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Demokratie in Gefahr - Der Populist appelliert an den gesunden Menschenverstand

Kolumne Grauzone: Jeder Politiker möchte populär sein, aber bloß nicht populistisch. Zwischen beidem ist es oft nur ein schmaler Grat. Was aber ist „Populismus“, der sich doch eigentlich als nah am Volk versteht, und was macht ihn so gefährlich?

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Januar erschien von ihm „Entfremdet. Zwischen Realitätsverlust und Identitätsfalle“ bei zu Klampen.

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Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Populismus. Aber wie das so ist mit Gespenstern: Sie sind schwer zu packen. Manche meinen sogar, es gäbe sie gar nicht. Und auch hinsichtlich der Gefährlichkeit gehen die Meinungen auseinander. Handelt es sich vielleicht um eines jener harmlosen kleinen Nachtgespenster, die niemandem etwas zu leide tun, außer man ärgert sie?

Nicht ganz. Denn eines ist sicher: Mit einem kleinen Gespenst haben wir es nicht zu tun. Dafür sind die Wahlerfolge von FPÖ und Front National, von Schwedendemokraten, Wahren Finnen und Dänischer Volkspartei, von UKIP und AfD zu deutlich und zu nachhaltig. Und von den Linkspopulisten, die nicht nur in Südeuropa Wählerstimmen an sich binden, haben wir noch gar nicht gesprochen.

Doch wie gesagt: Gespenster sind schlecht zu fassen, das liegt in ihrer Natur. Im Falle des Populismus liegt das auch daran, dass kaum jemand Populist sein will. Populisten, das sind immer nur die anderen. Was in einer Demokratie ein wenig eigenartig ist. Denn natürlich müssen demokratische Politiker nah am Volk, am „Populus“ sein, sonst hätten sie ihren Job verfehlt.

Was macht eine politische Rede populistisch?


Feinsinnigere Geister unterscheiden daher zwischen populär und populistisch. Nach dieser Lesart ist der seriöse demokratische Politiker populär, ohne dabei populistisch zu sein. Wie aber macht man das?

Eine vertrackte Sache. Das liegt schon daran, dass sich der Vorwurf des Populismus auf ganz unterschiedliche Dinge beziehen kann. Etwa auf die Rhetorik, also die Wortwahl und die Art der Argumentation. Oder auch auf politische Inhalte, auf Lösungsvorschläge und Programme.

Bleiben wir zunächst bei der Sprache: Was macht eine politische Rede populistisch? Im gewissen Sinne gibt das Wort „populistisch“ schon den Hinweis: Es muss sich um eine Art und Weise handeln, die volkstümlich ist oder sich an das Volk richtet. Und da sich der potenzielle Volksvertreter der Massenmedien bedienen muss, um sich an das Volk zu wenden, muss seine Ansprache einfach sein. Man könnte daher sagen: Ein Populist ist jemand, der komplexe Zusammenhänge vereinfacht und verkürzt darstellt.

Das allein ist allerdings noch kein Fehler. Im Gegenteil. Jeder Kognitionspsychologe würde darauf hinweisen, dass Denken genau das ist: Komplexitätsreduktion. Zudem sind Parteitage keine Uni-Seminare. Wahlkampf ist Werbung. Die aber besteht aus Parolen. Auch die Reden von Angela Merkel oder Sigmar Gabriel fallen selten durch übergroße Komplexität auf.

Die Vereinfachungen des Populisten müssen also ganz spezifischer Natur sein. Er vereinfacht, wenn man so will, in grob vereinfachender Weise, während der solide Politiker in seriöser Weise vereinfacht.

Vereinfachen, Emotionalisieren


Das klingt natürlich etwas schwammig. Daher kann man an dieser Stelle häufig hören, der Populist spreche gezielt die Gefühle der Menschen an, ihre Ängste und Vorurteile.

Klingt gut. Allerdings agieren auch angeblich unpopulistische Parteien nicht immer mit messerscharfem Verstand. Egal, ob Energiewende, Ausstieg aus der Atomkraft, Mütterrente oder Rente mit 63. Die dafür vorgebrachten Argumente waren alles Mögliche, ganz sicher aber nicht das Ergebnis kalter Rationalität.

Nein, allein über die Rhetorik – Vereinfachen, Emotionalisieren – kommt man dem Phänomen des Populismus nicht näher. Bleibt die Frage, ob es nicht spezifische populistische Inhalte gibt.

Natürlich gibt es Themen, die von Parteien, die unter Populismusverdacht stehen, bevorzugt aufgegriffen werden. Wir kennen sie alle. Doch Vorsicht! Der Vorwurf des Populismus eignet sich gerade deshalb auch als Totschlagargument, als rote Karte, mit der man missliebige politische Konkurrenten vom Spielfeld verweisen kann.

Systematische Aufkündigung des rationalen Diskurses


Diese Form der Verwendung der Wortes „Populismus“ sollten wir aus unserem politischen Vokabular streichen. Sie ist einer offenen Demokratie unwürdig und sie sagt nichts aus. Eine politische Überzeugung wird nicht dadurch falsch, dass irgendein Schlauberger sie als populistisch brandmarkt. Richtig wird sie dadurch allerdings auch nicht.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man „Populismus“ nicht definieren kann. Es ist gibt ein einfaches, bezeichnendes Kriterium: Der wirkliche Populist definiert sich nämlich über seinen Adressaten. Seine Botschaft richtet sich immer an die gefühlte schweigende Mehrheit, die durch eine Clique von Politikern, Bürokraten und Medienleuten systematisch desinformiert und politisch bevormundet wird.

Populisten verbreiten ein manichäisches Weltbild: hier das Licht, das klarsichtige Volk, dort die Finsternis, die herrschenden Mächte, die systematisch lügen und verfälschen, so verstand der Gründer des Manichäismus, der Perser Mani, seine Philosophie. Die Feinde des Populisten sind die gesellschaftlichen Eliten oder was er dafür hält. Deshalb appelliert er an die angeblich Bodenständigen und ihren gesunden Menschenverstand, auch wenn es sich bei Lichte betrachtet um cholerische Querulanten handelt.

Und hier liegt die eigentliche Gefahr des Populismus: In der systematischen Aufkündigung des rationalen Diskurses und der Etablierung eines wirren Sektierertums, das auf Dauer die Demokratie gefährdet – allerdings auf eine ganz andere Art und Weise, als die alltäglichen Mahner und Warner vermuten.

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