Facebook, Google & Co - Wie das Internet Kapital und Avantgarde versöhnt

Google, Facebook, Apple & Co machen uns amerikanischer und kapitalistischer. Gleichzeitig werden wir im Internetzeitalter Zeuge einer Versöhnung zwischen dem Kapitalismus und der Avantgarde – ein historisch einmaliger Vorgang.

Facebook auf dem iPhone
() Facebook auf dem iPhone

Die Debatte um Google Street View hält Deutschland weiterhin in Atem. In Holland wurde dagegen bereits klaglos das ganze Land abgefilmt. Ein Grund könnte das calvinistische Erbe sein, das Holland mit den amerikanischen Puritanern teilt: In den Niederlanden baute man seit dem 18. Jahrhundert das Wohnzimmer zur Straßenseite und hatte keine Gardinen vor den Fenstern. Der rechtschaffene Protestant hat eben nichts zu verbergen. Ähnlich denkt Google-Vorstandschef Eric Schmidt: „Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.“

Dass das die Absage an jede Form von Privatsphäre ist, scheint Schmidt nicht zu stören. Abgesehen davon ist es frech, Transparenz von allen zu fordern, aber gleichzeitig den Algorithmus geheim zu halten, der dem finanziellen Erfolg der Suchmaschine zugrunde liegt, und mit unseren Daten Geld zu verdienen, ohne uns zu fragen.

Aber beides, Puritanismus und Geld, haben sich schon immer gut ergänzt, wie Max Weber in seiner berühmten Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ zeigte. Die Puritaner, die 1629 einen Gottesstaat in Massachusetts gründeten, hätten die Kontrollmöglichkeiten, die sich durch Google oder Facebook ergeben, begeistert genutzt. Gerade dass das Internet nichts vergisst und jede Verfehlung für immer dokumentiert, hätte den Calvinisten gefallen: Für sie gab es keine „innerweltliche Erlösung“. Ihre spezifische Kombination aus Bigotterie und politischer Korrektheit hat seither viele Metamorphosen erlebt. Eine ihrer schlimmsten Auswüchse, die Verfolgung „unamerikanischer Umtriebe“, beschrieb Arthur Miller in seinem Stück „Hexenjagd“.

Aber Google Street View sei nicht Big Brother, und das Personenprofiling werde schon nicht so schlimm kommen, meinen viele. Jeder nutze doch Google Maps, und Amazons Buchempfehlungen seien auch gar nicht so schlecht. Die Hilflosigkeit, mit der wir auf all das reagieren, zeigt allerdings, dass Google, Facebook, Apple & Co gerade dabei sind, unsere Kultur zu verändern, tiefer als die Beatniks in den fünfziger Jahren und Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll in den Sechzigern.

Dabei ist es nicht unwichtig, dass Google, Facebook, Apple & Co amerikanische Unternehmen sind. Eine Website, die Google nicht listet, wird nicht gesehen. Ein Buch, das Amazon nicht vorhält, wird nicht gekauft. Musik, die iTunes nicht anbietet, wird nicht gehört. So weit ist es natürlich noch nicht, aber die geballte Dominanz ist unübersehbar. Kein Soziologe bezweifelt, dass die amerikanische Marktmacht Mentalitäten formt, subtil zwar, aber dauerhaft.

Also werden wir uns an eine höhere Dosis amerikanischer Beglückungsrhetorik gewöhnen müssen: Google wollte von Anfang an die Welt verbessern und versprach: „Wir tun nichts Böses.“ Ein bizarrer Satz, stellt man den ruppigen Umgang des Unternehmens mit Urheberrechten und Datenschutz daneben.

Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kommt nicht ohne Fortschrittsprosa aus: „Unsere Mission ist es, die Welt offener und sozialer zu machen.“ Dass der Mann auch anders kann, zeigt der aktuelle Kinofilm „The Social Network“. Facebook könnte man als eine andere Form der urprotestantischen Grassroots ansehen, nur dass die Gemeinde nun eben virtuell zusammenkommt. Wie die amerikanischen Fernsehprediger ihre Anhänger nach jeder Betstunde mit Dollarspenden darüber abstimmen lassen, wie ihnen die Show gefallen hat, stimmt die Fangemeinde auf Facebook mit „Gefällt mir“-Klicks ab, die sich für Facebook in Werbedollars verwandeln.

Kein Zweifel: Wir werden amerikanischer. Den allgegenwärtigen „Wir tun Gutes“-Sound kann man vielleicht noch ausblenden. Nicht entziehen kann man sich aber der „methodischen Lebensführung“ durch Apps, Tools und Buttons. Alles soll unsere Effizienz erhöhen, und wer will dazu schon Nein sagen?

Das alles heißt aber eben auch: Wir werden kapitalistischer. Wie immer in der Geschichte des Kapitalismus ist der Wettbewerb zugleich kreativ und brutal. Die Kommerzialisierung stoppt nicht mehr vor dem Hausbriefkasten, wo sie einst der schlichte Aufkleber „Keine Werbung“ im Zaum hielt. Heute liest Google unsere elektronische Post und weiß womöglich besser über uns Bescheid als wir selbst. Und wie immer in der Geschichte des Kapitalismus gibt es Chancen und Risiken: Wird unser Verhaltensprofil an den Meistbietenden verkauft? Oder sollen wir uns freuen, dass die personalisierte Werbung Informationen liefert, die uns wirklich interessieren? Wie immer die Gesellschaft damit zurechtkommen wird, fest steht: Die Kommerzialisierung drängt weiter ins Innerste unserer Privatsphäre vor.

Noch eine andere Konstante des Kapitalismus wird durch Google, Facebook & Co gestärkt: Der Ort, wo wir leben, der Ort, wo wir arbeiten, unsere Freizeit, unsere Beziehungen, wir selbst werden verfügbarer. Für den Historiker Jürgen Osterhammel ist diese „Logik der unbegrenzten Disponibilität“ das zentrale Kennzeichen des Kapitalismus, weil sie Dinge und Beziehungen handelbar macht. Und immer schon wurde sie von tatkräftigen Unternehmern und reichen Kapitalgesellschaften vorangetrieben.

Auch heute macht vielen die neuerliche „Entfremdung“ Angst. Als Max Weber die protestantische Arbeitsethik als mentalen Motor der Industrialisierung erkannte, graute ihm zugleich vor dem „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“, das diese Effizienzmaschine schuf. Ein romantischer Gegenimpuls opponierte dagegen radikal: „Jetzt aber herrscht das Bedürfnis, und der Nutzen ist das große Idol der Zeit“, hatte schon Friedrich Schiller in seinen „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ geklagt. Der Bürger sei „hässlich“, der das Geld dem „Schönen“ vorziehe. Auch Jean-Jacques Rousseau zählte zu den Kapitalismuskritikern der ersten Stunde: „Der Erste, der ein Stück Land einzäunte und dreist sagte: das ist mein, wurde zum Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.“

Der Künstler wurde zum Gegenentwurf, weil er Geniales schuf, ohne auf Geld zu achten. Vor allem gelang ihm scheinbar eines: Er versöhnte Arbeit und Leben in der Kunst. Von Marx über Freud bis zur Avantgarde der Jahrhundertwende wird diese Opposition gegen das Kapital endlos variiert. Noch die 68er hätten sich lieber die Hand abschlagen lassen, als Aktien zu kaufen.

Mit Google, Facebook, Apple & Co wird nun alles anders. Die digitale Boheme, wie sich die Avantgarde heute nennt, hat sich mit den Internetkonzernen verbunden. In ihr haben die rüden Methoden von Facebook und Google ihre nachsichtigsten Anwälte und ihre Innovationen die größten Befürworter. Beide lieben die Rhetorik der Weltverbesserung und des Fortschritts. Der amerikanische Kapitalismus und die digitale Boheme sind Freunde geworden. Beiden gefällt das. Auch wenn sie das so deutlich nicht sagen würden.

Es ist das romantische Selbst, wie es die amerikanische Öffentlichkeit zelebriert: Vom Erweckungsgottesdienst über die Castingshow bis zum Beitritt zu Facebook, immer heißt es: „It really changed my life.“ Das Romantische daran ist die Idee der Selbsterschaffung. Ob Arbeit oder Leben, eine Trennung soll es nicht mehr geben. Es geht um die Identität: Was trägt ein Produkt, ein Job, ein Tool dazu bei? Es geht um die Steigerung in allen Lebensbereichen, als individuelles und kollektives Projekt; zur stetigen Ausdehnung der Verfügbarkeit.

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