Finanzminister Wolfgang Schäuble (l.) und Dirigent Daniel Barenboim diskutierten, was gute Führung ausmacht
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Schäuble und Barenboim - Führung macht einsam

Beim Cicero-Foyergespräch über die „Kunst des Führens“ verriet Wolfgang Schäuble, dass seine Leute ihn anfangs für einen Europa-Romantiker hielten. Star-Dirigent Daniel Barenboim kritisierte Israel für das Einfrieren der Friedensgespräche

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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Wer führt, ist allein. Diese Erfahrung haben Finanzminister Wolfgang Schäuble und Dirigent Daniel Barenboim beim 19. Cicero-Foyergespräch im Berliner Ensemble geteilt.

„Es gibt eine Distanz zwischen dem Kollektiv und demjenigen, der die letzte Entscheidung treffen muss“, sagte der Pianist Barenboim bei der Matinée zum Thema „Die Kunst des Führens“ am Sonntag. Dieser Führungsmoment sei ein „sehr einsamer“. Ein Künstler finde aber bei seinem Publikum eine Kompensation.

Auch als Politiker könne man einsam sein, bestätigte Schäuble. Für gute Führung brauche man zwar die richtige Mischung aus Mut und Demut. „Aber man darf auch nicht so feige sein, dass man nicht entscheidet.“ Das sei der größte Fehler in der Politik.

Am Rande des Foyergesprächs, das Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke und Kolumnist Frank A. Meyer moderierten, versammelten sich wenige Demonstranten. Wolfgang Schäuble war zuletzt wegen des Vergleichs Putins mit Hitler in die Kritik geraten. Die Protestler warfen dem Bundesfinanzminister vor, „Verarmungsprogramme“ zu verantworten und bezeichneten ihn als „Architekt der europäischen Krisenpolitik“. Das vorherige Cicero-Foyergespräch mit Thilo Sarrazin war ausgefallen, weil Demonstranten die Bühne des Theaters gestürmt hatten.

Schäuble: „Alle sagen, wir müssen Europa führen. Warum?“


Schäuble selbst berichtete, zu Beginn seiner Amtszeit als Finanzminister für seinen Führungsstil in der Eurokrise eher gegenteilige Kritik provoziert zu haben. „Selbst in meiner eigenen Fraktion haben viele gesagt, der ist so romantisch, der ist nur Europäer und denkt nicht an Deutschland.“ Schäuble hatte seinem Ministerium zuvor die Anweisungen gegeben, bei der Lösungssuche auch eine europäische Sichtweise einzunehmen. „Denn deutsche Interessen sind nicht das Gegenteil von europäischen Interessen.“

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Der CDU-Politiker distanzierte sich zugleich von der Forderung einer deutschen Führungsrolle in Europa. „Alle sagen, wir müssen Europa führen. Warum?“ Auch den Wunsch, Kanzlerin Angela Merkel hätte erst einmal Europa in einer größeren Rede erklären sollen, sieht er skeptisch: „Der Effekt wäre, Europa hätte es ohnehin anders gemacht.“ Deswegen habe Merkel einen anderen Politikstil gewählt.

Schäuble sieht seinen persönlichen Erfolg in der Eurokrise darin begründet, dass er „nicht als deutscher Schulmeister“ auftrete. Deswegen akzeptierten die europäischen Länder viele seiner Vorschläge. „Man kann Verhandlungen nur führen, wenn man seinen Verhandlungspartner versteht“, betonte der dienstälteste Bundestagsangehörige. „Und nicht, wenn man sich die ganze Zeit fragt, wie kann ich ihn über den Tisch ziehen.“

Barenboim versteht Israel nicht


In genau dieser Selbstüberschätzung sieht Daniel Barenboim eine Ursache für den andauernden Nahost-Konflikt. Sowohl Israel als auch Palästina seien so überzeugt von ihrer eigenen Position gewesen, dass sie geglaubt hätten, diese würde sich am Ende der Gespräche durchsetzen. „Daran sind alle Verhandlungen gescheitert.“

Zugleich kritisierte Barenboim den jüdischen Staat für das Aussetzen der Friedensgespräche nach dem Schulterschluss zwischen den Palästinenserorganisationen Fatah und Hamas. „Ich verstehe die israelische Regierung überhaupt nicht.“ Es sei schließlich die radikal-islamische Hamas, die auf die gemäßigte Partei von Mahmud Abbas zugegangen sei.

Daraufhin hatte Israels Premier Benjamin Netanjahu weitere Verhandlungen abgelehnt. „Statt sich für Frieden zu entscheiden, hat Abbas ein Bündnis mit einer mörderischen Terrororganisation geschlossen, die Israel vernichten will“, hatte er gewettert.

„Der jüdische Traum ist in Gefahr“


Barenboim verurteilte diese Entscheidung: „Warum kritisiert man, statt zu sagen, wir freuen uns auf Verhandlungen, wo ihr nun mit einer Zunge sprecht?“ Der Gründer des Orchesterprojekts „West-Eastern Divan“, das unter anderem Musiker aus Israel und Palästina vereint, warnte vor den Konsequenzen einer solchen Politik. Die strategischen Fehler der unterschiedlichen israelischen Regierungen hätten einen Punkt erreicht, „an dem ein großer Teil des jüdischen Traums in Gefahr gekommen ist“.

Der gebürtige Argentinier und Sohn russisch-jüdischer Eltern sieht noch weitere Parallelen zwischen der Musik und der Politik. „Ich brauche eine strategische Idee, wie ich mit der Dynamik umgehe, sonst habe ich alle 12 Takte Höhepunkte. Alle großen Leute sind Strategen; wenn sie mittelmäßig sind, sind sie nur Taktiker.“

Mit Blick auf die manchmal schwierige Meinungsvielfalt in einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft sagte Barenboim: „Das ist wie die Minderheit der Schlagzeuger – das sind immer die lautesten.“

Autorität alleine reicht nicht


Es sei aber nie der Dirigent, der den Klang produziere, sondern das Orchester. „Ich kann das hier demonstrieren.“ Barenboim hob seinen Arm und ließ ihn kraftvoll sinken. „Hören Sie was?“, fragte er in die Stille. „Das ist kein Witz. Oft vergessen die Dirigenten das.“ Ein Orchesterleiter könne bestenfalls erreichen, dass die Musiker im selben Moment das Gleiche denken.

Ob das Kanzlerin Angela Merkel auch so mache, um Gefolgschaft bei ihren Leuten herzustellen, fragte Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke.

Schäuble wich aus: „Die Große Koalition ist ein eigenes Problem.“ Aber in einer Fraktion sei es ähnlich: „Das sind alles Menschen, die Eigeninteressen und Fähigkeiten haben.“ In bestimmten Situationen müssten sie aber alle gemeinsam Position beziehen. „Das kriegen Sie mit Autorität alleine nicht hin. Da müssen Sie überzeugen“, sagte der Politiker mit mehr als 41 Jahren Parlamentszugehörigkeit.

Auf die Frage, wie Barenboim das musikalische Tempo der Kanzlerin beschreiben würde, antwortete Barenboim mit Witz: „Allegro ma non troppo – nicht schleppend, aber auch nicht eilend.“

Das vollständige Foyergespräch erscheint gedruckt in der Juni-Ausgabe des Magazins Cicero und als Video auf der Cicero-App.

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