Zeitungssterben - Wir brauchen ein Amazon-iTunes für Verlage

Der Verkauf der Washington Post an Amazon ist keine schlechte Nachricht. Für den deutschen Medienmarkt sollte sie ein Signal sein, über ein großes gemeinsames Vertriebs-, Inhalte- und Shoppingportal nachzudenken

Ein Zeitungsaufsteller zeigt die Washington Post vom Dienstag mit einem Titel in eigener Sache: „Grahams to sell The Post“
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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Die Nachricht vom Verkauf der Washington Post an den Amazon-Gründer Jeff Bezos hat hierzulande die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Medienkrise sei endgültig im Herzen der US-Zeitungslandschaft angekommen, geografisch und wirtschaftlich, schrieb Spiegel Online. Taz-Chefin Ines Pohl sorgte sich gar, dass „die USA Gefahr laufen, ihre vierte Gewalt zu verlieren“. Die eigentlich konservative Frankfurter Allgemeine setzte noch eins drauf und fragte sich, ob Lenin nicht doch recht behalten habe: „Die Welt wird bestimmt von einer Finanz-Daten-Online-Oligarchie, mit besten Verbindungen zum Geheimdienst.“ Jeff Bezos, schreibt Michael Hanfeld dort, sei „ein Monopolist, der die Buchbranche vernichtet“. Auf den neun Seiten, auf denen sich das Blatt am Mittwoch mit der Washington Post befasst, kann man den Angstschweiß der Verfasser riechen.

Aber ist das 250-Millionen-Dollar-Schäppchen tatsächlich der Sargnagel des Qualitätsjournalismus?

In Amazon verschmelzen gleich mehrere Geschäftsteile, die in der Publikationsbranche bislang getrennt waren. Als Buchhändler, Kindle-Erfinder und Plattform für Selbstautoren hat der Konzern eine gewaltige vertikale Marktmacht aufgebaut. Es stimmt schon: Amazon handelt nicht nur mit immateriellen Gütern, sondern auch mit Konsumwaren. Aber selbst in Deutschland erwirtschaften die meisten Verlage das Gros ihres Umsatzes mit derartigen Verkaufsaktivitäten. Amazon ist also längst ein Verlag.

Der Schritt ins Nachrichtengeschäft ist da ökonomisch nicht nur logisch, sondern geradezu genial.

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Was haben sich Blogger und Journalisten die Finger wund getippt über der Frage, wie die Zukunft des Journalismus aussehen könnte. Der Spiegel hat in dieser Woche eine umfangreiche Debatte zu diesem Thema gestartet, in der er – kleine Randnotiz – einem freien Journalisten zunächst nichts bezahlen wollte. Letztlich ist in den Rettungsvorschlägen aber nicht viel Neues zu finden.

Und da fällt die Antwort vom amerikanischen Himmel: Mit seiner Marktmacht könnte Amazon der Washington Post ein gewaltiges Gehör verschaffen. Seien es günstige Koppel-Angebote wie eine Post-Flatrate beim Kauf eines Kindle-Lesegerätes. Oder eine Abo-Empfehlung in der Kategorie „Kunden, die dies gekauft haben, kauften auch…“. Amazon könnte dem in Seenot geratenen Tanker endlich wieder den richtigen Kanal bieten.

Der Deal des Klick-Riesen erinnert an die Strategie Apples. Der US-Konzern hatte zuvor mit iTunes die Musikbranche umgekrempelt. Da war sie plötzlich, die Bezahl-Plattform, auf die alle Plattenfirmen gewartet und an die keiner mehr geglaubt hatte. Viele Nutzer, die zuvor ihre Songs raubkopiert hatten, kauften sie dank Apple wieder. Einen ähnlichen Erfolg hatte Apple mit seiner App Store im Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt. Der Haken: Das IT-Unternehmen wuchs zu einem Monopolisten heran. Verlage müssen für ihre Magazin- und Zeitungs-Apps bis heute happige 30 Prozent an Apple abführen.

Die Washington Post hat den Vorteil, dass sie die prominente Vermarktungsplattform von Amazon quasi gratis erhält, dazu ein finanzstarkes Unternehmen, das die Investitionen, die für eine digitale Revolution nötig sind, sicher mit Leichtigkeit stemmen kann. Schließlich war das ein Grund für die Krise im Zeitungsmarkt: Viele Verlage haben die dafür nötigen teuren Innovationen bislang gescheut; und einige Verlegerfamilien versilberten ihre Anteile lieber. So machten es 2008 die damals vier Gesellschafter des Süddeutschen Verlages – sie verkauften ihre Anteile an die Südwest­deutsche Medienholding. Von Idealismus, von dem jetzt noch so viel geschrieben wird, keine Spur.

Da im Hier und Jetzt aber nicht mehr Idealisten bestimmen, wo es lang geht, sondern die „Finanz-Daten-Online-Oligarchie“, ist die Tendenz eindeutig: Um Zeitungen wieder auf ökonomische Füße zu stellen, könnten starke Internetkonzerne helfen. Eine Schreib-Klick-Kauf-Allianz, sozusagen. Dass selbst die Reporter des sagenhaften „Watergate“-Skandals der Washington Post, Bob Woodward und Carl Bernstein, den Amazon-Deal begrüßten, ist Beweis genug für den Optimismus, der jetzt nötig wäre.

Freilich mit einigen Abstrichen: Denn der Konzern ist keiner, der sich um Mitarbeiterrechte geschert hätte; sein Geschäft basiert teilweise sogar auf Ausbeutung. Wer bei Amazon shoppt, gibt all seine Daten preis, für die sich auch die NSA interessiert. Und die Frage, wie kritisch die Post in Zukunft über ihren neuen Eigner berichten darf, ist auch noch offen.

Der Amazon-Deal sollte den Verlagen in Deutschland daher keine Warnung, sondern vielmehr ein Ansporn sein. Die Frage sollte nicht heißen: Darf der Journalismus das überhaupt? Sondern: Wo ist das deutsche Amazon? Und: Wäre es nicht besser, es fände sich jemand, der Amazon rasch zuvorkäme?

Ein große Onlineanbieter, das iTunes der Verlagsbranche: Das wär doch mal was. Statt bleierner Lethargie und sirenenhaftem Untergangsgesang brauchen wir einen finanzstarken Innovator im deutschen Medienmarkt. Vielleicht auch den großen Zusammenschluss aller Verlage zu einem gemeinsamen Vertriebs-, Inhalte- und Shoppingkanal. Eine Dachseite, die jeder deutschsprachige Nutzer, dem Datenschutz wichtig ist, zuerst ansteuert, auf der er einkaufen, spielen und sich die individuellen Nachrichten all seiner Lieblingsseiten selbst zusammenstellen kann.

Ein solches Kooperationsprojekt gibt es im Vertriebsbereich übrigens schon lange: das Pressegrosso. Das bestimmt, welche Zeitschriften in den Kiosken ausliegen, unterliegt der Preisbindung der Verlage – und sichert so die Meinungs- und Pressevielfalt in Deutschland. Fast alle 48 Mitglieder des Bundesverbands Presse-Grosso haben in ihrem jeweiligen Gebiet ein Alleinauslieferungsrecht, sprich: ein Monopol.

Ein derartiges Verlags-Onlineprojekt ist wohl trotzdem nur eine Seifenblase. Die Nadel heißt deutsches Kartellrecht. Das Bundeskartellamt könnte einen Mega-Zusammenschluss verhindern, weil er eine horizontalen Marktmacht bedeuten würde. Verlage müssten zusammenarbeiten; anders ausgedrückt: Absprachen treffen.

Und so liefert das Kartellrecht die deutschen Verlagshäuser den amerikanischen Multis quasi zum Fraß vor. Die operieren von Übersee aus, an hiesige Weisungen und Gesetze nicht gebunden. Gegen iTunes rennen deutsche Kartellrechtler, gegen Facebook deutsche Datenschützer, gegen Google deutsche Verlage an.

Auf die gleiche Art unterwandert übrigens auch die NSA unseren Datenschutz.

Für den Gesetzgeber und die deutschen Nachrichtenkonsumenten wäre es eine Frage, über die es sich nachzudenken lohnt: Wollen wir wirklich das große deutsche Medienprojekt opfern, um den amerikanischen Multis das Einfallstor zu öffnen?

 

 

 

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