Zoff beim Spiegel - Wenigstens gab es den Mut zu Widerstand

Die Berufung des Bild-Manns Nikolaus Blome in die Spiegel-Chefredaktion hat das Magazin in Aufruhr versetzt. Viele Beobachter gaben aufmüpfigen Redaktionsleitern und der Spiegel-eigenen Mitarbeiter KG die Schuld für unregierbare Verhältnisse. Dabei sollte man doch über Journalisten, die den Mund aufmachen, froh sein

Der designierte Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner (l) holt Bild-Mann Nikolaus Blome (r.) ins Haus
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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Da haben die Spiegel-Leser sicherlich nicht schlecht gestaunt. Noch bevor er überhaupt sein Amt antrat, verkündete Chefredakteur Wolfgang Büchner in der vergangenen Woche eine Personalie, die mittlerweile die wohl am heißesten diskutierte des Mediensommers ist. Bild-Mann Nikolaus Blome werde zugleich neuer Hauptstadtbüroleiter als auch stellvertretender Chefredakteur.

Erst vor zwei Jahren hatte der Spiegel in einer Titelgeschichte die Bild als „Brandstifter“ gegeißelt. Das Springer-Blatt übernehme „die Rolle einer rechtspopulistischen Partei“, hieß es darin. Und nun das – der Bild-Talker mitten unter den Magazinrechercheuren?

Spiegel-Erbin Franziska Augstein wetterte als erste öffentlich gegen diese „verfehlte Personalpolitik“. Damit hole man sich „den Fuchs in den Hühnerstall“, sagte sie der taz.

Es geht um Führungsmethoden, um betriebliche Mitbestimmung und nicht zuletzt: um die publizistische Ausrichtung des renommierten Wochenmagazins. Spiegel-Reporter Dirk Kurbjuweit hat laut epd bei der internen Ankündigung gefragt, ob sich mit Blome die politische Linie des Blattes ändern werde. Büchner soll geantwortet haben, er verstehe die Frage nicht. Die Redakteure hätten mit Kopfschütteln reagiert.

Was folgte, war ein Aufstand. Am Montag wandten sich die Spiegel-Ressortleiter in einer gemeinsamen Erklärung gegen ihren designierten Chefredakteur. Sie forderten von Büchner, seine Entscheidung, Blome zu seinem Vize machen, zurücknehmen.

Der fragile Kompromiss kam offenbar am Mittwoch zustande: Büchner verkündete, dass Blome doch nicht sein Stellvertreter, sondern „nur“ einfaches Mitglied der Chefredaktion werde.

„Schwerste Krise“ des Spiegel

Ist die Geschichte damit beendet?

Mitnichten. Der Spiegel hat, wie viele Blätter, mit sinkenden Verkaufszahlen zu kämpfen. Über die Digital-Strategie hatten sich bereits die früheren beiden Chefredakteure, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron zerworfen. Für viele Beobachter hat der Konflikt um Bild-Mann Nikolaus Blome den Spiegel noch tiefer in die Krise gezogen. Von einem „Machtkampf“ war die Rede, von einer „gefährlichen Zerreißprobe“ gar.

Für den Branchendienst Meedia standen die Schuldigen von Anfang an fest: die aufbegehrenden Mitarbeiter. „Der Protest, der sich nun Bahn bricht“, hieß es da Ende vergangener Woche, könne „das System Spiegel in seine schwerste Krise führen.“ Im schlimmsten Fall drohe sich das Haus selber lahmzulegen.

Aber wieso eigentlich? Könnte man den hausinternen Streit nicht im Gegenteil auch als wichtige Auseinandersetzung um die Sache lesen?

Am schärfsten geriet in jüngster Zeit die betriebliche Mitbestimmung bei dem Magazin in die Kritik. Die wird über die Mitarbeiter KG ausgeübt: Sie beteiligt die Redakteure seit 1974 an mehr als der Hälfte (50,5 Prozent) des Spiegel-Verlags.

Michael Naumann, der selbst einst Auslandsressortchef beim Spiegel war, bezeichnete das Konstrukt bei Cicero Online jüngst als „Politbüro“, in dem „personalpolitisches Mittelmaß“ herrsche. Er warf der Kommanditgesellschaft vor, wiederholt Investitionen „verspätet, zögerlich und sparsam angegangen“ zu sein.

Es ist ein Vorwurf, der in den vergangenen vier Jahrzehnten immer mal wieder an die KG herangetragen wurde. Mit Blick auf die Herausforderungen des Internets heißt es zudem oft, diese Art der Mitbestimmung sei nicht mehr zeitgemäß.

Freilich, man kann der Mitarbeiter KG einiges vorwerfen.

Zum Beispiel, dass die fünfköpfige ehrenamtliche Geschäftsführung die Vorgänge um Nikolaus Blome nicht richtig an ihre rund 760 Mitglieder weiter kommuniziert hat. Von Büchner kann man das nicht behaupten: Er hat die KG-Führung bereits zuvor über die Personalie, mit der er wohl eine größere Meinungsvielfalt ins Blatt bringen will, in Kenntnis gesetzt. Dort erntete er zwar ausdrücklich Ablehnung. Als aber die Minderheitsgesellschafter Gruner+Jahr und die Augstein-Erben der Blome-Ernennung zustimmten, soll auch die KG-Spitze ihre Einwilligung gegeben haben. Die Begründung: Die Aussicht, dass der Spiegel ohne Chefredakteur und ohne Geschäftsführer dastehen könnte, habe sie erschreckt. Das Hamburger Abendblatt interpretierte die Aussage so, als hätten Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe mit Rücktritt gedroht, sollte die KG der Berufung Blomes widersprechen.

Trotzdem dürften nicht alle Spiegel-Redakteure mit dem Ergebnis glücklich sein: Nach Meedia-Angaben wurden Forderungen nach einem Rücktritt der KG-Spitze laut.

Ein weiteres Defizit der KG ist, dass es sich um eine Clique von Printredakteuren, Dokumentaren und Verlagsangestellten handelt. Andere Töchter des Unternehmens sind ausgeschlossen. Dabei wäre es durchaus zeitgemäß, den Redakteuren von Spiegel Online mehr Mitbestimmung einzuräumen. Auch die Mitarbeiter von Spiegel TV haben im Haus offenbar nur eine schlechte Lobby: Zum Jahresende wird bei ihnen der Produktionsstandort Berlin geschlossen.

Der Spiegel funktionierte auch ohne Chefredakteure reibungslos

Reformen wären in der KG daher sicher nötig. Trotzdem hat sich die betriebliche Mitbestimmung im Grundsatz bewährt. Übrigens nicht nur beim Spiegel, sondern auch anderswo, in anderen Formen: Deutschland ist nicht trotz, sondern auch dank seiner Betriebsräte wirtschaftlich erfolgreich geworden (wenngleich die Mitarbeiter KG kein Betriebsrat, sondern eine Gruppe von Anteilseignern ist); die taz hat sich mit ihrem Genossenschaftsmodell, an dem auch Redakteure sich beteiligen können, trotz aller Unkenrufe im Medienmarkt fest etabliert.

Zudem hat der Spiegel bewiesen, dass er in Krisenzeiten – sogar ohne Chefredakteure – reibungslos funktioniert. Die andauernde Berichterstattung über den NSA-Skandal ist dafür Beweis genug. Man sollte froh sein, dass es überhaupt noch Journalisten gibt, die vor Widerstand nicht zurückschrecken.

Es sei daran erinnert, wie sehr sich auch die Spiegel-Erben über Nikolaus Blome zerstritten haben. Jakob Augstein, der mit dem Bild-Mann im Talkformat „Augstein und Blome“ diskutiert, unterstützt die Personalie. Seine Halbschwester Franziska Augstein hält Blome für „regierungsnah“ und daher für nicht passend zum Spiegel, der sich doch für Aufklärung interessiere.

Vielleicht sollte man den Wirbel in dem Hamburger Verlag mit etwas mehr Gelassenheit genau so verstehen: als Bruderstreit. Im Zweifelsfall ist es ein Streit im Dienste der Leser.

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