VW-Managergehälter - Wir brauchen Maximallöhne

Der Vorstand von Volkswagen verdient 170 Mal soviel wie ein durchschnittlicher Angestellter. Auch Vorstandsmitglieder sind nur Angestellte. Selbst bei VW. Für mehr Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft sollten Maximallöhne festgesetzt werden

Forderung: Begrenzung der Boni und Debatte über Maximallöhne. Bild: picture alliance

Autoreninfo

Nils Heisterhagen ist Sozialdemokrat und Publizist. Zuletzt sind von ihm im Dietz-Verlag erschienen: „Das Streben nach Freiheit“ und  „Die liberale Illusion“.

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Nils Heisterhagen

Der Mindestlohn soll Arbeitsarmut entgegenwirken. Ob er das schafft, hängt von seiner Höhe ab. Aber grundsätzlich ist ein Mindestlohn ein Zeichen dafür, dass Arbeit ein auskömmliches Einkommen generieren soll. Ein Mindestlohn ist ein Zeichen gegen Ausbeutung und für bessere Beteiligung aller an Wachstum und Wohlstand. Der Mindestlohn ist ein gutes Zeichen. Ein Maximallohn wäre das auch

Nach Berechnungen der Hans-Böckler-Stiftung verdienten 2011 die VW-Vorstände das 170-Fache eines durchschnittlichen VW-Beschäftigten. Und im Durchschnitt der Unternehmen des Dax-30 verdienten die Bosse 53-mal so viel wie ein normaler Beschäftigter.

Das Einkommensverhältnis verliert so Maß und Mitte. Denn ein durchschnittlicher VW-Beschäftigter verdient dank guter Tarifverträge immer noch überdurchschnittlich und so sind die Gehälter der VW-Top-Manager vom Gehalt der Supermarktverkäuferin, dem LKW-Fahrer oder der Kellnerin noch sehr viel weiter entfernt.

Einkommensschere versus Gerechtigkeit
 

So ein maßloses Einkommensverhältnis ist aber nicht gerecht. Soziale Gerechtigkeit braucht Maß und Mitte. Gerechtigkeit im Kapitalismus soll zwar nicht auf eine völlige Gleichheit zielen – denn das wäre sozialistisch –, aber Gerechtigkeit im Kapitalismus braucht doch die Verhältnismäßigkeit.

Dieses Ziel der Wiedererrichtung der Verhältnismäßigkeit hatte auch die Volksinitiative „1:12 – Für gerechte Löhne“ vom 24.November 2013 in der Schweiz zum Ziel. Ziel der Initiative war, dass ein Top-Manager nicht mehr als das 12-Fache eines gering entlohnten Arbeiters bekommen solle. Mit nur 34,7 Prozent Ja-Stimmen wurde die Initiative aber verworfen beziehungsweise deutlich abgelehnt. Dem reichen Schweizer Volk war diese Initiative dann doch zu viel der Sozialdemokratisierung.

Top-Manager sollten im Monat nicht mehr verdienen als Geringverdiener in einem Jahr
 

Aber die Intuition dahinter ist sehr eingängig und klar: Der Top-Verdiener unter den Top-Managern soll in einem Monat nicht mehr verdienen als der unterste Geringverdiener im ganzen Jahr. Das ist ein einfacher und leicht zu merkender Richtwert. Sofern man leistungsbezogene Boni hier ausklammert und nicht das Verhältnis vom am wenigsten und am besten verdienenden Beschäftigten betrachtet, sondern das Verhältnis zwischen dem Top-Verdiener und dem durchschnittlichen Verdiener des jeweiligen Unternehmens, dann wäre das 1:12-Verhältnis ein guter Richtwert. Gute Manager könnten dann, wenn sie Erfolg haben, mit Boni ihr Gehalt aufbessern. Aber warum ein Top-Manager fünf oder sogar zehn Millionen Euro an Grundgehalt im Jahr bekommen soll, während der durchschnittliche Brutto-Lohn im gleichen Unternehmen bei vielleicht 40.000 Euro im Jahr liegt, ist nicht vermittelbar. Das hat kein Maß und keine Mitte mehr.

Diese 1:12-Initiative würde den Kapitalismus keineswegs in Frage stellen. Top-Manager sind schließlich auch immer noch lediglich Angestellte. Auch sie erhalten einen Lohn vom Arbeitgeber, wie ihre Sekretärin oder die Kantinenbeschäftigte. Auch sie sind Arbeitnehmer. Unternehmer hingegen erhalten gar keinen Lohn. Im Kapitalismus kann man ihnen auch nicht verbieten, Geld mit ihren Unternehmen zu verdienen. Aber Top-Manager sind keine Unternehmer. Sie sind Angestellte. Und in diesem Sinne könnte ein Maximallohn vom Staat festgelegt werden. Der Gedanke wäre: Alle Arbeitnehmer würden dann innerhalb einer bestimmten Spanne verdienen. So könnte man das Einkommensverhältnis politisch steuern. Die Arbeitgeber wären davon nicht betroffen: Denn sie erhalten ja überhaupt keinen Lohn, sondern sie zahlen die Löhne. Die Marktwirtschaft würde also keineswegs in Frage gestellt.

Maximallöhne würden die Marktwirtschaft sozialer machen
 

Vielmehr: Die Marktwirtschaft würde sozialer. Der Satz „Leistung muss sich lohnen“ meint nämlich, dass alle Leistungsgruppen vergleichbar vom Wirtschaftswachstum profitieren sollen – vom ungelernten Arbeiter bis zur Führungskraft, für alle soll es vergleichbare Lohnentwicklungen geben. Und daher ist es ein falsches Zeichen, wenn die Gehälter der Top-Manager exorbitante Steigerungen aufweisen – ohne Grenze nach oben –, während es für den Otto-Normalverbraucher kaum voran geht – und die Kalte Progression die Lohnsteigerungen sogar wieder wegnimmt.

Klar, solange es Boni gibt, gibt es für Manager zuweilen große Steigerungen – wenn sie gute Arbeit geleistet haben. Aber das Grundgehalt sollte eben nicht ständig exorbitante Sprünge – von einem ohnehin schon zu hohen Level – machen. Das Grundgehalt sollte Grenzen haben. Die Boni sollten allerdings auch Grenzen haben.

Für die Deckelung von Spitzengehältern
 

Nun kann dagegen eingewendet werden, dass zwar ein Mindestlohn oder mehr Tarifbindung und bessere Tarifverträge die Marktwirtschaft sozialer machen und eben dafür sorgen, dass Leistung sich für den durchschnittlichen Beschäftigten mehr lohnt. Auf der anderen aber ein Maximallohn Leistung behindert, indem Anreizwirkungen für mehr Leistung verloren gehen. Man könnte auch einwenden, dass ein Maximallohn einen sozialromantisch verklärten Paternalismus des Staates ausdrückt und dass dieser die Marktwirtschaft definitiv nicht sozialer macht. Ein Maximallohn wäre ohne Frage umstritten.

Aber sozial ist die Marktwirtschaft in Deutschland heute eben weniger. Wenn wir über die Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft diskutieren, sollten wir daher auch eine Debatte über die Deckelung von Spitzen-Managergehältern führen. Oder anders gesagt: Wir sollten auch über einen Maximallohn sprechen.

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