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(picture alliance) Frauen bei Protesten in Ägypten

Unterdrückung - Frauen, die Verlierer der arabischen Revolution

Die arabische Revolution sollte die Frauen vom patriarchalischen Joch befreien. Doch das Gegenteil ist geschehen: Unterdrückung und Sexualisierung feiern fröhliche Urstände.

Der arabische Frühling stand in voller Blüte, auf dem Kairoer Tahrir-Platz herrschte ein Gefühl des Zusammenhalts, des Stolzes und der Zuversicht. Die Frauenrechtsaktivistin Nihad Abu el Komsan erlebte, wovon sie lange träumte: Stärker als je zuvor sind ägyptische Frauen politisiert, engagieren sich, erheben ihre Stimme. El Komsan, die 39-jährige Juristin und prominente Leiterin des ägyptischen Zentrums für Frauenrechte (ECWR), gibt sich optimistisch: „Was bleibt mir übrig, dafür waren die Tage auf dem Tahrir-Platz zu intensiv.“ Wie so viele andere Frauen hat auch sie in jenen Tagen ihr Leben riskiert, denn niemand konnte ahnen, wie die Demonstrationen verlaufen würden.

Heute sieht Nihad Abu el Komsan ihre Ernte in Gefahr. Die Revolution hat die Bedingungen für ihren Kampf um die Rechte der Frauen verändert. „Sie sind schlechter geworden“, sagt sie. Andere Aktivistinnen sehen die Rechte der Frauen „auf dem Nullpunkt“ angekommen. Das Frühlingshoch, der Glaube, Frauen könnten beim Aufbau eines neuen Ägyptens eine Rolle spielen, war nur von kurzer Dauer. Erst strich der neu regierende Militärrat die Zahl der weiblichen Kabinettsmitglieder zusammen und ignorierte dann die – auch vom Westen unterstützte – Forderung, Frauen bei der Ausarbeitung der Übergangsverfassung zu beteiligen. Eine Demonstration zum „Internationalen Frauentag“ auf dem Tahrir-Platz wurde von etwa 200 Männern angegriffen, die Demonstrantinnen würden beschimpft, betatscht, verschleppt. Die Armee stand untätig daneben. Erst am Tag darauf schlug sie zu: An gleicher Stelle verhaftete sie demonstrierende Frauen, nötigte etliche zu Jungfräulichkeitstests, folterte mit Elektroschlägen.

„Ich weiß, dass ich gefährlich lebe, aber ich habe keine Angst“, sagt el Komsan. Sie lasse sich nicht einschüchtern, auch nicht durch anonyme Morddrohungen. Die bekam sie, nachdem sie sich vehement dagegen ausgesprochen hatte, Frauen das Recht auf Scheidung – das ihnen seit dem Jahr 2000 zusteht – wieder zu verweigern. In der Gruppe der Verheirateten unter 30 Jahren scheitert heute fast jede zweite Ehe. Dass diese Entwicklung vor allem den Islamisten missfällt, ist beileibe kein Geheimnis. Deren Prediger propagieren ein Leben wie zu Zeiten des Propheten Mohammed; Frauen attestieren sie einen zu schwachen Charakter, um wichtige Entscheidungen selbst treffen zu können.

Seit Ende der siebziger Jahre schwappt die radikal-islamische Ideologie der Wahhabiten von Saudi-Arabien nach Ägypten, in ein Land, in dem Frauen sich schon früh Rechte erkämpft hatten – auf die Teilnahme an Wahlen, auf eine gute Ausbildung, auf den Abschied vom Kopftuch. Der Gesichtsschleier war – außer bei den Beduinen – dort nie Sitte. Er kam erst ins Land infolge der Ölmilliarden, mit denen das saudische Königshaus die Ausbreitung des radikalen Wahhabismus finanziert, und mit den ägyptischen Gastarbeitern, die ideologisch durchdrungen aus Saudi-Arabien in ihre Heimat zurückkehrten. „Niqab ist das Ergebnis politischer und nicht religiöser Ziele“, sagt Nihad Abu el Komsan, selbst gläubige Muslima und Kopftuchträgerin.

Unter der Herrschaft Husni Mubaraks hielten sich die Wahhabiten in Ägypten noch politisch zurück, seit seinem Sturz stoßen sie mit einer Großinitiative ins ägyptische Machtvakuum. Ihre Tiraden gegen Demokratie und unverschleierte Frauen erobern die Moscheen und das Fernsehen. Ihre Anhänger überfallen Kirchen, Sufi-Schreine und Frauen. Ihre religiösen Führer bilden Parteien. Das Militärregime lässt sie gewähren. „Wir kämpfen im Zentrum eines Sturms“, sagt Nihad Abu el Komsan, „und versuchen von innen heraus unser Land vor der Übernahme durch diese Leute zu bewahren.“

Im ganzen Land finden sich Menschen zu politischen Bewegungen zusammen, oft entstanden aus den Bürgerwehren, die seit der Revolution ihre Wohngegend vor Schlägern und Plünderern schützen. Sie wollen etwas tun – für Ägypten und für sich, nur wissen viele nicht wie und mit welchem Geld. Solche neuen Initiativen besucht el Komsan, erklärt die Demokratie und warum der Wandel Frauen braucht, um das korrupte System der Männerbünde aufzubrechen. „Und häufig sagen sie mir dann, die Wahhabiten seien auch schon da gewesen.“ Die Islamisten bieten die einfacheren Antworten im nachrevolutionären Chaos. Sie locken mit Geld. Und sie haben Vorarbeit geleistet.

Frauen im schwarzen Ganzkörperschleier und langbärtige Männer tauchen im Straßenbild von Kairo und Alexandria auf. Vor allem aber macht sich mit dem Wahhabismus ein anderes Phänomen im Land bemerkbar: Es äußert sich in einem lustvollen Stöhnen, einer anrüchigen Bemerkung oder einer klaren Offerte. Es zeigt sich in der unbekannten Hand, die sich im Sammeltaxi auf das Knie einer Frau legt, im Gedränge an ihren Busen grapscht oder noch zudringlicher wird.

Über 60 Prozent der ägyptischen Männer geben zu, Frauen sexuell zu belästigen. Gewiss haben solche Auswüchse viele gesellschaftliche Ursachen – das späte Heiratsalter, die Armut, die Ungerechtigkeit –, „doch die Wurzel des Problems ist, dass sich unser Bild von den Frauen gewandelt hat“, sagt Ägyptens Starliterat Alaa al Aswani („Der Jakubijan-Bau“), der seit Jahren in seinen Kolumnen vor der „intrusiven Krankheit“ warnt, dem Phänomen der sexuellen Belästigung. Wie andere Vertreter der ägyptischen Intellektuellen sieht auch al Aswani den Grund für diesen Wandel im Wahhabismus: „In Wahrheit sieht diese Ideologie in Frauen nur ihren Körper, den Sex, die Quelle der Versuchung und ein Mittel, um Kinder zu produzieren.“

Doch auch das Selbstbild der Frau hat sich durch die Unkultur der Belästigung geändert: Es sexualisiert den Blick auf sich selbst. Es vermittelt ein Gefühl, als Körper und nicht als Mensch wahrgenommen zu werden, nur aus Po und Brüsten zu bestehen. Es vermittelt das Gefühl, dass sich die eigene Sittlichkeit in erster Linie in der Kleidung manifestiert. Nach der Sittlichkeit aber wird in weiten Teilen der ägyptischen Gesellschaft der Wert einer Frau bemessen.

Selbst im Frauenabteil der Kairoer U-Bahn ist der Druck zu spüren, den die schwarz Verschleierten ausüben: Hier die Reinen, da die Nutten. Nur noch etwa jede zehnte Ägypterin muslimischen Glaubens verlässt ohne Kopftuch oder Schleier das Haus. Über 80 Prozent der Ägypterinnen glauben, dass die Schuld für sexuelle Übergriffe bei den Frauen selbst liege, in der Art und Weise, wie sie sich kleiden. Das ist auch die offensiv propagierte Theorie der Wahhabiten – und sie ist falsch. Studien belegen: Es macht keinen Unterschied, wie eine Frau sich verhüllt, jede ist betroffen.

Von einer „Verschleierung des Bewusstseins“ spricht die Grande Dame der ägyptischen Frauenbewegung, die 80jährige Schriftstellerin Nawal al Saadawi. Begünstigt durch die tiefen Wurzeln des Patriarchats in arabischen Gesellschaften, so ihre Kernthese, sorgen fundamental-religiöse Lehren dafür, „dass Frauen zu ihren eigenen Feinden werden“.

So kämpfen Frauen, die nach der Revolution in die Politik streben, auch gegen Vorurteile bei der eigenen Klientel, die ihre Ambitionen als „unislamisch“ abtun. Doch auch al Saadawi will nicht in Betracht ziehen, dass die Frauenpower, die sie auf dem Tahrir-Platz euphorisierte, wirkungslos bleiben könnte: „Der Aufbruch hat begonnen“, sagt sie voller Überzeugung.

Schließlich gibt es – was oft übersehen wird – einen Mann, der für viele Millionen Frauen in allen arabischen Ländern und allen fundamentalistischen Strömungen zum Trotz den Aufbruch vorbereitet hat. Sein Name ist Muhannad, er hat stahlblaue Augen und ist der Erzfeind der Wahhabiten. Muhannad gibt zu, vorehelichen Sex gehabt zu haben. Er spricht offen davon, dass seine Cousine eine Abtreibung hatte. Er schenkt seiner Frau Noor Rosen und unterstützt ihre Karriere als Modedesignerin.

„Noor“ ist die erfolgreichste Fernsehserie, die es je in der arabischen Welt gab und Muhannad ihr Hauptdarsteller – über die Hälfte der Frauen zwischen Iran und Marokko schaut sich die türkische Produktion an. Auch Hasni Achmed. Seit drei Jahren verfolgt die Beduinin aus einem kleinen Ort auf der Sinai-Halbinsel jeden Abend den Alltag des Paares, das eine Kombination von Tradition und Moderne vorlebt. Und genau wie Noor will auch die 28-jährige Hasni Achmed etwas aus ihrem Leben machen. Wie alle Frauen ihres Stammes verlässt sie nur verschleiert das Haus. Dass es in ihrer Welt nicht Sitte ist, dass Frauen arbeiten, Auto fahren oder auch nur im Supermarkt einkaufen, wollte ihr partout nicht einleuchten. So setzte sie sich ins Auto und fuhr los. Sie hat ihre männliche Verwandtschaft dazu gebracht, derlei Akte der Selbstständigkeit zu akzeptieren, hat auch andere Frauen in ihrem Ort hinters Steuer gebracht und ein Jurastudium begonnen. „Das Problem ist, dass Frauen gar nicht auf die Idee kommen, mit den Männern zu reden“, sagt die resolute Vorkämpferin. „Dabei können Frauen vieles besser, auch die Politik.“ Nach Abschluss ihres Studiums will Hasni Achmed für das ägyptische Parlament kandidieren und den Schleier ablegen: „Ich stelle mir vor, dass die Leute sehen wollen, mit wem sie es zu tun haben.“

Was die Zukunft für Ägyptens Frauen bringen wird, wohin das Kräftemessen zwischen säkularen und islamistischen Gruppierungen führt, wollen auch die klügsten Experten nicht prognostizieren. Bis zum Redaktionsschluss war noch nicht einmal klar, ob die Parlamentswahlen wie geplant im September stattfinden.

Sicher ist: Militärregimes verzichten ungern auf ihre Macht, und im Fall Ägyptens scheint den Machthabern eine starke fundamental-religiöse Bewegung gelegener zu kommen als eine demokratische. Offensichtlich ist auch: Während Husni Mubarak mit der Einführung von mehr Rechten für Frauen gerade den Westen von seinem Unterdrückungsregime ablenken wollte, verzichten die neuen Herrscher auf diese Kosmetik. Zuletzt haben sie die Frauenquote im Parlament gestrichen. Entmutigen lassen will sich Nihad Abu el Komsan davon aber nicht: „Wir dürfen nicht verzweifeln und nicht übersehen: Es gibt auch viele Männer im Land, die uns unterstützen.“

Doch ihr Anteil wird schrumpfen. Die Regierung Saudi-Arabiens hat jüngst verkündet, allen Gastarbeitern, die länger als sechs Jahre im Land sind, keine neue Arbeitserlaubnis auszustellen. Dann werden etwa 1,5 Millionen Ägypter, die wie so viele vor ihnen durchdrungen sein werden vom Wahhabismus, in ihre Heimat zurückkehren.

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