Winterkorn-Piëch-Clan - Das Ende einer Ära – endlich

Der Rücktritt von Martin Winterkorn ist ein Segen für Volkswagen. Er und der Patriarch Piëch hatten einen immensen Druck innerhalb des Konzerns aufgebaut. Unter ihnen war jegliche Unternehmenskultur dem Ziel, die weltweite Nummer 1 zu werden, untergeordnet worden

Winterkorn ließ mit seiner patriarchalischen Art der Führung die Kultur im Unternehmen vor die Hunde gehen.
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Til Knipper leitet das Cicero-Ressort Kapital. Vorher arbeitete er als Finanzredakteur beim Handelsblatt.

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Der Vorhang fällt und alle Fragen sind offen. Martin Winterkorn hat am Mittwochabend die Konsequenzen aus dem Manipulationsskandal bei Volkswagen gezogen und dem Aufsichtsrat seinen Rücktritt vom Vorstandsvorsitz angeboten. Der nahm dankend an.

Ob Winterkorn freiwillig gegangen ist oder das Präsidium des Aufsichtsrats ihn zwingen musste, weiß man nicht. Es ist am Ende aber auch egal, weil diesmal tatsächlich die klassische Rücktrittskonstellation vorlag. Wenn er von den Manipulationen gewusst hat oder gar an ihnen beteiligt war, hätte er sowieso gehen müssen. Wenn er aber von Manipulationen in diesem Ausmaß nicht wusste, dann offenbart das schon fast unglaubliche Mängel der Kontrolle innerhalb des Konzerns, die nur den Schluss zulassen, dass Winterkorn seinen Laden nicht mehr im Griff hatte und schon allein deswegen gehen musste.

Da erscheint es merkwürdig, dass Winterkorn in seiner Rücktrittserklärung beteuerte, er sei sich „keines Fehlverhaltens bewusst“. Genauso merkwürdig ist aber auch, dass der Aufsichtsrat öffentlich erklärt, dass Winterkorn nichts von den Manipulationen gewusst habe. Niemand verlangt, dass der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns mit mehr als 600.000 Mitarbeitern alles weiß, was in seinem Unternehmen passiert.

Winterkorn und Piëch ließen die Unternehmenskultur vor die Hunde gehen


Aber dass dem Technikfreak Winterkorn, dem Mikromanager an der Spitze, der noch die Farbe jedes Blinkers im Vorstand diskutieren wollte, der Einbau einer Software, die Abgaswerte manipulieren kann, in 11 Millionen Fahrzeuge verborgen blieb? Man mag es nicht glauben oder zumindest darin bereits ein eklatantes Fehlverhalten Winterkorns erkennen. Dass der Konzern bis heute keine einzige Frage im Bezug auf den Manipulationsskandal befriedigend beantworten konnte, spricht ebenfalls Bände.

Der zurückgetretene VW-Chef hat es zwar geschafft, das Unternehmen mit 12 Marken, mehr als 10 Millionen verkauften Autos im Jahr und einem Umsatz von 200 Milliarden Euro zum größten Autobauer der Welt zu machen. Aber zu welchem Preis das geschah, zeigt sich in seinem ganzen Ausmaß erst jetzt. Beim Ziel, Toyota von der Spitze zu verdrängen, hat Winterkorn die Kosten und die Rendite aus den Augen verloren. Besonders deutlich wird das bei der Kernmarke VW, die im Jahr 2014 nur eine Rendite von 2,5 Prozent vor Steuern und Zinsen erwirtschaftete. Bei BMW lag die Rendite bei 9,6 Prozent.

Noch schlimmer ist aber, dass Winterkorn und sein langjähriger Förderer und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, gegen den er sich im April in einem internen Machtkampf durchsetzte, mit ihrer patriarchalischen Art der Führung die Kultur im Unternehmen vor die Hunde gehen ließen. Widerspruch duldeten sie nicht. Der Druck wurde im Hinblick auf das fast manisch verfolgte Ziel, die weltweite Nummer 1 zu werden, immer weiter erhöht.

Getrickst und geschummelt


Dass in einem solchen Umfeld schließlich getrickst und geschummelt wurde, nur um die geforderten Zahlen an die Spitze zu liefern, ist zwar keine Entschuldigung für kriminelles Verhalten. Es ist aber zumindest eine mögliche Erklärung.

Die Rolle der Politik wirft in diesem Zusammenhang ebenfalls viele Fragen auf. Ist es wirklich sinnvoll, dass das Land Niedersachsen immer noch mit 20 Prozent an VW beteiligt ist? Kommt es dadurch nicht zwangsläufig zu Interessenkonflikten, wenn es um Themen wie Abgasnormen und deren Kontrolle oder die staatliche Förderung von Elektro-Antrieben geht?

Auch der gigantische Einfluss von Gewerkschaft und Betriebsrat bis ins Topmanagement bei VW haben den Großkonzern zunehmend unregierbar gemacht. Denn die Arbeitnehmervertreter verteidigen mit allen Mitteln jeden Arbeitsplatz auf dem Hochlohnstandort Deutschland, was die Rendite auch nicht gerade fördert.

Dem Nachfolger von Winterkorn an der VW-Spitze steht eine gewaltige Aufgabe bevor. Als wäre es nicht ohnehin schon schwierig genug, diesem verkappten Staatskonzern eine zukunftsfähige Struktur zu verpassen, über die der Aufsichtsrat eigentlich diesen Freitag abstimmen sollte, erbt er jetzt auch noch das Manipulationsdesaster in den USA. Das wird Milliarden kosten und es wird Jahre dauern, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen, sowohl bei den Behörden und den Kunden weltweit als auch bei den eigenen Mitarbeitern.

Das wird nur mit einer neuen, moderneren Führungskultur zu schaffen sein. Insofern ist es für Volkswagen ein Segen, dass die Ära der Patriarchen Piëch und Winterkorn nun endlich beendet ist.

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