiefern der Mensch in einer Welt, die universal von Technik, Kapital und Medien bestimmt wird, überhaupt noch frei sein kann. Wir sind heute integriert in eine Häufung von Funktionszusammenhängen, in eine Öffentlichkeit, die immer schon kapitalistisch geprägt und von Technik determiniert ist. Heideggers kritische Auseinandersetzung mit der Technik in den fünfziger und sechziger Jahren scheint mir ein Anknüpfungspunkt zu bleiben.

Und zweitens?
Ich glaube, dass der Denkstil, den Heidegger gepflegt hat, eine Form der Freiheit ist. Bei Heidegger lässt sich wie bei keinem Zweiten lernen, was es bedeutet, im Denken frei zu sein. Man kann seinen Stil kritisch sehen und muss ihm nicht folgen. Aber bei ihm kann man lernen, was es heißt, nicht stehen zu bleiben und sogar sich selbst immer wieder zu überwinden.

Um eines der „Schwarzen Hefte“, das Sie demnächst herausgeben, scheint es einen regelrechten Krimi gegeben zu haben. Es war verschollen.
Die „Anmerkungen I“ mit Aufzeichnungen von 1942 bis 1946 befanden sich im Besitz von Silvio Vietta, dem Sohn von Dory Vietta, einer Geliebten Heideggers. Vielleicht hatte Heidegger es ihr geschenkt. Die Familie Heidegger suchte es jahrelang. Im Zuge der Veröffentlichung der ersten „Schwarzen Hefte“ hat sich dann Vietta bereit erklärt, das Heft dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar zu verkaufen. Erst danach war mir erlaubt, den Inhalt kennenzulernen. Vietta meinte in einem Interview mit der Zeit, das Heft enthalte keine „antisemitischen Stellen“. Diese Äußerung ist apologetisch und voreilig. Die Leser werden sich bald ihr eigenes Bild machen können.

Was erwartet die Leser denn?
Ich denke, dass meine These eines „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ bei Heidegger durch die kommenden „Schwarzen Hefte“ gestützt wird. Es gibt darin Äußerungen zur Schoah, auch wenn Heidegger natürlich den Begriff nicht kennt. Mit einer Aussage dazu möchte ich abwarten.

Die Literaturkritikerin Elke Heidenreich hat Heidegger in der Schweizer Fernsehsendung „Literaturclub“ vorgeworfen, er habe die Juden aus Deutschland beseitigt sehen wollen. Stimmen Sie zu?
Nein. Davon habe ich mich auch distanziert. Die Frage ist: Was hat Heidegger gewusst? Man muss sehen, dass Heidegger die antisemitischen Formulierungen während der Judenverfolgung verwendet. Das hat ein größeres Gewicht als beispielsweise bei Nietzsche, bei dem sich ebenfalls antisemitische Äußerungen finden – neben philosemitischen.

Nietzsche aber war 1900 gestorben.
Heidegger muss die Judenverfolgung wahrgenommen haben. 1938 brannte in Freiburg die Synagoge unweit der Universität, an der er lehrte. Er hat auch wahrgenommen, dass Menschen ­emigriert sind. Es gibt allerdings keinen Hinweis darauf, dass er gewusst hat, was in den Vernichtungslagern passiert. Vermutlich wusste er es nicht.

In den bisher veröffentlichten „Schwarzen Heften“ spricht sich ein vehementes Krisenbewusstsein aus. Ist das die Krise des Nationalsozialismus oder betrifft uns diese Diagnose noch?
Beides. Das macht seine kritische Analyse des Nationalsozialismus für viele nicht annehmbar: dass Heidegger ihn als eine Form der Moderne begreift, auch wenn er das Wort nicht benutzt. Er ist überzeugt, dass der Nationalsozialismus eine Endform der Neuzeit und damit auch der Moderne darstellt. Dass er daran den krisenhaften Status auch der Philosophie thematisiert, scheint mir stimmig. Für die Gegenwart nenne ich nur ein Beispiel, das Heidegger selbst wahrscheinlich gar nicht verstanden hätte: Die Alphatiere des akademischen Betriebs listen heute in ihren Lebensläufen bereits die Summen der angeworbenen Drittmittel auf.

„Rechnendes Denken“ lautet ein Hauptvorwurf Heideggers an die Neuzeit.
Tatsächlich muss man sich fragen, was es denn für die Philosophie bedeutet, wenn sie sich maßlos in eine Ökonomisierung integriert, gegen die man von den Philosophen eher Sturm erwarten sollte. Ging es der Philosophie nicht einmal darum, mit all dem zu brechen, was wir sonst so tun? Ich erinnere nur an das Höhlengleichnis: Die Philosophie beginnt bei Platon mit einer Geschichte des Ausbruchs. Dafür gibt es bei solchen Philosophen aber gar kein Bewusstsein mehr. Heidegger hingegen thematisiert genau diese totale Integration der Philosophie in Funktionszusammenhänge, in die sie ihrer Herkunft nach nicht hineingehört oder die sie immer brechen wollte.

Dann wäre Heidegger für Sie der Denker einer kommenden Revolution?
Das vielleicht nicht. Aber es gibt in der gesamten Geschichte der Philosophie seit Parmenides eine Tendenz zu dem, was Heidegger die „Verwandlung“ genannt hat. Dahinter steckt die Überzeugung, dass es eine Wahrheit gibt, die sich nicht einfach in die bestehenden Verhältnisse integriert. Das teilt die platonische Philosophie mit dem Christentum, das teilen die philosophischen Vertreter einer Revolution mit dem religiösen Messianismus. Können wir diese Tradition einfach verabschieden und ausrufen: Das sagt uns nichts mehr? Leben wir in einer Zeit, die so immanent von Technik, Kapital und Medien bestimmt ist, dass es kein Außerhalb mehr gibt, dass wir uns ganz da hinein integrieren müssen, weil es uns vorrangig um soziale Sicherheit geht und es nichts mehr anderes zu denken gibt? An diesem Punkt gibt es für mich bei den zeitgenössischen Denkern wenig Anknüpfungspunkte. Sie tun so, als sei das kein Problem mehr. Heidegger gehört in diese lange, ältere Tradition noch hinein.