SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel
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Thorsten Schäfer-Gümbel - Der Trümmermann

Thorsten Schäfer-Gümbel hat die kaputte Hessen-SPD wieder aufgebaut. Jetzt will er sie in die Regierung führen 

Autoreninfo

Georg Löwisch war bis 2015 Textchef bei Cicero. Am liebsten schreibt er Reportagen und Porträts. Zu Cicero kam er von der taz, wo er das Wochenendmagazin sonntaz gründete. Dort kehrte er im Herbst 2015 als Chefredakteur zurück.

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Roland Koch hat es geahnt. Als halb Deutschland Thorsten Schäfer-Gümbel noch verhohnepipelte, als Doppelnamendümpel mit der Flaschenbodenbrille, als den chancenlosen Kandidaten der aufgeriebenen Hessen-SPD – da hat das Schlitzohr Koch schon gesehen, dass seine CDU einen starken Gegner bekommen hat. „Koch hat ihn nie unterschätzt“, sagt Dirk Metz, einst Regierungssprecher des Ministerpräsidenten und dessen Alter Ego.
 
Im Winter 2008 war die SPD dabei gescheitert, Andrea Ypsilanti mithilfe der Linkspartei zur Ministerpräsidentin von Hessen zu machen. Neuwahlen wurden angesetzt, die SPD schob Schäfer-Gümbel nach vorn. In den 71 Tagen Notwahlkampf musste er sich als Spitzenkandidat verspotten oder bemitleiden lassen.
 
Viereinhalb Jahre später lächeln die Zuschauer auf seinen Veranstaltungen bewundernd, die Politiker in Berlin loben ihn, die Lobbyisten schleimen schon mal. Koch regiert inzwischen den Baukonzern Bilfinger, sein ewiger Innenminister Volker Bouffier durfte doch noch Ministerpräsident werden und tritt bei der Landtagswahl am 22. September an. Nach den Umfragen wird es knapp für CDU und FDP. Die SPD würde zulegen, die Grünen auch. Schäfer-Gümbel, 44 Jahre alt, hat keine schlechten Chancen, Ministerpräsident des Landes zu werden.
 
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Aber als er sich am 18. Januar 2009 im Landtag von Wiesbaden durchs Gedränge des Wahlabends schiebt, da hat er erst mal verloren. Das Gesicht glänzt, die Haare kleben am Kopf, der 1,93-Meter-Mann wirkt erschöpft. Die SPD liegt in Trümmern. Vorne im Fraktionssaal steht er mit Ypsilanti, sie gibt die restlichen Ämter an ihn ab. Schäfer-Gümbel stößt ein paar kämpferische Worte aus, „Minus 18 Grad“, „Winterwahlkampf“. Dann stockt er für einen Moment, er drosselt das Sprechtempo und reduziert die Lautstärke. So kommt Schärfe in seine Worte. „Ich sage sehr klar, dass die Zeit der Spielchen vorbei ist.“ Er droht den Spöttern, er warnt jedoch auch die Genossen. Dann ruft er. „Morgen beginnt die Aufholjagd.“
 
Mai 2013, ein Dienstagvormittag, 11 Uhr, wieder der Fraktionssaal im Landtag von Wiesbaden. Die Tische stehen in Hufeisenform, die SPD-Abgeordneten versammeln sich zur Fraktionssitzung. Eigentlich haben sie schon letzte Woche auf einer Klausur in Leipzig die wichtigen Dinge besprochen. Aber Schäfer-Gümbel, Soldatensohn, lässt keine Sitzung ausfallen. Über dem Kopfende hat der Fraktionschef ein Willy-Brandt-Foto aufhängen lassen, und links hinterm Kopfende stehen nun vier Fahnen: Europa, Deutschland, Hessen, Sozialdemokratie.
 
Er achtet auf Details. Er begrüßt viele Abgeordnete einzeln, reicht der neuen Praktikantin die Hand: „Ah, Sie sind auch aus Gießen. Schön, dass Sie hier sind.“ Er legt das Jackett ab und setzt sich neben Günter Rudolph, den Parlamentarischen Geschäftsführer, ein wuchtiger Mann, den er sich Anfang 2009 ausgesucht hat. Schäfer-Gümbel wurde bei den Parteilinken einsortiert, Rudolph bei den Rechten. Es war die erste Personalentscheidung, mit der sich der Neue auf Abstand zur Ära Ypsilanti brachte. Dann begann er den Wiederaufbau. „Jetzt müssen die Sozis wieder arbeiten“, hat Roland Koch damals gesagt.
 

In der Fraktion hat jeder sein Mikrofon. Wenn ein Abgeordneter es einschaltet, leuchtet ein roter Ring auf. Schäfer-Gümbels Mikrofon leuchtet immer rot, obwohl er schweigt. Er lässt sie. Sie tüfteln Strategien aus, viele melden sich. „Thema setzen“, „Klappe halten“, „dranbleiben“.

Das mag normal klingen, aber die alte Hessen-SPD war anders. Die Abgeordneten lauerten und lästerten, sie sabotierten und torpedierten, sie missgönnten sich noch den kleinsten Erfolg. Nord gegen Süd. Links gegen Rechts. Es war tatsächlich die Zeit der Spielchen: Im Jahr 2008 spielten sie in der SPD in Hessen den Kampf der Systeme nach, als stünde in Berlin die Mauer noch. Sie taten es bis zur Selbstzerstörung.

An diesem Dienstagvormittag reden sie frei. Ungeschützt. Sie hören sich zu. Die Sozis arbeiten wieder. Einer, ein Verfechter von Ypsilantis Plänen und den Kampagnen gegen sie ausgesetzt, fängt von damals an. Er würde es Schwarz-Gelb gern heimzahlen. Nun geschieht etwas Besonderes. Als die anderen ihre Argumente vorgetragen haben, erklärt er in verblüffender Offenheit, dass er gerade seine Meinung geändert hat.

Schäfer-Gümbel hat Vertrauen in die SPD gebracht. Er hat seine Leute zusammen ins Fußballstadion geschleift und neulich in Leipzig auf der Fraktionsklausur in Auerbachs Keller. Zu einer Nachtwanderung auch noch. Er hat Einzelgespräche geführt wie ein Therapeut und sie auf Verschwiegenheit getrimmt. Wer ihn unter Druck setzen wollte, den blockte er ab. „Sortiert sein“, „auf die Reihe bringen“, so redet er gern. Dann streichelt er wieder. In der Fraktionssitzung fasst er die Wortmeldungen zusammen, er nennt sie namentlich, die Judith, die Petra, die Nancy, den Lothar. Und entscheidet. Das machen wir. Das machen wir nicht.

In Schäfer-Gümbel verbindet sich der Führungsstil eines Konservativen mit einem sehr linken Standpunkt. Beides ist in seiner Biografie angelegt.

Rolf Schäfer dient als Soldat im Allgäu. Als sein Sohn Thorsten fünf ist, zieht die Familie nach Gießen, in die Nordstadt, in der Arbeiter und Arbeitslose wohnen. Der Vater fährt Lkw-Touren nach England und Frankreich. Die Mutter geht putzen. Vier Kinder, 75 Quadratmeter, drei Zimmer. Das Schlafzimmer der Eltern ist das Fernsehzimmer der Familie.

Am Nikolaustag 1982 bricht der Vater zusammen. Intensivstation, insgesamt fünf Monate Krankenhaus. Die Mutter ist bei ihm. Thorsten, mit 13 der Älteste, muss die Dinge ordnen für sich und seine Geschwister. Schularbeiten, saubermachen, einkaufen. Das machen wir. Das machen wir nicht. Er muss entscheiden.

„Unsortierte Situationen machen mich kiebig“, sagt er heute. „Genauso wie Leute, die sich nicht an Regeln halten.“

Als Junge in der Schule hat er zu kämpfen. Die Klassenfahrt kostet 400 Mark. Zuschuss des Elternvereins: 40 Mark. Er bleibt daheim. Als der Vater krank ist, schenkt ihm eine Lehrerin seine ersten Bücher. Ein anderer Lehrer lotst ihn aufs Gymnasium. Er macht das Abitur.

Die Schulgeschichten erzählt er bei Auftritten im ganzen Land. „Tischgespräch – ein Abend mit Thorsten Schäfer-Gümbel“. Es ist eine Art Wanderzirkus, vor Ort wird eine Zimmerkulisse aufgebaut, in der ihn eine Moderatorin befragt. In dem Interviewzimmer gibt es ein Bücherregal (Bildung), ein Schanghai-Poster (Weltläufigkeit) und eine Schale mit Frischobst (Vitalität). Ganz schön dicke.

Er will zeigen, woher er kommt. Ein Mann von unten. Das ist dann wieder politisch. Bei wie vielen SPD-Politikern war früher zu Hause das Geld wirklich knapp? Linker als er ist kein Landeschef seiner Partei. Nicht nur, weil er hohe Steuern fordert, sondern weil er mit seiner Biografie die SPD an ihren Ursprung zurückführt.

Als Mitarbeiter des Gießener Sozialdezernats hat er sich um sein eigenes Viertel gekümmert, die Nordstadt. Die Aufgabe ist das Verbindungsglied zwischen der eigenen Geschichte und der Politik.

Die Eigenen gegen die Anderen. Er trennt die Welt. „Der Herr der Ringe“ ist sein Lieblingsbuch. „Es ist die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse“, sagt er. Nach der Fraktionssitzung hält sein Dienst-Audi an einer Ampel. „Was ist gerecht?“, steht auf dem Plakat für eine Veranstaltung des FDP-Landeschefs Jörg-Uwe Hahn. „Das wird sicher ein kurzer Abend“, entfährt es Schäfer-Gümbel. „Da kann ja Herr Hahn nicht viel dazu sagen.“

Aber er beherrscht sich. Kochs Brutalität, Ypsilantis Hybris, die Schlacht um Wiesbaden: Wer das erlebt hat, sagt lieber „Gegner“ als „Feind“. Wer aus den Trümmern kommt, meidet den Krieg. Er sucht die Stabilität. Sein eigenes Gleichgewicht musste er erst finden. Diese Geschichte erzählt er selten. Mit 20, er studiert Agrarwissenschaften, um Entwicklungshelfer zu werden, stimmt etwas mit den Augen nicht. Er geht zum Arzt. Netzhautablösung, Operation, Dunkelheit. Erst nach drei Wochen sieht er wieder. Von da an studiert er Politologie in Gießen. Er darf als Einziger in der Familie an die Uni, aber was soll er damit später anfangen? Mit wem? Er wiegt kaum 70 Kilo in dieser Phase, der 1,93-Meter-Mann.

In einem Geschichtsseminar trifft er 1996 Annette Gümbel. Nach drei Wochen fragt er sie, ob sie seine Frau werden will. Sie will nicht. Erst anderthalb Jahre später macht sie ihm den Antrag. Er nimmt ihren Namen an und ihren evangelischen Glauben dazu. Sie haben drei Kinder; wenn er sie anruft, sagt er: „Allerliebste“.

Sie wirkt pragmatisch, ausgeglichen, eine promovierte Historikerin. Von ihr muss er die Zuversicht haben, das Zutrauen. Sie kommt von einem Bauernhof in Nordhessen. Keine Lust? „Dann machst Du’s eben ohne Lust“ – der Satz stammt von ihrer Mutter. In der Hessen-SPD ist das Zitat zum Standardspruch geworden.

Jetzt hat er Lust. 13:35 Uhr, der Fahrer lässt den Audi über die Autobahn gleiten. Annette ist auf Fortbildung in Berlin. Schäfer-Gümbel telefoniert mit der Kinderfrau in Birklar bei Gießen, wo die Familie lebt. Er hat in der Früh zu Hause vergessen, einen Ablaufplan auf den Tisch zu legen, also gehen sie die Dinge durch. Schule, Reiten, Basketball. Gregor, Svenja, Charlotte. „Maike, ganz herzlichen Dank.“

Er ruft das Büro an. Zwei Termine müssen im Kalender für Reisen freigeräumt werden. Paris und Oslo. Abendessen mit den Botschaftern. Oslo: Besuch bei der Bildungsministerin, Gespräch mit Stoltenberg. Stoltenberg? Der Name des norwegischen Ministerpräsidenten taucht auf wie der eines Bürgermeisters aus der Wetterau. Vielleicht ist die Beiläufigkeit bewusst gesetzt für den Reporter. Das würde auch etwas sagen: Dass er sich wohlfühlt mit dem Erarbeiteten. Früher hat er geschuftet. Familie stützen, Nordstadt aufmöbeln, SPD aufrichten. Jetzt tritt er mit einer Leichtigkeit auf. Er schwelgt sogar. „Wir sind die Verfolger bei der Wahl, gut gelaunte Verfolger“, sagt er.

Marburg. 14:50 Uhr. Ein Sozialprojekt für Arbeitslose, es heißt Bootswerft. In der Werkstatt ist ein Holzboot aufgebockt, das hier Arme für Reiche aufarbeiten. Um das Boot herum verteilen sich sechs Männer in dem großen Raum, dazu ihr Meister, die Geschäftsleiterin, der Spitzenkandidat. Seine Pressesprecherin schießt Fotos. Die Männer wirken verlegen, ein Tätowierter stemmt die Hände in die Hüften. Schäfer-Gümbel umfasst seinen Kaffeebecher mit beiden Händen.

Er versucht die Distanz zu überwinden, sich an sie heranzufragen. Es klappt nicht. Die Distanz bleibt. Er kann sich ihr nur aussetzen. Der Politiker, dunkelblauer Anzug, Ray-Ban im Gesicht, neben dem Arbeitslosen, weiße Arbeitshosen, Tätowierung bis unters Gesicht. Man kann nicht zugleich oben und unten sein.

Marburg. 18:55 Uhr. Bürgerhaus Cappel, der TSG-Wanderzirkus gastiert. Im Nebenraum hakelt ein Mitarbeiter dem Spitzenkandidaten ein Kopfmikro hinters Ohr. Am Fenster gehen Leute vorbei, die sich fein gemacht haben für die Veranstaltung. Im Saal warten schon über 100 Menschen, auf der Bühne ist das Interviewzimmer aufgebaut, die Bücher, das Schanghai-Poster, die Obstschale. Im Nebenraum stellt sich der Politiker abseits. Er sammelt sich, spannt sich, strafft sich. Der Trümmermann will etwas glänzen. 

Hinweis: Es handelt sich hierbei um eine bearbeitete Fassung des Heftartikels.

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