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(picture alliance) Glück ist, wer mehr hat als sein Nachbar

Wohlstandsbegriff - Deutschland sucht sein Bruttoinlandsglück

Ganzheitliches Denken, Nachhaltigkeit, Öko-Bewusstsein sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und damit auch in der Politik. Deswegen macht man sich dort auf die Suche nach einer neuen Definition des Wohlstands

Om Shanti, liebe Wählerschaft, Friede sei mit dir. Es gibt wirklich Wichtigeres als Pendlerpauschale, Betreuungsgeld, Steuererhöhungen. Liebe zum Beispiel. Liebe und Freundschaft. Die Familie. Kommt, wir machen eine Runde Yoga im Garten. Die Sonne scheint.

Wäre das nicht schön, könnte sich die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung mal auf ähnlich ungewohnte Weise an ihre Schäfchen richten? Nicht immer an den schnöden Mammon denken, sondern an das wirklich Wichtige im Leben? Nicht das Bruttoinlandsprodukt im Kopf haben, sondern das Glück der Menschen in Deutschland?

„Liebe Sonne, liebe Erde, Euer nie vergessen werde“, trällert unsere Tochter beschwingt am Abendbrottisch und wehe, wir, die Eltern, stimmen nicht voller Inbrunst mit ein, halten uns an den Händen und danken der Erde für unser reiches Mahl. Selber Schuld, möchte man sagen – was schickt ihr Euer Kind auch in einen Waldorfkindergarten. Aber es ist wirklich toll dort, die Zwergenbetten, das Kräutersalz auf der Reiswaffel, zu Ostern werden Gräser gepflanzt. Alles unter Einbeziehung der Natur. Nachhaltigkeitsdenken in den Kinderschuhen.

Die Welt steht im Wandel. Ein paar Indizien: Nicht nur verschärfte Ökofaschisten und Esoteriker schicken ihre Kinder in die alternative Kinderbetreuung, sondern Webdesigner und Versicherungsmakler, Banker schließen sich der Occupy-Bewegung an, Daniel Cohn-Bendit verkündet stolz im Spiegel-Interview, dass sein Sohn als Investmentbanker eines Tages einen Haufen Kohle scheffeln wird und auch unsere kühl-protestantische Kanzlerin scheint in ihrer Politik einen Hauch von hollywoodesker Erdenrettung anzupeilen.

Es geht um die Modernisierung einer wirtschaftlichen Größe, ohne die Staatenlenkung in diesen Breitengraden eigentlich bislang nicht denkbar war: das Bruttoinlandsprodukt. Dieses BIP steht schon länger im Verdacht, nicht ganz richtig zu funktionieren. Es ist ein Paradox, soll es doch den WOHLstand im Land anzeigen. Dabei wird es von einem nationalen Unglück erst in die Höhe getrieben: Eine Naturkatastrophe etwa wie Überschwemmungen nach sintflutartigen Regenfällen lässt die Aufräumkosten anschwellen – und das BIP gleich mit dazu.

Eine Enquete-Kommission des Bundestages soll deswegen in den kommenden drei Jahren eine Ergänzung für seine bisherige Berechnung erarbeiten. Vorbild dieser Überlegungen ist Bhutan. Es ist das Land mit den glücklichsten Menschen der Erde, glaubt man den staatseigenen Berechnungen des „Bruttosozialglücks“, dessen Einführung sich einst König Jigme Singye Wanghchuk ausgedacht hat. Bei der Berechnung des buthanischen Brutto-Glücks soll ein Gleichgewicht zwischen materiellem Fortschritt und spirituellem Wohlergehen hergestellt werden.

Bhutan tut das mit einem Fragebogen der Regierung, die Dinge wissen will wie „Können Sie acht Stunden am Stück schlafen und fühlen sich morgens fit?“ oder „Müssen Sie mehr als sieben Stunden am Tag arbeiten?“ Soziale Faktoren, Fragen der Korruption, der persönlichen Freiheit – all das wird herangezogen zur Berechnung des Bruttosozialglücks.

Dafür interessieren sich jetzt auch die Vereinten Nationen, die vor einigen Tagen Bhutans Premierminister Jigmi Y. Thinley, eingeladen hatten, um das Modell seines Landes vorzustellen. Er durfte den Wirtschaftsmächten in New York einmal die Leviten lesen, ihnen vor die Füße knallen, dass sie sich auf einem Holzweg befinden: Dass zügelloses Wachstum auf einem Planeten mit eingeschränkten Ressourcen keinen wirtschaftlichen Sinn mehr mache, dass wir „unverantwortlich, unmoralisch und selbstzerstörerisch“ handeln.

Die Welt ist also auf der Suche nach neuen Maßstäben. Die Glücksforschung als Teil der Wirtschaftswissenschaften boomt. Auch in Frankreich suchen weise Menschen wie die Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen nach einer neuen Glücksformel, Großbritannien hat sich ebenso auf diesen alternativen Jakobsweg begeben wie Deutschland, wo die Enquete-Kommission Erleuchtung bringen soll.

Ob das alles etwas bringt? Ob sich ein Land wie Deutschland tatsächlich ein Beispiel nehmen kann an einem Staat wie Bhutan, in dem 70 Prozent der Menschen als Bauern leben? Um das Glück dieser Buthanesen zu steigern, reicht häufig ein neuer Reiskocher, die Ansprüche in Deutschland sind höher.

Selbst im noch so liebevoll behüteten Waldorfkindergarten bricht das Elend des sozialen Zusammenlebens regelmäßig über die Kleinen herein. Arthur* beißt, Hedwig* heult, Moritz* zürnt und will die Eisenbahn nicht abgeben. Dazu passt am Ende doch eher die Erkenntnis des amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin, der bereits 1974 über das Glück nachdachte und zu dem Schluss kam: Glücklich ist, wer mehr hat als sein Nachbar. So einfach, so wahr, so unesoterisch.

*Namen von der Redaktion geändert