Auch Schüler werden in die „One earth, one family, one future“-Kampagne Indiens eingebunden / dpa

G20-Gipfel in Neu-Delhi - Indien setzt auf leichte Unterhaltung in schweren Zeiten

Indiens G20-Präsidentschaft wird nicht für ihre wegweisenden Beschlüsse im Gedächtnis bleiben, sondern als Inklusionsveranstaltung aus der Perspektive des Globalen Südens. Der Ukraine-Krieg wird dabei bestmöglich ausgeblendet, was Indien-Kenner nicht verwundert.

Autoreninfo

Dr. Adrian Haack hat Politikwissenschaften in Hannover, Warschau und Göttingen studiert und als Außenpolitischer Referent im Deutschen Bundestag gearbeitet. Haack leitet das Büro der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Neu Delhi und beschäftigt sich im Schwerpunkt mit der Außen- und Sicherheitspolitik auf dem Subkontinent sowie der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens.

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Die indische Regierung ist um den Zeitpunkt ihrer G20-Präsidentschaft nicht zu beneiden. Die G20 waren noch nie ein Gremium der leichten Kompromisse, doch sie sind momentan verfeindet wie nie zuvor. Xi und Putin erscheinen nicht zum G20-Gipfel und stimmen per se keinem Kommuniqué zu, in dem die Ukraine erwähnt wird. Andere G20-Staaten – darunter Deutschland – haben im Vorfeld deutlich gemacht, dass sie keinem Kommuniqué zustimmen werden, das die Ukraine unerwähnt lässt. Also wenig Aussicht auf einen Kompromiss.

Die indische Regierung hat sich deshalb dazu entschlossen, den Krieg konsequent zu ignorieren und der Ukraine keine Plattform zu bieten. Stattdessen hat sich Delhi für eine farbenfrohe „One earth, one family, one future“-Kampagne entschieden, in der auf über 200 Veranstaltungen viel Folklore geboten wurde. Die G20-Streetfood-Festivals und Plakate von den Flughäfen bis in die Slums erinnern eher an eine Expo oder Olympia. Rikschas wurden von ihren Fahrern mit dem G20-Logo bemalt, und beim Friseur spricht man über Indiens neue Rolle in der Welt.

Dass die Präsidentschaft schlicht rotiert, weiß kaum jemand. Was bleibt, ist ein G20-Enthusiasmus, der alle gesellschaftlichen Schichten erfasst hat. Indien ist weltoffener geworden. Anders als beispielsweise die russische Gesellschaft, die sich in ein nationalistisches Paralleluniversum zurückgezogen hat. In vielen Ländern regiert der „starke Mann“. Modi hingegen inszeniert sich trotz Indiens schierer Größe nicht als Machtmensch. Im direkten Vergleich mit Charakteren wie Xi oder Putin und bei über einer Million indischer Soldaten ist es ein Glücksfall, dass Modi anscheinend nicht als Feldherr in die Geschichtsbücher eingehen möchte. Die Inder versammeln sich hinter „one earth, one family“. 

Ein konstruktiver Ansatz

Da Indien die Rolle als Vermittler im Krieg gegen die Ukraine konsequent umschiffen möchte, präsentiert sich das Land stattdessen als Sprachrohr des sogenannten Globalen Südens. Man holt die Vertreter des „Globalen Südens“ mit an den Tisch und hat ein offenes Ohr. Indien nimmt dabei die Rolle eines Moderators ein und achtet darauf, nicht auf die Seite der Zahler zu geraten. In verschiedenen Themenbereichen von Klimaschutz über Food Security bis Global Health soll inhaltliche Vorarbeit geleistet werden, auf der die kommenden Präsidentschaften von Brasilien und Südafrika aufbauen können.

 

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Ein konstruktiver Ansatz, der zugleich den Druck aus der Entscheidungsfindung nimmt. In Deutschland neigt man dazu, lediglich auf Ergebnisse zu blicken, doch das ist die Perspektive eines Landes, das nie marginalisiert war. Die Mehrheit der Staaten der Welt sitzt nicht im Raum, während andere über ihre Zukunft bestimmen. Sie müssen mit den Konsequenzen leben und sind doch nur Zuschauer der internationalen Bühne. Für viele andere Staaten von Afrika bis Zentralasien ist die G20-Präsidentschaft Indiens deshalb ein Meilenstein. Indien hat ihnen zugehört. Wer sonst ungehört bleibt, weiß dies – unabhängig vom Resultat – zu schätzen.

Indien füllt ein Vakuum, das der westliche geprägte Multilateralismus gelassen hat und das Moskau und Beijing schon lange entdeckt haben. Dieser Aspekt wird oftmals übersehen und lässt sich von G20 auch auf BRICS und die SCO übertragen. Es ist auch aus westlicher Sicht besser, wenn die Inder dabei sind, als wenn sie China und Russland das Feld überlassen würden. Deshalb sollte der Westen Modis Vorschlag, die Afrikanische Union in die G20 aufzunehmen, frühzeitig unterstützen. Besser, dieses Vorhaben wird in den afrikanischen Hauptstädten mit Indien assoziiert, bevor China diese Forderung kapert.  

Kritik sollte fair bleiben

Wer die indische Präsidentschaft kritisieren möchte, findet mehr als genug Angriffsfläche. Doch Kritik sollte fair bleiben: Indien ist dem Ende des Ukraine-Krieges nicht nähergekommen. Das war auch nicht zu erwarten, selbst wenn Indien es versucht hätte. Dieser Krieg wird zum jetzigen Zeitpunkt auf dem Gefechtsfeld entschieden. Die Ukraine benötigt Marschflugkörper und keine G20-Kommuniques. Seien wir ehrlich: G20 ist für den Ausgang des Krieges irrelevant.

Wahr ist auch, dass die Regierungspartei BJP G20 für eine steuerfinanzierte Modi-Show kurz vor den Wahlen genutzt hat. Das kann die indische Opposition durchaus kritisieren. Von außen kann man aber auch zu dieser handwerklich erstklassigen Kampagne, die bei über 1,4 Milliarden Menschen für Weltoffenheit und internationale Kooperation geworben hat, gratulieren. Schließlich wird diese G20-Präsidentschaft auch nicht für ihre wegweisenden Beschlüsse im Gedächtnis bleiben. Sie wird als eine inklusive G20-Präsidentschaft in Erinnerung bleiben.

Inklusion ist meistens nicht effektiv – sie ist ein Wert an sich. Indien hat die G20 als offenen und unverbindlichen Gesprächskreis mit viel Blumenschmuck interpretiert. Der Krieg wurde bestmöglich ausgeblendet, was Kenner der indischen Außenpolitik nicht verwundert. Indien setzt auf leichte Unterhaltung in schweren Zeiten. Mehr ist im Jahr 2023 mit Russland und China am Tisch auch nicht wirklich möglich.

 

Oliver Schulz im Gespräch mit Ben Krischke
Cicero Podcast Politik: „Wenn wir sagen: ,Indien verstehen‘ - welches Indien meinen wir dann?“

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Walter Bühler | Mi., 6. September 2023 - 20:16

... viel Geduld und viel Glück.

Und ich wünsche mir von der deutschen Delegation, dass sie versucht, sich im Ausland einigermaßen anständig zu benehmen und - so gut sie es eben kann - den Indern zu helfen, Gespräche zwischen den entfremdeten Regierungen zu ermöglichen.

Die penetrante und neokolonialistische deutsch-grüne Rechthaberei sollte mal in den Hintergrund treten.