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Porträt - Die Verwandlung des Alexander Dobrindt

Erst wurde Alexander Dobrindt Generalsekretär der CSU. Dann bezwang er seinen Körper und machte die Grünen nieder. Jetzt wird er Verkehrs- und Internetminister. Sein Befehlshaber ist Horst Seehofer. Ein aktualisiertes Porträt

Autoreninfo

Georg Löwisch war bis 2015 Textchef bei Cicero. Am liebsten schreibt er Reportagen und Porträts. Zu Cicero kam er von der taz, wo er das Wochenendmagazin sonntaz gründete. Dort kehrte er im Herbst 2015 als Chefredakteur zurück.

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In der Nacht zum 9. Februar 2009 in Peißenberg Kreis Weilheim-Schongau beginnt ein Prozess, an dessen Ende die CSU triumphieren wird, die Grünen am Boden liegen und der Politiker ­Alexander Dobrindt vom oberbayerischen Fettsack zum feinen Berliner Herrn mutiert ist. Auf Dobrindts Handy meldet sich der CSU-Chef und Ministerpräsident: Horst Seehofer. Er hat bis halb eins gebraucht. Wenn man den Bundeswirtschaftsminister Michael Glos wegmobben und den Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg auf dessen Posten setzen muss, kann es spät werden, bis man zur Generalsekretärsnachfolge kommt. Seehofer fragt den jungen Abgeordneten, der in seiner Bundestagszeit auf demselben Stock sein Büro hatte. Dobrindt.

Herbst 2013, Berlin. Nach einer Verhandlungsrunde um die Große Koalition verlässt Seehofer das Willy-Brandt-Haus. Er wirkt aufgekratzt, als wäre die SPD-Zentrale seine Stammwirtschaft. Neben dem 1,93-Meter-Trumm schwirrt ein Schwarm Leibwächter und Referenten. Sie konzentrieren sich auf den Chef. Aber neben ihm läuft ein Mann im taillierten Nadelstreifenanzug, der sich ein eigenes Lächeln leisten kann: Alexander Dobrindt, 43, er hat die Kampagne geleitet, die die CSU in einen Rausch führte. Jetzt organisiert er in einer Steuerungsgruppe die Verhandlungen von CDU, CSU und SPD. Er sagt: „Ich muss dafür sorgen, dass es kontrolliert abläuft.“

Seehofer weist Dobrindt an, er solle auf eine Nachricht am nächsten Morgen warten. „Mach, was in der SMS steht.“

In den vier Jahren als Generalsekretär hat sich Dobrindt verändert. Er agierte zunehmend aggressiv. Im November 2010 tobte Stuttgart 21, die Grünen reüssierten. Er nannte sie den „politischen Arm von Krawallmachern, Steinewerfern und Brandstiftern“. Politischer Arm, darin stecken viele Assoziationen. Nordirland, IRA, Terror.

Das Amt des CSU-Generalsekretärs verlangt Attacken. So war es immer. Der Ministerpräsident muss auch Staatsmann sein. Der Generalsekretär verkörpert CSU pur. „Er muss die anderen niedermachen, bis sie liegen“, sagt ein CSU-Politiker, der sich auskennt. Vielen Generalsekretären wurde die Rolle zur zweiten Natur. Dobrindt würde sie ausschalten können, sobald sie ihm nichts mehr nützt.

„Ich habe eine Leidenschaft, Dinge an einem Reißbrett zu konstruieren“, sagt er. Strategisches Ziel, inhaltlicher Kern, assoziative Kraft. Für Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, dachte er sich den Begriff „Falschmünzer“ aus.

Die SMS trifft um 5.30 Uhr ein. „Komm in die Landesleitung.“ Die Landesleitung ist die CSU-Zentrale in München. Seehofer schreibt nicht, wann ­Dobrindt da sein soll. Also fährt er lieber gleich los.

Dobrindt hat Soziologie studiert. Demoskopische Daten analysiert er bis ins Detail. Früh hat er den Hauptgegner erkannt. Diagnose: „Der einzige Weg von den linken Parteien aus ins bürgerliche Lager einzudringen, waren die Grünen.“ Ziel: Eine Brandmauer errichten. Therapie: Entfremdung. Er setzte die Grünen als Gegner des Ehegattensplittings in Szene, ihr Programm als Orgie der Steuererhöhungen. Die Grünen prozessierten sogar dagegen. Das machte Dobrindts Kampagne richtig groß, dann verloren die Ökos auch noch vor Gericht.

Er erkannte, dass die Pädophilen in der Grünen-Vergangenheit die ideale Story sind, um bürgerliche Wähler abzuschrecken. Den Politiker Volker Beck bezichtigte er ohne Faktengrundlage als „Vorsitzenden der Pädophilen-AG“. Beck gewann vor Gericht, es verbot Dobrindt die Äußerung – nach den Wahlen.

Er kommt in die Landesleitung. Er wartet. Schließlich trifft Dorothee Bär ein, sie soll Vize-Generalsekretärin werden. Dann ist auch Guttenberg da.

Dobrindt hat sich auch äußerlich verändert. In der Anfangszeit kauerte er schwer in den Sesseln der Fernsehstudios, guckte aus Ritzen, die Wangen glänzten schwartig. 2011 beschloss er die Modernisierung seines Körpers. Die Lust auf Süßes ersetzte er durch die Lust auf Disziplin. Minus 20 Kilo. Slim fit. Abenteureruhr mit Lederarmband. Weihnachten 2011 kaufte er eine dunkel gerahmte Brille, die Marke hieß Krass. Er ist leicht kurzsichtig, die alte Brille brauchte er vor allem zum Sehen beim Autofahren. Die neue braucht er auch für das Aussehen. Die Augen wirken groß und freundlich und nachdenklich, wenn er zuhört. Ein eleganter Mann, der Drecksarbeit sauber verrichtet.

Seehofer betritt den Raum. Er schenkt sich Kaffee ein.

Erzählt Dobrindt von den Stunden, als ihn Seehofer zu seiner rechten Hand machte, spürt man seine Faszination für die Macht. Aber was will er? Was hat ihn in die Politik gebracht? Auf entsprechende Fragen nennt er Strauß und Kohl. Er leiht sich die Leidenschaft von ihnen, von zwei Politikern, die ausrasten konnten. Als Kohl einmal mit Eiern beworfen wurde, ging er auf die Angreifer los. Als Dobrindt Eier abkriegte, sagte er kalt, man solle das nicht überbewerten.

Seehofer sagt: „Du wirst Wirtschafts­minister, du Generalsekretär, du stellvertretende Generalsekretärin.“

Jetzt kam für Dobrindt der nächste Befehl: Er wird Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Lesen Sie auch den Blogbeitrag von Christian Jakubetz, der erklärt, warum wir uns über den neuen Internetminister freuen sollten.

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