Sigmar Gabriel
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Schüler Gabriel - „Wir nannten ihn Rächer der Enterbten“

Notfalls erzwang Sigmar Gabriel Gespräche beim Direktor. Klaus Drüner, damals Sozialkundelehrer, über den ehemaligen Schulsprecher und heutigen SPD-Chef

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Drüner, Klaus

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Pausbäckig war Sigmar Gabriel als Schüler, er sah ein bisschen wie ein Barockengel aus. Er war ernst, aber immer sympathisch. Gabriel ist ein gutes Beispiel für die Durchlässigkeit des gegliederten Schulsystems. Er war ja erst auf der Realschule und kam in der zehnten Klasse zu uns aufs Ratsgymnasium in Goslar, wo er dann reüssierte und 1979 Abitur gemacht hat. Ich hatte ihn im Sozialkundeunterricht. Wir haben den Nationalsozialismus durchgenommen, den Kommunismus sowjetischer und chinesischer Prägung und vor allem die Vier-Mächte-Verantwortung für Deutschland. Gabriel war extrem wissbegierig, was manchmal den Unterricht in die Länge zog, und ihn in andere Richtungen lenkte, als ich wollte. Oft sprang er auch von Thema zu Thema. Da musste ich manchmal bremsen.

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Er war ein extrovertierter Typ, der sehr gut bei seinen Mitschülern ankam. Er machte in der Schule viel Propaganda für die SPD-nahen „Falken“, bei denen er Mitglied war. Ich glaube, jede Jugendorganisation braucht Typen wie ihn. Weil er es verstand, junge Menschen an sich zu binden. Bei uns wurde er dann Schülersprecher. Wir Lehrer haben uns gefreut, weil Gabriel kein Typ war, der gleich die Schule aufmischen wollte, wie viele seiner Mitschüler. Er hatte zwar viel zu kritisieren, aber das war immer konstruktiv. Ich gebe zu, manchmal war es lästig, wenn Konferenzen kein Ende fanden, weil ihm immer wieder etwas Neues einfiel. Oder seine penetrante Einsatzfreude: gegen Unrecht, aber manchmal eben auch gegen vermeintliches Unrecht. Im Lehrerzimmer nannten wir ihn scherzhaft „Rächer der Enterbten“ oder auch „Erzengel Gabriel“.

Einmal wollte er zum Direktor vordringen. Aber dem passte es gerade nicht, deshalb sagte er Gabriel, er solle einen Termin im Sekretariat ausmachen. Was machte Gabriel? Er klopfte einfach noch mal. Da kam der Direktor wieder raus und rief: „Ich habe Ihnen doch gesagt, es passt gerade nicht!“ Aber noch bevor er die Türe wieder zuknallen konnte, hatte Gabriel schon seinen Fuß in den Türrahmen geklemmt. So war er.

Als ich neulich in der Zeit las, dass sein Vater überzeugter Nazi gewesen sei, war ich erschüttert. Das wussten wir alle nicht. In der Schulzeit trat nur seine Mutter in Erscheinung, und die war besonders nett. Wenn ich ihn heute im Fernsehen sehe, erkenne ich meinen damaligen Schüler sofort wieder. Obwohl mir manchmal scheint, ihm fehlt intellektuelle Tiefe. Ich verstehe schon, dass die SPD ihn noch nicht aufs Schild gehoben hat. 

In der Cicero-Serie „Mein Schüler“ zur Bundestagswahl spürt Constantin Magnis Lehrer unserer Spitzenpolitiker auf

 

 

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