Zwölf Millionen für Göring

Die NS-Verstrickung deutscher Unternehmen ist noch immer nicht umfassend aufgeklärt. Auch auf dem Namen Reemtsma liegt ein brauner Schatten. Der Historiker Erik Lindner erforschte das schwere Erbe der Familie – und sprach darüber ausführlich mit Jan Philipp Reemtsma.

Zigaretten des Unternehmens Reemtsma
() Zigaretten des Unternehmens Reemtsma
Am Elbuferweg bei Blankenese, eines Sonntags im Jahre 1958: Unwirsch befördert der ältere Herr mit seinem Gehstock ein leeres Zigarettenpäckchen vom Wegesrand ins Unterholz. Der ihn begleitende Junge registriert die Szene, sie bleibt haften, jahrzehntelang. Sie ist ein Symptom für die detailversessene Entschiedenheit des Vaters. Den Spaziergang machen der 64-jährige Philipp Fürchtegott Reemtsma und sein bald sechsjähriger Sohn Jan Philipp. Der fein gekleidete Herr ist der Kopf der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH & Co.KG. Die dominierende Figur einer ganzen Industrie kann es nicht dulden, dass zufälligen Passanten eine Packung der Konkurrenz unter die Augen kommt. Weg damit! Zum Wohle von „Ernte 23“, „Peter Stuyvesant“, „Salem“ und „Senoussi“. Philipp F.Reemtsma gibt kein Pardon, obwohl sein Marktanteil in der Bundesrepublik bei über 44 Prozent liegt. Schließlich hatte man mal mehr: Vor dem Krieg rauchten die Deutschen zu zwei Dritteln Zigaretten des Konzerns aus Hamburg-Altona. Tempi passati! „Kampf um Kampf“ lautet das Motto des 1893 geborenen Philipp F.Reemtsma. Mit 30 Jahren beginnt er den Sturm gegen die zahlreichen etablierten Konkurrenten. Schon ein Jahrzehnt später ist er der „König der Zigarette“. Mithilfe seiner Brüder Hermann und Alwin ist dies dem kühlen Rechner gelungen, assistiert vom Tabakexperten David Schnur, dem Verkaufstalent Kurt Heldern und dem Werbestrategen Hans Domizlaff. Wie schaffen es die rastlosen Reemtsmas, mit ihren Zigaretten in aller Munde zu sein? Ihr wichtigstes Erfolgsgeheimnis ist die Entwicklung der tabakbedingt bislang geschmacklich variierenden Orient­zigarette zu einem Markenprodukt, das eine stets gleich schmeckende Tabak­mischung enthält. Begleitet durch sachlich informierende Werbung erreicht man die Bindung des Rauchers an eine Sorte des überschaubaren Reemtsma-Angebots. Der Motor der Entwicklung ist die stetig steigende Nachfrage nach Zigaretten. Da auch immer mehr Frauen zu rauchen beginnen, verdoppelt sich zwischen 1914 und 1933 der Konsum auf 33 Milliarden Stück im Jahr (gegenüber etwa 100 Milliarden heute). Während einige Hersteller exorbitant verdienen, scheitern Hunderte. Entweder verschlafen sie den Maschinisierungstrend, oder sie werden von den wachsenden Kosten für Tabak, Vertrieb und Werbung erdrückt. In Dresden, Berlin und Hamburg, den Zentren der Zigarettenbranche, liegen Gewinn und Verlust mitunter nur wenige Straßen auseinander, unabhängig von Erfahrung und Firmengröße. Ab 1929 triumphieren die Reemtsmas dank modernster Fabrikations- und Vertriebsmethoden. Dennoch ist der Vollblutkaufmann Philipp F.Reemtsma mit dem Erkämpften nie zufrieden. Der ausgebuffte Newcomer rollt die Konkurrenz weiter auf, auch im Geheimen, durch Übernahmen und Absprachen. Da die Geschäftspolitik nicht immer den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns folgt, entsteht eine erste Ambivalenz: Während die Konsumenten die Reemtsma-Marken schätzen, hat die Familie in der Branche ein negatives Image. Vielen Fabrikanten und Händlern erscheint der Aufstieg der Reemtsmas skrupellos, ja skandalös. Verleumder und Erpresser gehen die Firma an. Es kommt zu spektakulären Prozessen. Zusätzlich entdecken die Nazis schon vor 1933 die Möglichkeit, den erbitterten Verdrängungswettbewerb in der Zigarettenbranche wegen der beteiligten internationalen Konzerne und jüdischen Unternehmer für ihre Wirtschaftspropaganda zu instrumentalisieren. Auch Reemtsma hat jüdische Partner und Führungskräfte, an der Spitze Schnur und Heldern. Zur ernsthaften Bedrohung für den Marktführer aus Hamburg-Altona wird die 1929 in Dresden gegründete Firma Sturm. Ihr NS-orientierter Inhaber Arthur Dressler möchte die Marken „Trommler“, „Alarm“ und „Neue Front“ zu Standardzigaretten der SA machen. Dafür soll den Schlägertruppen Ernst Röhms eine Prämie gezahlt werden: Je mehr Sturm-Umsatz, desto höher die Prämie. Da die SA keine Mitgliedsbeiträge erhebt, sondern von Zuwendungen der NSDAP abhängt, kommt der paramilitärischen Organisation diese Finanzierungsidee wie gerufen. Fortan agitiert das wachsende Heer der Braunhemden geschäftstüchtig gegen die etablierten Hersteller, vor allem gegen Reemtsma. Den Erfolg fördert, dass die SA-Mitglieder geradezu zum Rauchen von Sturm-Zigaretten genötigt werden. Im Zentrum Berlins, im Juni 1932: Philipp F.Reemtsma frühstückt mit seiner Frau Gertrud und dem Architekten Martin Elsaesser. Sie sind in Berlin, um Einrichtungsstücke für ihr neues Haus in Hamburg-Othmarschen auszusuchen. Der Bauherr wollte einen Superlativ, und Elsaesser schuf ein kubisches Bauensemble in atemberaubender Dimension, die größte je in Deutschland im Stil der Moderne gebaute Villa. Reemtsma verabschiedet sich und geht ins Hotel Kaiserhof, wo der Parteichef der ­NSDAP logiert. Mit Adolf Hitler, dessen Assistenten Rudolf Hess und Parteiverlagschef Max Amann will Reemtsma über Anzeigenaufträge verhandeln. Die Nazis sind im Aufwind, Heinrich Brüning ist gestürzt, die Weimarer Republik geht ihrem Ende entgegen. Doch Reemtsma und die Parteiführung haben ein Problem: Aufgrund der antisemitischen Polemik gegen den Zigarettenhersteller erscheinen keine Reemtsma-Anzeigen in der darbenden NS-Parteipresse. Während die NSDAP die lukrativen Aufträge braucht, da die fortwährenden Wahlkämpfe des politischen Entscheidungsjahres jede Menge Geld kosten, will der Fabrikant die rauchenden Nazis nicht der Konkurrenz überlassen. Hitler herrscht Reemtsma an, vor allem wegen David Schnur. Reemtsma hält dagegen, die über seinen Tabakeinkäufer und Partner abgeschlossenen Handelsverträge würden sogar der deutschen Exportwirtschaft auf dem Balkan zugutekommen. Schließlich einigt man sich pragmatisch: Reemtsma darf Anzeigen schalten, zunächst im Volumen von einer halben Million Mark. Das nützt beiden Seiten. Der Fabrikant, der auch in Blättern von KPD oder SPD und in bürgerlichen Zeitungen inseriert, erreicht mehr potenzielle Kunden. Und die braune Hetzpresse wird dank der ab Sommer 1932 verstärkten Markenartikelwerbung endlich profitabel. ­Reemtsma ist nicht der erste namhafte Inserent im Völkischen Beobachter, aber eine Sogwirkung für andere Unternehmen wie Mercedes Benz, Audi oder Asbach Uralt ist erkennbar. Die Ambivalenzen mehren sich: Die Reemtsmas sind beklommen, wenn es um die Nazis geht. Wirkliche Berührungsängste haben sie aber nicht. So tritt Alwin Reemtsma, der Jüngste des Brüder-Trios, im November 1933 in die SS ein. Er ist am ehesten dem Nationalsozialismus zugetan. Die beiden Älteren drücken sich am Rande herum, wie Philipp durch die Mitgliedschaft im NS-Kraftfahrkorps. Doch zum Wohle des Unternehmens machen die Reemtsmas alles. Von zentraler Bedeutung ist ein Hilfsgesuch an Hermann Göring. Philipp F.Reemtsma übermittelt wenige Monate nach Hitlers „Machtergreifung“ dem zweitwichtigsten Nazi die Bitte, etwas gegen die lästigen Anti-Reemtsma-Attacken von SA und preußischer Justiz zu tun. Während die SA sogar gewalttätig gegen Händler vorgeht, die Zigaretten des „verjudeten“ Konzerns anbieten, ermittelt die Justiz wegen angeblicher Korruption in der Weimarer Zeit. Der preußische Ministerpräsident Göring tut den Unternehmern aus dem preußischen Altona den Gefallen. Er schlägt Anfang 1934 das Verfahren nieder, verlangt allerdings im Gegenzug drei Millionen Mark – angeblich für Theater, Wald und Wildbestand. Reemtsma zahlt, widerstrebend. Ist das Bestechung des höchsten preußischen Beamten, oder wird die Familie wie eine Kuh vom Usurpator gemolken? Nach dem Krieg stellt ein Richter fest, es habe sich um eine „gewünschte Erpressung“ Reemtsmas gehandelt. Egal, 1934 hilft die geschmeidig werdende Verbindung ungemein. Die Justiz lässt die Firma in Ruhe, und die SA verliert nach dem Mord an Röhm ihre Gefährlichkeit. Als dann auch noch Reemtsmas jüdische Partner emigrieren, gibt es endlich freie Hand. Während sich die Firma alle Mühe gibt, dem Regime als mustergültig zu gefallen, pflegt die Familie die Nähe zu einer Reihe seiner Institutionen und Repräsentanten, sei es der Hamburger Gauleiter, das Propagandaministerium oder eben Göring. Im Juni 1936 kommt dieser bei einem Besuch Hamburgs in die Villa des Zigarettenkönigs und steigt sogar ins Schwimmbad, in Ermangelung einer mitgebrachten Badehose nackt. So viel Nähe spricht sich herum und überdeckt, dass Reemtsma vor 1933 mit Max Brauer und Heinrich Brüning die Demokratie unterstützt hatte. Nicht nur vordergründig sind die Reemtsmas seit April 1933 pragmatisch und angepasst. Dennoch kommt es zu exponierten Gratwanderungen, die ein anderes Bild ergeben. Geschickt lotet vor allem Philipp F.Reemtsma Spielräume aus, die durch massive NS-Parteispenden und eine ab 1935 jährlich an Göring gezahlte Million erkauft sind: Die Firma unterstützt jüdische Zigarettenindustrielle und eigene Angestellte bei der Emigration, was den Nazis ein Dorn im Auge ist. Und Hermann F.Reemtsma fördert den verfemten Ernst Barlach, präsentiert dessen Skulpturen in seinem Haus. Ist das Chuzpe eines sturen Kunstfreunds oder ein auf Spenden gegründetes Selbstbewusstsein? Während Alwin bei der SS gut gelitten ist – 1939 verleiht ihm Heinrich Himmler den SS-Ehrendegen –, reüssiert Philipp in Aufsichtsgremien von Deutscher Bank, Reichsbank und Henkel sowie als „Wehrwirtschaftsführer“. Töchter und Söhne in Bund Deutscher Mädel und Hitler-Jugend, Alwin und Philipp freiwillig bei Wehrübungen, das alles sind Indikatoren für eine Familie, die mit dem Nationalsozialismus ihren Frieden gemacht hat. Genießt man Protektion oder die schlichte Einsicht, ein wichtiger parteikonformer Arbeitgeber zu sein? Die Reemtsmas wissen um den Preis, den sie entrichten. Aber sie leben hervorragend damit. Die Ambivalenz des Krieges: Der Krieg bringt den Reemtsmas zuallererst Reichtum, schließlich wird jetzt geradezu um die Wette geraucht. Trotz Sondersteuern steigt der Konsum exorbitant, bis ihn ab 1942 die Raucherkarte zügelt. Vor allem bei Philipp F.Reemtsma liegt die Verantwortung für die Versorgung von Militär und Bevölkerung mit Zigaretten. Das wird immer schwieriger, wegen Tabak- und Arbeitskräftemangel, Luftkriegsschäden und der von Albert Speer angeordneten Umwandlung von Zigarettenfabriken in Rüstungsbetriebe. Bis zuletzt aber wird dem Tabak seitens der Staatsführung eine kriegswichtige Bedeutung beigemessen: Rauchen beruhigt und suggeriert einen kurzfristigen Genuss, den es eigentlich nicht mehr gibt. Reemtsma organisiert und liefert das Mögliche, notgedrungen unter Aufgabe jeglicher Qualitätsansprüche. Im letzten Kriegsjahr regiert der Mangel, aber weiterhin verdienen die Fabrikanten. Für sie ist die Zigarette das Gold des Krieges. Persönlich verliert Philipp F.Reemtsma sehr viel in dieser Zeit: 1941 fällt der erste Sohn in der Ukraine, 1945 der zweite bei Wesel, der dritte ist zwischenzeitlich an Kinderlähmung verstorben. Gertrud, die Mutter der Jungen, hatte sich Anfang 1939 das Leben genommen. Eine familiäre Katastrophe, die nur dadurch gelindert wird, dass der Fabrikant eine neue Liebe in der Cousine seiner ersten Frau findet: Die „zweite Gertrud“, die 1952 Jan Philipp zur Welt bringt, ist sein wichtigster Halt. Die drei Reemtsma-Brüder werden 1945 von den Briten interniert. Sie haben kein Schuldbewusstsein wegen ihrer Förderung des Regimes, Reue empfinden sie nicht. Ihr Schicksal als von den Siegern drangsalierte Unternehmer verletzt sie tief. Entweder ist man der Auffassung, mit der Zigarette lediglich einen harmlosen Konsumartikel produziert zu haben, oder man übt sich im Nichtwissen verbrecherischer Vorgänge. Philipp F.Reemtsma sitzt über 20 Monate in Lagern und Haftanstalten, bis ihn ein deutsches Gericht wegen der Zahlung von insgesamt 12,3 Millionen an Göring anklagt, ohne zu einem rechtsgültigen Urteil zu finden. Erstaunlich, geradezu erschreckend ist diese Summe, zu der noch weitere Millionenspenden zu addieren sind, die verschiedenen NS-Gliederungen und Paladinen des Regimes zugeflossen waren. Kein anderes deutsches Unternehmen hatte sich finanziell so ins Zeug gelegt! Als Entnazifizierte machen sich die Reemtsmas ab 1948 an den Wiederaufbau ihrer Firma. Der Siegeszug der amerikanischen Blend-Zigarette gegenüber der zuvor in Deutschland gerauchten Orientzigarette trifft die Hamburger schwer, aber dann erobern sie doch wesentliche Marktanteile zurück. Die jüdischen Partner von einst, Schnur und Heldern, werden entschädigt oder wieder beteiligt. Da lässt man nichts auf sich kommen. Philipp F.Reemtsma stirbt Ende 1959, als Erster des einst so erfolgreichen Trios. Sein Sohn Jan Philipp, zu dem Zeitpunkt gerade sieben Jahre alt, soll, so die Vorstellung der Testamentsvollstrecker und der Mutter, das Erbe und auch die Firmenleitung mit 26 Jahren antreten. Erst nach und nach erfährt der Sohn, dass seine Familie nicht nur wegen der Zigaretten einen besonderen Ruf besitzt, sondern auch wegen des ambivalenten Verhaltens im Dritten Reich, das sie zu Profiteuren werden ließ. Das Treffen seines Vaters mit Hitler, hohe Spenden an Nazis, die Nähe zu Göring, der Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern in der Firma und auch auf dem Landsitz Trenthorst – das bildet eine beachtliche Hypothek, die auch durch die Hilfe für verfolgte Juden nicht ausgeglichen erscheint. Der freiwillige Kriegseinsatz seines Vaters – für den Kaiser im Herbst 1914 und für Hitler 25 Jahre später – befremdet, der Tod seiner Halbbrüder während des Krieges erschüttert ihn. Philipp F.Reemtsma, den der Sohn als förmlich, streng und zunehmend krank erlebt hatte, war für viele eine vorbildhafte, charismatische Unternehmerpersönlichkeit. Jan Philipp Reemtsma lernt zögerlich kennen, welche weiteren Facetten sein Vater hatte. 1980 tritt er die ihm zugedachte Position in der Zigarettenfirma nicht an. Der Germanist und Sozialwissenschaftler trennt sich sogar davon, indem er seinen Mehrheitsanteil verkauft. Er geht ganz eigene Wege, die ihn zu einem gefragten wie befehdeten Linksintellektuellen machen. „Kampf um Kampf“ ist sicherlich nicht sein Lebensmotto, sondern eher kämpferische Aufklärung zum Ziele des Erkenntnisgewinns. Dafür gründet er das Hamburger Institut für Sozialforschung, das vor allem durch die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion bekannt wird. Zudem ist ihm auch die Verbreitung der Werke Arno Schmidts ein zentrales Anliegen. Aufsehen erregt seine Entführung im Frühjahr 1996, wobei er gegen die Zahlung von 30 Millionen Mark freikommt. Vielfach wurde kritisiert, dass Jan Philipp Reemtsma das Werk seiner Familie in fremde Hände weitergab und sich beruflich von der vorgedachten Richtung abkehrte. Dabei hatte sein Vater schon 1939 die Hoffnung formuliert, seine Söhne würden sich andere Tätigkeitsfelder suchen, denn allein eine eigene Leistung würde Erfüllung bringen. (Die NS-Wirtschaftspolitik erwog damals aus Gesundheitsgründen gravierende Einschränkungen der Tabak- und Zigarettenindustrie.) Philipp F.Reemtsma und seine Brüder widmeten sich der Zigarettenproduktion über eine Generation mit großem Erfolg. Sie liebten den Tabak und die Zigarette, sie lebten blendend davon. Die heutige Firma Reemtsma hat als Tochter eines britischen Konzerns mit der Familie nur noch den Namen gemein. „Reemtsma“ wird heute mit Jan Philipp Reemtsma gleichgesetzt. Der übrige Teil der verzweigten Familie ist weitgehend unbekannt und übt sich – wie der Sohn des einstigen Zigarettenkönigs anmerkt – in „familienendemischer Zurückhaltung“. Öffentlich äußert sich Jan Philipp Reemtsma nur selten über seinen Vater; er meint, das stehe ihm nicht an. Erkennbar ist bei ihm eine spannungsvolle Distanz gegenüber möglicher biografischer Kontinuität. Als ein langjähriger Reemtsma-Mitarbeiter im Hamburger Hansaviertel auf den Sohn traf, der in einen Mantel gehüllt über die Straße ging, sagte der ältere Herr: „Mein Gott, Herr Reemtsma, als ich Sie eben gesehen habe, meinte ich, Sie wären Ihr Vater.“ Die Erwiderung lautete: „Etwas Schlimmeres hätten Sie mir nicht sagen können.“ Die ins Unterholz beförderte Zigarettenschachtel oder die Strenge in der Kindheit wird nicht der Auslöser für diese heftige Ablehnung der Vater-Sohn-Ähnlichkeit gewesen sein, sondern die gewachsene Erkenntnis über das Leben und Handeln des umstrittenen Kopfes der deutschen Zigarettendynastie. Erik Lindner arbeitet als Autor in Berlin. Der Historiker veröffentlichte zuletzt „Die Reemtsmas. Geschichte einer deutschen Unternehmerfamilie“ (Hoffmann und Campe, 2007)

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