Voll die gute Laune

Die Morgenmagazine von ARD und ZDF sind der vorpolitische Raum der Berliner Republik. Sie versammeln die Info-Elite zum Tagesappell.

Moderatoren-Duo des ZDF
() Moderatoren-Duo des ZDF
Drei Millionen schauen zu. Jeden Morgen von 6 bis 9 Uhr bei ARD und ZDF. Darunter die politisch Wichtigen im Lande. Die an Promiklatsch Interessierten lassen sich von RTL oder SAT1 berieseln, die Börsenfreaks studieren auf n-tv die Kurse. Das Bildungsbürgertum und die politische Klasse aber ist auf „Moma“, das Morgenmagazin der Öffentlich-Rechtlichen, abonniert – da ist um diese Stunde die politische Macht zu Gast. Hier werden die Losungen für den Tag ausgegeben, hier werden Themen gesetzt, hier beginnt die Meinungsschlacht. Und das Verblüffende dabei: Das Moma schlachtet mit. Denn eine Woche lang darf der WDR eine fast vergessen geglaubte Rotfunkkultur senden, die andere Woche ist das bürgerliche Lager beim ZDF dran. Das Moma ist so etwas wie der Hybridmotor der deutschen Medienpolitik. Zuweilen reibt man sich die Augen, wie unterschiedlich doch die Links-Rechts-Wechsel ausfallen. Denn es geht nicht nur um politische Richtungen, es geht um Habituelles, um die Alltagskultur, um die Sprache und die Mode. Einmal gibt es die rheinische Reprise der siebziger Jahre mit Schlabber-Jeans und Hängehemd, das andere mal das Lounge-Flair des Merkel-Berlin. Zur Dechiffrierung des Moma ist daher das Allerwichtigste, wer denn gerade dran ist: Mal albert das ARD-Pärchen Sven Lorig und Anne Gesthuysen (beide sind offensichtlich besser als ihre Redaktionen) durch ein Kölner WDR-Studio im Seventies-Sendung-Mit-der-Maus-Orange, um in der Folgewoche den Zeitsprung in die Gegenwart mit Cherno Jobatey und Alexandra Vacano, Christian Sievers und Patricia Schäfer zu erleben. Die von Martin Hövel und Hanno Frings geleitete WDR-Redaktion wirkt dabei zuweilen wie eine Endmoräne des Alt-68er-Kampagnenjournalismus; da wird rechtzeitig zur Hessischen Landtagswahl aus einer sonntäglichen „Anne Will“-Sendung ein Zitat von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Thema Jugendkriminalität gegen die Kampagne von Ministerpräsident Roland Koch in Stellung gebracht und als Thema des Tages das Jahr 2008 als „Streikjahr“ proklamiert. Im Interview auf dem voluminösen Sofa darf der Vorsitzende des Deutschen Beamtenbundes Peter Heesen eine achtprozentige Gehaltserhöhung für den öffentlichen Dienst fordern. Am Rosenmontag bietet Werner Sonne – der ist so etwas wie der Franz Müntefering des deutschen TV-Journalismus – als Zuschaltung aus Berlin Paul Schäfer, dem verteidigungspolitischen Sprecher der Linken, eine Plattform, um gegen den vom Bundestag beschlossenen Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu wettern. Im Interview mit dem ARD-Korrespondenten in Kabul legt dann die Moderatorin noch einmal nach: „Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen in Afghanistan jetzt ganz andere Sorgen haben als eine schnelle Eingreiftruppe…“ Die Moma-Propagandistin lässt nicht locker und stellt exakt die gleiche Frage eine Stunde später Citha Maaß von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Und auch im insistierenden Interview mit einem norwegischen Offizier versucht sie verzweifelt, für den Bundeswehr-Einsatz höchste Gefahren zu suggerieren: „Wie gefährlich ist Ihr Einsatz? Mit wie viel Toten müssen wir rechnen?“ Planken will eine „große Debatte in Deutschland“ darüber. Im Wirtschaftsteil werden dann wieder Gewerkschaftsforderungen nach mehr Lohn und Gehalt gegenüber der „so gut verdienenden“ Telekom und der Stahlindustrie ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt; in der Stahlproduktion sei die Arbeitsbelastung sehr hoch, die Gesundheit werde gefährdet. Prominent kommen IG-Metaller zu Wort, auf ein Statement der Arbeitgeber wartet man vergebens. Der FDP wird in einem Beitrag anklagend vorgehalten, sie sei nach dem Koalitionswechsel im Jahr 1982 mit dem Stigma einer „Machtversessenen Umfallerpartei“ behaftet und wolle auch nach der Bundestagswahl 2009 leider nur wieder mit der Union und nicht mit der SPD koalieren: „Punkt, aus, Ende!“ Weniger ideologisch eingebunkert kommt das ZDF-Team daher – schon farblich abwechslungsreicher und berlinisch-modern. Das ZDF-Moma spielt ein bisschen coole Lounge, vermittelt aber auch den Eindruck, in Berlin am politischen Geschehen einfach näher dran zu sein. Politiker verschiedener Parteien kommen häufiger live zu Wort, nur die der Linkspartei so gut wie nie, die müssen auf den WDR hoffen. Gäste bevölkern ein lichtes Studio Unter den Linden, und führende Journalisten aus den Printmedien geben im Studio einen Überblick über das Meinungsspektrum zu den Themen des Tages. Alles wirkt offen und liberal. Habituell regiert hier ein mittiger Merkel-Stil mit grünen Einsprengseln, das WDR-Moma hat als kulturellen Paten eher Oskar Lafontaine. Und so kann der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz nur im ZDF mahnen, Mindestlöhne und zu hohe Tarifabschlüsse seien eher schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Bei Fragen versucht das ZDF-Team sich ideologisch weniger festzulegen. Statt links und rechts wählt man im Zweifel lieber Charme. Hier hilft auch der heimliche Star, den die Momas zurzeit präsentieren und der einen bemerkenswerten Wandel vom Turnschuh-Witzbold zum Glaubwürdigkeits-Journalisten hinbekommen hat: Cherno Jobatey merkt man nicht an, ob er nun links- oder rechtsherum denkt, er ist immer dabei, aber nie Partei. Interviews von ihm sind auch deswegen beim Publikum so beliebt, weil er mit der Raffinesse des Understatements kritisiert; nicht nur Minister Seehofer kam ins Stammeln, als er beim Thema „Gammelfleisch“ auf eine harmlos daherkommende Frage die amtlichen Richtlinien auf der Website seines Ministeriums nicht erklären konnte. Und da kommt dann wirklich gute Laune auf. Zur Webseite von Cherno Jobatey (Foto: Picture Alliance)

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