Zumwinkel, Zander und die Nazis

Wie NSDAP-Mitglied Otto Zumwinkel, Vater des ehemaligen Post-Chefs Klaus Zumwinkel, im Dezember 1938 das Kaufhaus des jüdischen Ehepaars Winter erwarb. Die Geschichte einer „Arisierung“

Wir schreiben das Jahr 1938. Die Hetzstimmung gegen Juden im Dritten Reich spitzt sich zu. Die Pogrome in der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 markieren den Übergang zur zügellosen Gewalt der Nationalsozialisten. Seit April des Jahres häufen sich bereits Verordnungen, die den Ausschluss von Juden aus dem Wirtschaftsleben zum Ziel haben. Vorläufiger Höhepunkt der Drangsalierungen ist die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938. Darin wird jüdischen Einzelhändlern verboten, ihren Betrieb weiterzuführen. Schon im April 1938 pachtet der Kaufmann Otto Zumwinkel, NSDAP-Mitglied der frühen Stunde (Eintritt am 1. Mai 1932), ein vormals jüdisches Textilkaufhaus in Kamp-Lintfort am Niederrhein. Die „L. Zumwinkel KG“ wird am 1. April 1938 beim Gewerbeamt angemeldet. Bisher stand „Geschwister Zander“ auf der Schaufensterscheibe des attraktiven zweigeschossigen Gebäudes in zentraler Lage der Kleinstadt. Nur vier Wochen nach der Reichskristallnacht, am 11. Dezember 1938, macht Otto Zumwinkel Gebrauch vom Vorkaufsrecht, das ihm als Pächter vertraglich eingeräumten Vorkaufsrecht. Mehrere Interessenten hatten sich um das Objekt bemüht. Den im Notarvertrag festgesetzten Preis von 50 000 Reichsmark konnte die Verkäuferin, „Ehefrau Kaufmann Georg Winter, Berta geborene Zander“, vermutlich deswegen aushandeln. Die Summe sei „unter den geschilderten Umständen“ als „Verkehrswert“ anzusehen, schreibt das Landratsamt Moers im März 1939. Damit ist ein Grundstein gelegt für das Zumwinkel-Handelsunternehmen, das die Söhne Hartwig und Klaus nach dem frühen Tod des Vaters 1965 fortführen werden und schließlich im Jahr 1971 an Rewe verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt umfasst es zehn Kaufhäuser und fünfzig Discounter. Nach dem Verkauf sind die Söhne finanziell unabhängig. Die Sorge, sein ansehnliches Vermögen versteuern zu müssen, verleitet Klaus Zumwinkel später dazu, einen Teil in einer eigens gegründeten Stiftung in Liechtenstein zu parken, vorbei am deutschen Fiskus. „Der größte Fehler meines Lebens“, wie der einstige Vorzeigemanager und Chef der Deutschen Post AG am 22. Januar 2009 vor dem Landgericht Bochum einräumt. „Für einen Appel und ein Ei mussten doch alle Juden hier verkaufen“, empört sich eine ältere Passantin in der Fußgängerzone. Sie gehört zu den wenigen Kamp-Lintforter Bürgern, die um den Verkauf des einstigen Bekleidungshauses Zander an Zumwinkel wissen. Hingegen können sich manche Einwohner der niederrheinischen Kleinstadt gut daran erinnern, dass Lotte Zumwinkel, die erst 1999 starb, im Laden ihres Mannes als „resolute Verkäuferin und Chefin“ arbeitete: „Meine Mutter hat mich öfters dorthin mitgenommen. Die beiden Stockwerke waren durch eine schöne Holztreppe verbunden. Die Kleider waren am Anfang sehr klassisch. In den sechziger Jahren wurde alles etwas moderner.“ Heute sind mehrere Gewerbe in der Immobilie angemeldet. Direkt an der Straßenecke hat sich die Bäckereikette Kamps eingemietet. Gleich nebenan gibt es einen kleinen Plattenladen und eine leer stehende, etwas heruntergekommene Kneipe, das Café eines Ausländervereins und das Langzeitarbeitslosenprojekt „Stoffwechsel, Kindermode und mehr“. „Der Kaufpreis war zu niedrig, aber nicht so katastrophal, um sagen zu können, dass Otto Zumwinkel völlig skrupellos gehandelt hätte“, sagt Arisierungsexperte Frank Bajohr, Wissenschaftler an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, nach Einblick in den Kaufvertrag. „Der sogenannte Altparteigenosse war weder ein rücksichtsloser Profiteur noch ein gutwilliger Erwerber. Er gehört eher zu der Kategorie der stillen Teilhaber. Er hat seinen Vorteil eingestrichen, ohne sich zu exponieren. Es ist allerdings nicht zu erkennen, dass er dem jüdischen Verkäufer in irgendeiner Art entgegengekommen wäre.“ Während der Pachtzeit hatte Otto Zumwinkel sogar eine Mietminderung um monatlich 75 Reichsmark ausgehandelt, die am 1. Januar 1939 in Kraft treten sollte. In einem Schreiben vom 9. Januar 1939 benennt Otto Zumwinkel selbst den Einheitswert des Eckgebäudes: 59 700 Reichsmark. Für knapp 10 000 Reichsmark weniger konnte er die Immobilie erwerben. Der Einheitswert galt damals als der minimalste Wert des Objektes. Lag der Kaufpreis zu stark unter dem Einheitswert, dann mussten die Käufer eine Sonderabgabe zugunsten des Reichs zahlen. Otto Zumwinkel wurde davon befreit. Als eine „klassische Arisierung“ bezeichnet auch die Historikerin Beate Schreiber vom Historischen Forschungsinstitut Facts & Files Berlin das abgeschlossene Geschäft zwischen Otto Zumwinkel und Berta Winter. „Unter den knapp 500 Fällen, die ich kenne, gibt es nur einen Fall, bei dem der deutsche Käufer den Juden geholfen hat. Nach dem Krieg haben viele Käufer laut herausposaunt, dass sie Helfer in der Not gewesen seien. Das war aber meist der Versuch, dem Restitutionsanspruch zu entgehen.“ Am nördlichen Ende der Fußgängerzone arbeitet Günther Kammerer im Optikerfachgeschäft „Brillen-Kaiser“, das vom Vater des heute 78-Jährigen gegründet wurde und nun von seinen Söhnen geführt wird. Seine Mutter war die einzige Jüdin in Kamp-Lintfort, die den Holocaust überlebt hat. Günther Kammerer wurde einen Monat nach seiner Geburt 1931 evangelisch getauft, ebenso wie sein Vater. Die Geschichte des Zander-Verkaufs ist dem adrett gekleideten Senior durchaus ein Begriff: „Für Otto Zumwinkel war es der Eintritt in unsere Stadt. Er kam aus dem östlichen Ruhrgebiet, dort war er schon in der Textilbranche tätig gewesen. Das war für ihn ein gutes Geschäft“, meint Kammerer. Doch Otto Zumwinkel habe nicht zu denjenigen gehört, die mit Uniform und Parteiabzeichen durch Kamp-Lintfort stolziert seien. „Nach dem Krieg war er mit meinem Vater in der Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden aktiv. Seine Frau war eine gute Kundin bei uns, und meine Frau ging auch bei Lotte einkaufen. Ich habe viel mit dem älteren Sohn Hartwig gespielt, und ich war in demselben Tennisclub wie Klaus. Nachdem Otto Zumwinkel 1965 starb, hat seine Frau im Laden sehr tüchtig weitergemacht.“ Günther Kammerer will „auf keinen Fall schmutzige Wäsche waschen“, sagt er. Die Nazizeit sei schlimm gewesen, Albträume habe er aber nicht. „Das Leben geht weiter!“ Zu den wenigen Juden aus Deutschland, für die das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg weiterging, gehören auch Berta und Georg Winter. Nach der Verpachtung ihres 1919 gegründeten Warenhauses an Otto Zumwinkel im April 1938 ziehen sie zunächst in die Nachbarstadt Krefeld um. Knapp einen Monat nach dem Verkauf wandern sie schließlich nach Montevideo in Uruguay aus. Sie nehmen zwei Verwandte mit, Frieda Cohnen geb. Winter und Regina Zander. Kurz vor seiner Emigration wird das jüdische Ehepaar durch die Gestapo beobachtet. In der Archivakte liegen handgeschriebene Briefe von Georg Winter. Mit Eingangsstempel von Heiligabend 1938 bittet er die Gestapo aus Krefeld zum zweiten Mal um politische Führungszeugnisse für sich und für seine drei Verwandten. Er soll sie beim uruguayischen Generalkonsulat in Hamburg vorlegen, und er hat es sehr eilig: „Ich hatte schon vor circa zehn bis zwölf Tagen einen Antrag dieserhalb gestellt und bitte höflich um schnellste Erledigung, da sonst unsere Ausreise infrage gestellt wird, die am 7/1 ab hier und am 10/1 ab Hamburg geht.“ Schon am 5. Januar 1939 sind die vier Juden aus Krefeld polizeilich abgemeldet. Sie stehen Anfang Januar 1939 so unter Druck, das Deutsche Reich möglichst schnell zu verlassen, dass sie nicht einmal die Zahlung der zweiten Rate in Höhe von 30 000 Reichsmark durch Otto Zumwinkel abwarten können, die im Notarvertrag auf den 15. Januar 1939 terminiert war. Von der ersten Rate in Höhe von 20 000 Reichsmark, zu deren Zahlung Zumwinkel sich bis zum 31. Dezember 1938 verpflichtet hatte, konnte die Familie „vermutlich kaum etwas“ mitnehmen, sagt Arisierungsexperte Frank Bajohr. „Mit einiger Wahrscheinlichkeit haben sie für ihre Visa hohe Bestechungsgelder bezahlen müssen. Denn schon im Jahr 1939 gab es einen Prozess gegen mehrere Angestellte des Generalkonsulats von Uruguay in Hamburg. Diese betrieben einen schwunghaften Handel mit den Visa.“ Ganz offiziell langte das Reich damals bei Auswanderungen in der Form von Sonderabgaben zu, insbesondere beim Devisentausch. Das Geld an jüdische Verkäufer sollte seit April 1938 auf ein Sperrkonto fließen. Die Auszahlung bedurfte einer amtlichen Zustimmung. Erst im Mai 1939 erlaubt der Regierungspräsident von Düsseldorf den Verkauf – und verweist auf die immer noch nötige Genehmigung durch die Devisenstelle und durch das zuständige Finanzamt, um den Kaufpreis auszuzahlen. Im Jahr 1942 listet die Gestapo aus Krefeld auf, dass Georg Winter neben einem Sperrguthaben in Höhe von 1795 Reichsmark bei der Deutschen Bank in Krefeld und verschiedenen Wertpapieren in Höhe von 7300 Reichsmark außerdem „noch etwa 17 000 Reichsmark für verkaufte Grundstücke“ besitze, die beim Notar liegen, der die Raten aus dem Kaufvertrag mit Otto Zumwinkel aufbewahren sollte. 1943 verfällt Winters Vermögen dem Reich. Georg Winter überlebt die Naziherrschaft und den Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1954 kommt der inzwischen 72-Jährige zurück nach Krefeld, das belegt ein letzter Eintrag in seiner Meldekartei. Das weitere Schicksal der einstigen Kaufmannsfamilie aus Kamp-Lintfort ist unbekannt. Foto: Picture Alliance

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