Erzieht Deutschland seine Kinder zum Opportunismus?
() Erzieht Deutschland seine Kinder zum Opportunismus?
Willkommen im Kindergarten!

Die eigene Lunge, Kindererziehung oder Sparglühbirne: Selbstverantwortung und Selberdenken waren gestern! Verbotsschilder haben Konjunktur, richtig ist, was Mutti Staat sagt. Deutschland bewegt sich doch – leider immer infantiler.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch zeitlebens unmündig bleibt; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt und so weiter, so brauche ich mich ja selbst nicht zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einige Mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab." Leider stammt dieser famose Kommentar zur Neigung des Staates, den Bürger fest an die Hand zu nehmen, und zur Neigung des Bürgers, sich fest an die Hand nehmen zu lassen, nicht von mir. Er stammt von Immanuel Kant und findet sich in jenem Aufsatz von 1784, in dem der Königsberger die Frage: "Was ist Aufklärung?" mit der prägnanten Formel beantwortete: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Gut zweihundert Jahre später ist die Formel zu lexikalischem Schulwissen erkaltet. Bekam der gebildete Europäer des späten 18.Jahrhunderts leuchtende Augen, wenn er das Wort "Lichter" hörte, da er an Geistesgrößen wie Voltaire, Hume, Herder oder eben Kant dachte – bekommt er im frühen 21. Jahrhundert höchstens einen Schrecken, weil er sich fragt, ob er daheim auch wirklich alle Kronleuchter auf Sparbirnen umgerüstet hat. Das erste Gebot der Öko-Orthodoxie, kein Licht unnötig brennen zu lassen, beginnt, auf die Geisteshaltung abzufärben. Sapere aude! hieß der Wahlspruch, mit dem sich die Aufklärer dem damaligen Obrigkeitsstaat und Obrigkeitsdenken entgegenstemmten. Das Fußbodenmosaik an der Schwelle zum 21.Jahrhundert warnt: Sapere cave! Hüte dich, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen… Die neuen Vormünder, die schäferhundstolz verkünden: "Hier wache ich!", sitzen nicht länger in Rom und Potsdam, sondern in Brüssel und Berlin. Ihr fürsorgliches Regiment kommt ganz ohne Hinweis auf Gott oder König aus. Rauchen ist tödlich, so lassen sie die Zigarettenschachtel zu uns sprechen. Fünfmal täglich Obst und Gemüse, predigt es von der Plakatwand herab. Deutschland bewegt sich. In der Tat: Deutschland bewegt sich. Und zwar in Richtung Kindergarten. Noch sind wir nicht so weit, dass wir uns von Mutti Staat das Pausenbrot schmieren lassen. Noch darf der dicke Tom weiter Butterstulle mampfen und die dürre Tanja an ihrem Apfelbutzen nagen. Noch darf Jutta jeden Abend zwei Flaschen Rotwein trinken und Jörn an seinem Joint ziehen. Doch der selbst verschuldete Wiedereintritt des Menschen in die Unmündigkeit hat begonnen. Die Kraft, die die Schäfchen den Hirten in die Arme treibt, heißt – wie schon zu Kants Zeiten – Angst. Heute ist sie jedoch kein Privileg des "schönen Geschlechts" mehr, möchte man ergänzen. Und sie kommt noch jämmerlicher daher als in einem Jahrhundert, in dem das kirchlich verheißene Jenseits immerhin noch so viel Strahlkraft besaß, dass es den schlichten Mann der menschlichen Zentralangst, dem Faktum seiner Vergänglichkeit, halbwegs gefasst ins Auge sehen ließ. In unserer technologisch säkularisierten Welt hingegen erscheint der Gedanke an die eigene Hinfällig- und Sterblichkeit als Skandal, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Es ist kein Zufall, dass die aktuellen Gängelungen durchweg im Namen der "Gesundheit" erlassen – und ertragen – werden. Jedes Mal, wenn ich die nicht rauchenden, abstinenten, sich makrobiotisch ernährenden und Sport treibenden Zeitgenossen betrachte, die das Ideal dieser nachchristlichen Unsterblichkeitsakrobatik verkörpern, muss ich an den Satz denken, den Friedrich der Große seinen fliehenden Soldaten in der Schlacht von Kolin nachgerufen haben soll: "Kerls! Wollt ihr denn ewig leben?" Das Argument, sich mit den Maßnahmen zur Verbesserung der Volksgesundheit ja gar nicht in das Privatleben des Einzelnen einzumischen, sondern lediglich Sorge zu tragen, dass dieser die Gemeinschaft nicht durch "unnötige Krankheiten" belastet, ist ein Scheinargument. Denn kaum etwas verursacht den Krankenkassen mehr Kosten als die steigende Lebenserwartung. Da können sich die idealgewichtigen Asketen noch so abmühen: Auch sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit 89 einfach umfallen – sondern die Jahre zuvor mit unzähligen Arztbesuchen verbracht haben. Das Einzige, worin der neue Paternalismus seine Schützlinge bestärkt, ist in ihrem Windmühlenkampf gegen die Endlichkeit. Ihre Befähigung, sich als selbstständig denkende, eigenverantwortlich handelnde Personen, kurz: als politische Subjekte zu verstehen, schwächt er. Bevormundende Fürsorglichkeit ist die Haltung, mit der ich denjenigen begegne, die ich für nicht zurechnungsfähig halte. Menschliche Wesen, die unter einem "Mangel an Verstand" leiden, wie Kant gesagt hätte. Oder Wesen, die noch nicht imstande sind, sich ihres Verstandes zu bedienen: Kinder. Indem sich die europäischen Regierungen gegenüber den Bürgern immer paternalistischer verhalten, verstärken sie also die Infantilisierungstendenzen, die in diesen Gesellschaften seit dem Aufkommen der Spaßkultur ohnehin zu beobachten sind. Beflissen reichen die Bevormunder aus Brüssel und Berlin den 30-jährigen Frauen, die sich als "neue deutsche Mädchen" verstehen, und 40-jährigen Männern, die darüber grübeln, warum sie nicht erwachsen werden, die Hand zum Teufelskreis. "Wenn die Gesellschaft eine beträchtliche Anzahl ihrer Mitglieder zu bloßen Kindern aufwachsen lässt, unfähig, sich durch vernünftige Betrachtungen etwas abseits liegender Motive bestimmen zu lassen, dann hat sie sich selbst für die Folgen zu tadeln", schrieb John Stuart Mill im 19.Jahrhundert, das sich bei aller romantischen Schwärmerei durch entschiedene Emanzipierungsbestrebungen des Bürgertums auszeichnete. Vom liberalen Stolz, der nicht nur den britischen Vordenker fordern ließ: "Man kann einen Menschen nicht rechtmäßig zwingen, etwas zu tun oder zu lassen, weil dies besser für ihn wäre, weil es ihn glücklicher machen, weil er nach Meinung anderer klug oder sogar richtig handeln würde" – von diesem Stolz ist heute wenig zu spüren. Lammfromm machen die allermeisten jede Verrenkung mit, die der grassierende Bio- und Ökowahn ihnen abverlangt. Und diejenigen, die widerstehen, tun dies im Modus des gewitzten Teenagers, der sich freut, den strengen Herbergsvater ausgetrickst zu haben: Seit meinen Schultagen habe ich keine vergleichbaren Ansammlungen auf dem Klo rauchender und giggelnder Menschen gesehen wie seit Einführung des Rauchverbots. Einige wenige Selbstbewusste wie Helmut Schmidt rauchen mit Grandezza auch dort weiter, wo nach Auffassung des Gesetzgebers kein Stängel mehr glimmen soll. So sympathisch dies auf den ersten Blick ist – eine schleichende Unterhöhlung des Legalitätsprinzips stellt auch dieses Verhalten dar. (Wie Helmut Schmidt selbst erkannte, indem er versprach, sich fürderhin an das Gesetz halten zu wollen – eben weil es Gesetz ist.) Im zitierten Aufsatz weist Kant darauf hin, dass der Bürger als Privatmensch zu gehorchen hat. Als öffentlicher Mensch hat er jedoch nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, Gesetze zu kritisieren, die er als widersinnig erkennt. Und – muss man aus heutiger Sicht ergänzen – in einer Demokratie hat er sogar die Chance, dass solch widersinnige Gesetze rückgängig gemacht werden. Anstatt dass jeder – im offen oder heimlich Illegalen – der Freiheit eine Kippe anzündet, sollten die Bürger der EU lieber politisch dafür kämpfen, dass "Liberté toujours" nicht zum bloßen Werbeslogan verkommt. Die Regierungen umgekehrt sollten sich hüten, bei den Bürgern den berechtigten Eindruck entstehen zu lassen, Gesetze seien die Paragrafen einer schikanösen Hausordnung – und nicht die Minimalregeln, die nötig sind, um ein mehr oder minder friedliches und freiheitliches Miteinander zu garantieren. Die Tendenz, Europa in einen Kindergarten zu verwandeln, greift ebenfalls die Fähigkeit des Einzelnen an, Situationen richtig einzuschätzen und sich dementsprechend zu verhalten. Wenn jeder Bereich des Lebens von einem Gesetz reguliert wird – wo soll der Einzelne den nötigen Spielraum haben, seine Urteilskraft zur Anwendung zu bringen und so zu schärfen? Was spricht dagegen, den einzelnen Restaurantbesitzer, den einzelnen Gastgeber beurteilen zu lassen, ob – und wenn ja: wann und wo – in seinem Etablissement, auf seinem Galadinner geraucht werden darf? Wäre es nicht ein Gebot des Respekts und der Gastfreundschaft, einen 90-jährigen Alt-Kanzler mit seiner Zigarette nicht vor die Tür zu schicken? Hatten die Auseinandersetzungen um den blauen Dunst ein solch bürgerkriegsähnliches Niveau erreicht, dass Blauhelme nottaten? Eltern wissen, dass es klug ist, die lieben Kleinen ihre Differenzen im Sandkasten erst einmal selbst austragen zu lassen. Politiker sollten wissen, dass mit konfliktunfähigen, urteilsschwachen, ungezogenen und verängstigten Kindern kein Staat zu machen ist. Zumindest kein demokratischer. Im Europa des 20. Jahrhunderts ließen menschenverachtende Regimes die Lichter ausgehen. Es wäre ein finsterer Treppenwitz, wenn im 21. Jahrhundert der Aufklärung abermals der Strom abgedreht würde. Von wohlmeinenden Fürsorgern… Thea Dorn studierte Philosophie. Vor kurzem erschien "Mädchenmörder" (Manhattan). Sie moderiert die Fernsehsendung "Literatur im Foyer" beim SWR

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