Umsonst kommt nichts!

Mit dem Opel-Einkauf ist Frank Stronach in Deutschland bekannt geworden. In Österreich hofiert man den Magna-Eigentümer schon lange als Sonnenkönig. Eine Reise durchs Imperium eines schillernden Tycoons.

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Vermutlich erhärtet sich der Verdacht, Frank Stronach unterwerfe die Welt gerne seinen eigenen Regeln, nirgendwo so wie in Oberwaltersdorf. Im kleinen Ort bei Wien liegt die Europazentrale des Automobilzulieferers Magna: der Mega-Konzern des 76-jährigen Austro-Kanadiers Stronach, der nun grünes Licht für den Einstieg bei Opel bekommen hat. Der Schritt über die Brücke an der Hauptstraße auf das 160 Hektar große Areal des Industrie-Tycoons ist der Schritt ins Herzstück eines stetig expandierenden Paralleluniversums. Hinter Stronachs Privatresidenz, einem renovierten Schloss aus dem 15. Jahrhundert, führt die „Magna Straße“ durch oppulente Blumenbeete, manikürte Rasenflächen und meterhohe Hecken bis zur Hauptverwaltung. Der Palast im Stil der Renaissance ist eine detailgetreue Kopie der Konzernzentrale in Kanada. Als Kulisse hat Stronach sich den Luxuswohnpark „Fontana“ bauen lassen – ein ganzes Dorf von nagelneuen, verkäuflichen Prunkvillen, appetitlich um eine knatschgrüne, künstliche Lagune drapiert. Eingebettet ist das Areal in eine der größten Golfanlagen des Landes. Der Parkplatz ist belegt mit schweren Limousinen – die Elite der Alpenrepublik zu Gast bei Stronach. Das hier ist nicht mehr Niederösterreich. Es ist das Beverly Hills der neunziger Jahre Sitcoms. Oder das, was ein Arbeiter vom Land sich darunter vorstellt. Der mächtige Mann, den die Presse schon den „heimlichen Kaiser von Österreich“ nannte, wurde 1932 als Franz Strohsack in einem Verschlag der Barackensiedlung im steirischen Kleinsemmering geboren. Fließendes Wasser gab es nicht, seine Eltern, der Kommunist Anton „Toni“ Adelmann und die Gelegenheitsarbeiterin Elisabeth „Liesl“ Strohsack, waren nie verheiratet und trennten sich, als Franz fünf Jahre alt war. Er und seine Schwester folgten der Mutter in den Nachbarort Weiz. Hilda Gangl, eine runzlige Dame im Blümchenkleid, erinnert sich noch, wie Liesl Strohsack im Dorf nach Essensresten für das Schwein der Familie bettelte. Betteln war nicht Franz Strohsacks Art, erinnert sich Engelbert Gepp. Der greise Mann ist heute 78 und bis heute mit ihm, den er damals „Franzl“ nannte, befreundet. Sie lernen sich kennen, als Franz mit 14 eine Lehre bei der Elektrofabrik Elin beginnt. Strohsack sei schon damals ein „Strizzi“ – ein Schlawiner – gewesen, der Regeln übertrat, wenn er ein Ziel vor Augen hatte. Beim Metzger im Ort zum Beispiel. Der hatte seinen Bernhardiner vor der Tür angebunden. Strohsack marschierte herein, behauptete wimmernd der Hund habe ihn gebissen, und schon bekam er eine Wurstsemmel als Entschädigung. Dabei, erinnert sich Gepp, sei Franz eigentlich ein „harter Brocken“ gewesen. Einer, der beim Fußball auch nach dem brutalsten Foul noch weiterspielte. Und wenn er sich bei der Arbeit einen blauen Finger schlug, griff er zum Millimeterbohrer, drillte ein Loch in den Nagel, ließ das Blut abfließen und machte weiter. Die gleiche Arbeitsmoral erwartete Strohsack auch von anderen: Er sei immer fair gewesen, aber die Werkzeugmacher unter ihm mussten schuften, sagt Gepp. „Umsonst kommt nichts“, sei schon damals das Motto des heutigen Magnaten gewesen. Warum Franz mit 22 Jahren auswanderte? „Der wollte immer nach oben“, sagt Gepp und lacht. Franz heuerte auf einem Überseedampfer an, landete in Montreal, sammelte Golfbälle, spülte Teller in einem Krankenhaus und gründete 1957 schließlich in einer Garage in Toronto seine erste Firma. Der Rest ist Geschichte: Er bringt den Autozulieferer Magna an den Start und setzt mit Armaturen, Bremsen und anderem Zubehör bis Ende der Siebziger knappe 150 Millionen Dollar im Jahr um, heute ist Magna ein Global Player mit 74000 Angestellten in 25 Ländern. Als der Exilant in den Sechzigern zum ersten Heimatbesuch zurückkehrte, war aus dem „Franzl“ Strohsack „Fränk“ Stronach geworden, der mit einem blauen Pontiac vorfuhr und das ganze Dorf in Neid und helle Aufregung versetzte. Er musste sich keine Wurstsemmel mehr ertricksen. Aus dem „oarmen Bürschl“ war ein Gönner geworden. Er lud alte Freunde auf die Piste nach Graz ein, eroberte kurzerhand seine jetzige Frau Elfriede und nahm sie mit nach Kanada. „Frauen wie hier gibt’s da drüben nicht“, resümiert Gepp. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand in Österreich, dass diese Beute nur ein winziger Vorgeschmack war. Bald sollte das Land einen Grundsatz der Stronach’schen Lebensphilosophie erleben, den er bis heute unermüdlich apostoliert: „Wer das Gold hat, macht die Regel. Und ich habe das Gold.“ Noch unter dem Radarschirm der breiten Öffentlichkeit hatte der ­Stronach begonnen zu expandieren, gründete erste Magna-Zweigstellen und errichtete die Europazentrale. Doch als Denkmal reichte ihm das nicht: Mitte der Neunziger plante er vor Wien eines der „spektakulärsten Bauwerke der Welt“: Eine zweihundert Meter hohe Weltkugel mit integriertem Erlebnispark, Einkaufszentrum, einer Abenteuerbahn auf Schienen. Das Mammutprojekt wurde trotz diverser rechtlicher Einwände kommentarlos durch alle Gremien und Behörden gewunken, kritische Gutachter zogen sich urplötzlich und überraschend zurück. Erst an den Naturschutzrichtlinien der EU scheiterte das Projekt. Für den ehemaligen, liberalen Abgeordneten Volker Kier vom Institut für offene Gesellschaft ist das ein klares Zeichen dafür, dass Stronach längst begonnen hatte, sich auch die Regeln des Landes nach Belieben zurechtzubiegen. „Stronach trickst, ohne Spuren zu hinterlassen, unter Einflussnahme der Politik und gerne mit Umgehung demokratischer Legitimation“, sagt Kier. „In Deutschland würde das nie funktionieren. Österreich aber ist so klein, dass die Eliten eh oft unter einer Decke stecken.“ Wenn das so ist, bewies Stronach wenig später, wie gut er dieses Spiel beherrscht: als er 1998 als Käufer des angeschlagenen Grazer Traditionskonzerns Steyr-Daimler-Puch auf die Bühne trat. Spätestens ab dem Moment konnte Österreich den skurrilen Herren mit dem amerikanischen Kaugummiakzent nicht mehr ignorieren. Einerseits, weil er damit zum unersetzlichen Träger der nationalen Wirtschaft geworden war. Andererseits, weil dem Deal schon wieder der Geruch der Vetternwirtschaft anhaftete. Eine öffentliche Verkaufsausschreibung fehlte, der Kaufpreis war niedrig, der Verkäufer, die Austria Creditanstalt, verdächtig: Bankenchef Gerhard Randa saß gleichzeitig im Aufsichtsrat von Magna. Als schließlich 2003 bekannt wurde, dass Stronach mit der Staatsholding ÖIAG geheime Verhandlungen über den Verkauf des Linzer Stahlkonzerns ­VÖEST führte, brach ein öffentlicher Sturm der Entrüstung los. Stronachs Kronprinz, der Magna-Europa-Chef Siegfried Wolf, saß als Aufsichtsrat in der ÖIAG. Und der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser, ein bekannter Günstling ­Stronachs, war vorher Magna-Konzernsprecher gewesen. Der Kauf ersoff vor Abschluss im Protestregen. Stronachs Gold fließt nicht nur in Konzerne, die er regeln kann, sondern auch in die Taschen der Leute, die sich mit Österreichs Regeln auskennen: „Stronach liebt es, den großen Zampano zu machen, und sich Secondhand-Politiker in seinen Zoo zu holen“, sagt Volker Kier. Tatsächlich gab und gibt sich die Ex-Polit-Prominenz der Alpenrepublik in der Magna-Zentrale die Türklinke in die Hand: Neben Schlüsselfiguren wie Grasser, dem Ex-SPÖ-Geschäftsführer ­Andreas ­Rudas oder Verkehrsminister a. D. Mathias Reichhold gehört dazu auch der ehemalige Bundeskanzler Vranitzky: Seit Jahren sitzt er im Aufsichtsrat, seine Kontakte nach Berlin waren Wegbereiter für den Opel-Deal. Und mit jedem Meter, den ­Stronachs Imperium wächst, mit jeder Figur, die er integriert, weitet sich auch die Einflusssphäre seiner Regeln. Doch von der Unternehmenskultur bei Magna habe er nur profitiert, erzählt ein ehemaliger Manager. „Lustig“ sei es da zugegangen, und „unternehmerisch“, anders als in einem „militant hierarchisch strukturierten Betrieb“ wie beispielsweise Siemens. Stronach selbst sei unkompliziert, duze die Leute, und bei Standortbesuchen esse er in der Kantine mit den Arbeitern. Und in der Adventszeit engagiert er einen Weihnachtsmann, der die Kinder der Belegschaft in seinem Schloss bespaßt. Anfangs installierte Stronach in seinen Standorten statt Betriebsräten sogenannte Fairness-Komitees. „Eine Lachnummer“, findet Rene Schindler von der Geschäftsführung Gewerkschaft Metall-Textil, die früher mit Magna im Clinch lag. „Die Arbeiter werden dann zwar an den Gewinnen beteiligt, haben aber keinerlei Schutz oder Rechte.“ Fast überall hat Stronach heute Betriebsräte zugelassen. In der Zweigfirma „Magna Heavy Stamping“ bei Weiz allerdings noch nicht. Vorsitzende des dortigen „Fairness-Komitees“ ist ausgerechnet Frank Stronachs jüngere Halbschwester Gertraud. Sie steht im Polohemd mit sportlicher Meckifrisur vor dem schlichten Elternhaus in Weiz, was sie bis heute bewohnt. Sie strahlt, wenn sie von ihrem Bruder spricht. Wenn er in den Raum käme, würden sich alle aufführen wie „gackernde Hühner“. Das Theater versteht sie nicht. „Der Fränk“, sagt sie, „ist doch ganz einfach und bescheiden. Halt ein Arbeiter.“ Foto: Picture Alliance

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