Jürgen Habermas
() Jürgen Habermas
Der Wertkonservative

Der Philosoph Jürgen Habermas erhielt Anfang August den „Europa-Preis für politische Kultur“ der Hans Ringier Stiftung. Anlass für seinen einstigen Mitarbeiter Tilman Spengler zu einem essayistischen Porträt aus zehn Punkten.

Lesen Sie auch: Jürgen Habermas: Der Intellektuelle 1. „Aber was bedeutet ‚triftig‘?“, will der chinesische Student wissen. Er sagt das Wort noch einmal sehr vorsichtig auf Deutsch, es ist keines, das einem Chinesen besonders leicht von der Zunge geht. Der junge Mann zeigt auf sein Notizbuch, wo er das Adjektiv niedergeschrieben hat. „Herr Professor Habermas hat in seinem bedeutenden Vortrag viele Male von ‚triftigen Gründen‘ gesprochen. So klug wie er hat in Peking noch niemand geredet. Aber was ‚triftig‘ bedeutet, habe ich im Wörterbuch nicht gefunden.“ 2. Es gibt zurzeit auf dieser Erde wohl keinen philosophischen Kopf, dessen Werk durch so breite und so tiefe Wurzeln gekennzeichnet ist wie das von Jürgen Habermas. Und es gibt, um im botanischen Bild zu bleiben, wohl auch keinen, dessen Wirken weitere Schatten geworfen hat. Wer sich heute in Europa oder Amerika, in Japan, Australien oder eben auch an chinesischen Universitäten in China mit Gesellschaftstheorie, Sprachphilosophie, Vernunftkritik, Ethik, praktisch allen Feldern auseinandersetzt, in denen es um die Frage geht, was das Besondere an unserer menschlichen Gesellschaft sei – und nicht weniger um die Frage, was dieses Besondere sein sollte –, wird an den Schriften von Habermas nicht vorbeikommen. Jedenfalls dann nicht, wenn es akademisch seriös zugehen soll. 3. Habermas wurde 1929 geboren. Er gehört damit zu jener Generation von Deutschen, die Krieg und Nationalsozialismus noch miterlebten, ohne als Täter in die Geschehnisse schuldhaft verstrickt zu werden. Es ist dieselbe Generation, zu der auch Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und Günter Grass zählen, um nur einige der prominenten Altersgenossen aufzuführen. Über Jahrzehnte bestimmten sie maßgeblich das Denken über Deutschland und das deutsche Denken über die Welt. Männer und (wenn auch bedeutend weniger) Frauen, für die Deutschlands historischer Weg in die Katastrophe zur Zielbestimmung ihrer politischen und intellektuellen Orientierung wurde. Das schuf publizistische Vormachtstellungen und damit die entsprechenden Neider. Erst vor zwei Jahren versuchte ein berühmter, inzwischen verstorbener Historiker Habermas selbst in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken. Die Attacke war so schäbig wie intellektuell dürftig, verriet aber viel auch über die Feinde, die sich der Philosoph durch seine Einlassungen über die Jahre seines öffentlichen Wirkens gemacht hat. Denn Habermas ist ebenso wenig ein milder Denker wie ein farbloser Debattierer. In den entscheidenden politischen Debatten der Bundesrepublik hat er sich deutlich zu Wort gemeldet, zentrale wissenschaftliche Auseinandersetzungen gehen auf seine engagierten Wortmeldungen zurück. 4. Ein sehr deutscher Philosoph, nämlich Martin Heidegger war für Jürgen Habermas die erste Schlüsselgestalt. Heideggers tragische Deutung der menschlichen Existenz überführte er aber nach wenigen Jahren aus der Vorstellung eines gleichsam zeitlosen, schicksalhaften Verhängnisses in die Not gesellschaftlicher, also von Menschen angerichteter Verhältnisse, die ein Vorher und ein Nachher kennen. Von hier war der Weg zu einem anderen deutschen Philosophen, zu Karl Marx nicht mehr allzu weit. Wie es der sorgfältigen akademischen Art von Habermas entspricht, erfolgte die philosophische Aneignung über eine intensive kritische Auseinandersetzung. „So verfährt er mit allen Denkern, die ihm etwas bedeuten“, sagte später ein Kollege, „er verschlingt sie nicht, nein, erst filetiert er, dann seziert er die gehaltvollsten Teile. So macht er sie sich für seine eigene Arbeit nutzbar. Man kann viele seiner Bücher, besonders aber das Hauptwerk, die ‚Theorie des kommunikativen Handelns‘ auch als brillante Einzelanalysen seiner berühmtesten Vorläufer heranziehen.“ 5. In jungen Jahren, so erzählen Zeitgenossen, habe sich der Philosoph auch als Dramatiker versucht. Wenn es davon noch Zeugnisse gibt, so liegen sie der Öffentlichkeit nicht vor. Was vielleicht bedauerlich ist. Wenn man sich im Nachhinein ein Theaterstück von ihm wünschte, so müsste es am Frankfurter Institut für Sozialforschung spielen. Dort wurde Habermas 1956 Assistent von Theodor W. Adorno, dort umfing ihn der Geist der von Max Horkheimer und eben Adorno begründeten „Frankfurter Schule“, dort begegnete er auch Herbert Marcuse, dem später für die Studentenbewegung so bedeutenden Sozialphilosophen. Am Institut für Sozialforschung, schon deshalb wäre uns das Theaterstück so willkommen, herrschten noch die ehernen Umgangsformen der deutschen Ordinarienuniversität, einschließlich der sorgsamen Pflege der Talare. Diese fest gefügten Formen standen in einem wunderlichen Gegensatz zu dem hochmodernen Denken, das hier gepflegt wurde, der Haltung des kritischen Hinterfragens, der berühmten Geste der Negation und des Nichtaffirmativen, wie einige der beliebten Losungen der Zeit lauteten. Hier war die Welt alles, was der Kopf ist. Auch Dürrenmatt hätte die Konstellation gefallen, deren ganze Sprengkraft sich dann ab Mitte der sechziger Jahre in der hektischen Revolte der Studenten entlud. 6. Diese Revolte hielt anfangs für Habermas die Rolle des glühend verehrten Propheten bereit. War nicht er es gewesen, der sich schon lange vehement für eine Reform, eine Demokratisierung des deutschen Hochschulwesens eingesetzt hatte? Hatte nicht Habermas immer wieder betont, dass Partizipation, also Mitbestimmung das zentrale Element der Demokratie sei? So viel zu den politischen Forderungen. Nicht weniger attraktiv erschien den aufbegehrenden Studenten eine Strategie, die sie aus der Autorität der akademischen Arbeiten von Habermas glaubten ableiten zu können. In mehreren Untersuchungen, die 1968 in den Band „Erkenntnis und Interesse“ mündeten, hatte der Philosoph den Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Fragestellungen und außerwissenschaftlichen Zielen zum Thema gemacht und erklärt, in der Erkenntnistheorie sei eine wertfreie Haltung unmöglich. Wenn es aber keine zweckfreie Erkenntnis gibt, so folgerten manche übereifrige Zuhörer aus den Vorträgen von Habermas, dann lauten die wichtigen Fragen unseres Studiums nicht: Was kann man wissen? Oder: Wie kann ich etwas erkennen? Sie lauten stattdessen: Für wen möchte ich etwas wissen? Und: Wem nutzt, was ich weiß? Das waren gewiss nicht durchweg törichte Fragen, doch sie führten bald in ein Dickicht halbakademischer Vorstädte, manchmal auch Slums, deren Ortstafeln „proletarische Wissenschaft“ hießen oder „Kritik der bürgerlichen Wissenschaft“, sehr vereinzelt auch schon „feministisches“, häufiger noch „repressionsfreies Denken“. Der Ton wurde rauer, die Auseinandersetzungen nahmen an Heftigkeit zu, in den Hörsälen und Seminaren auch der Frankfurter Universität kam es zu grellbunten Szenen, deren Bilder uns das Fernsehen auch heute noch gerne zeigt. Das konnte Habermas’ Sache schon deshalb nicht sein, weil der Philosoph in allen akademischen Belangen ein zutiefst in der Wolle gefärbter, sorgsam auf die höchste intellektuelle Seriosität achtender Wertkonservativer ist, dem nichts fernerliegt als die Figur des großen Vereinfachers. Raufereien mag er auch nicht sonderlich. Dennoch war es überraschend, als er den Vertretern des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, den Vorwurf machte, sie betrieben „Linksfaschismus“. 7. „Diesen Ausdruck hat Habermas sehr solidarisch zurückgenommen und politisch bedauert“, sagte ein paar Jahre später Rudi Dutschke, der an den Starnberger See gekommen war, um Herbert Marcuse zu besuchen. Marcuse verbrachte damals einige Wochen als Gast an dem von Habermas (zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker) geleiteten Max-Planck-Institut in Starnberg. So trafen drei Namen zusammen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen und Generationsprägungen zu Chiffren für den wohl bedeutendsten soziokulturellen Bruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte standen. Dutschke war noch immer deutlich gezeichnet von den Verletzungen, die ihm sein Attentäter 1968, zehn Jahre zuvor, zugefügt hatte. Aber wenn er fast singend und heftig jede Silbe betonend Wörter wie „solidarisch“ oder „politisch“ aussprach, schien die Zeit mit Geisterhand zurückgedreht. Die aktuellen Themen naturgemäß auch. „Habermas hat etwas, was ich an ihm bewundere“, sagte Dutschke eines Abends, nachdem wir Marcuse in sein Hotel begleitet hatten, „in den politischen Auseinandersetzungen hat er seine Forderungen nie radikal und immer pragmatisch begründet. Es führt eine direkte Linie von Habermas zur Heiligen Theresa, als diese sagte: Bewahre uns Gott vor den erhörten Gebeten.“ 8. Das Institut, das Jürgen Habermas mit C.F. von Weizsäcker in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre leitete, hieß mit vollem Namen Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, was nicht nur in der Telefonzentrale für Verdruss sorgte. Das Institut war auf mehrere Gebäude in Starnberg verteilt, C.F. von Weizsäcker residierte in einem schlossähnlichen Gebäude, das Anfang des Jahrhunderts von dem berühmten Architekten Riemerschmid entworfen worden war. Das Büro von Habermas befand sich hingegen in einer ehemaligen Fabrik auf dem Weg von Starnberg zum Kloster Andechs, eine Lage, die genauso zu billigen Scherzen reizte wie der Umstand, dass in dem Gebäude zuvor Prothesen hergestellt worden waren. Die Max-Planck-Gesellschaft ist Deutschlands erste Adresse für die Förderung von Grundlagenforschung. Sie beruft herausragende Wissenschaftler als Direktoren, die um sich Mitarbeiter scharren dürfen, deren primäre Aufgabe darin besteht, diese Direktoren bei der Verfolgung ihrer Neugier zu unterstützen. Die Erkenntnisinteressen der Direktoren Habermas und von Weizsäcker waren weit gefächert: In Starnberg wurde darüber geforscht, wie Kinder Sprache erlernen und wie Jugendliche moralisch urteilen. Es wurde verfolgt, wie archaische Gesellschaften Rechtsnormen ausbildeten und wie sich Sprechakte in der Sprache der Logik abbilden lassen. Fragen über die ökonomische Bestimmung der Technikentwicklung wurden bearbeitet und Strukturprobleme einer Gesellschaft, die sich am Ende, vielleicht aber auch erst am Anfang ihrer spätkapitalistischen Phase befindet. Über Globalisierung wurde diskutiert, lange bevor es diesen Begriff gab, die Militärstrategie der Nato wurde analysiert und verworfen, ein neues System zur Berechnung des Bruttosozialproduktes entworfen. Und wer glaubte, auf den Wissenschaftlerkonferenzen, die in regelmäßigen Abständen die Mitarbeiter im Seminarraum zusammenriefen, jetzt vielleicht die Welt verstanden zu haben, dem bewies eine Gruppe von Physikern unbarmherzig das Gegenteil. 9. Das Auge von Habermas ruhte nicht mit gleichem Wohlgefallen auf jedem einzelnen der Projekte, die in Starnberg betrieben wurden. Für ein Institut, in dem der Begriff „herrschaftsfreier Diskurs“ das Licht der Öffentlichkeit erblickte, wurde überraschend häufig ein sehr lauter Ton angeschlagen, fielen wissenschaftliche Urteile nachgerade brüsk, bisweilen auch verletzend aus. Das muss vielleicht so sein, wenn (fast ausschließlich männliche) Eliten einander demonstrieren müssen, dass sie zu Recht auf dem Platz sitzen, den sie gerade einnehmen. Viel wichtiger aber war, dass schon durch die virtuelle Allgegenwart von Habermas unter den Mitarbeitern ein geistiges Klima entstand, das Trägheit weder im Denken noch im Publizieren duldete. „Jeder Mitarbeiter schien einen unsichtbaren Raben auf der Schulter zu tragen“, erinnerte sich die Witwe von Herbert Marcuse, „einige der Tiere schienen richtig schwer zu sein, andere eher leicht zu flattern.“ Es entstand, auch daran sei erinnert, zudem ein hauseigener Sprachstil, der die Angehörigen des Instituts erfolgreich davor schützte, von ihrer schlichteren Umwelt spontan und widerspruchsfrei verstanden zu werden. Nicht jeder versteht eben Raben. „Interessant, dass man das alles auch so ausdrücken kann“, sagte viele Jahre später der künftige Kanzler Gerhard Schröder. 10. Soziologen forschen über das Besondere und über das Gleichartige in einer Gesellschaft und wie diese beiden Phänomene widerspruchsfrei zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Das ist ein wissenschaftliches, es ist aber auch ein moralisches Problem: So wie wir darüber streiten, was wahr ist, streiten wir auch darüber, was gerecht ist. Worauf es ankommt, lehrt Habermas, ist Regeln zu finden, die alle akzeptieren, wenn es ans Streiten geht. Vom Gedanken grundlegender Wahrheiten oder eines absolut Guten und Schlechten müssen wir uns verabschieden. Das postuliert einer, der sich aufs Streiten versteht. Die erste große Auseinandersetzung galt seinem Ziehvater Heidegger, die (vorerst) letzte keinem Geringeren als Papst Benedikt XVI. Damit ist zeitlich ein Bogen beschrieben, der über fast ein halbes Jahrhundert reicht, thematisch ein Feld, in dem die wichtigsten wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Zündkapseln der jüngeren Geschichte aufgespürt werden können. Wenn Habermas sich einmischt, steigt das Niveau einer Debatte. Auch dafür, das wollen wir dem chinesischen Zuhörer versichern, gibt es triftige Gründe. Foto: Picture Alliance

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